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Britische und deutsche Offiziere, sich für einige Stunden im Niemandsland an der Westfront verbrüdernd.

Weihnachten 1914

Der wilde Streik am Heiligen Abend

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"Wir spielten Mundharmonika, dazu sangen sie, und wir klatschten": Weihnachten 1914 widersetzten sich etwa hunderttausend verfeindete Soldaten der Generalität und legten an verschiedensten Abschnitten der Westfront eine Waffenruhe ein.

In einem Brief an seine Eltern schreibt J. Selby Grigg vom Frontabschnitt in der Nähe von Ploegsteert (Belgien) an seine Eltern über seinen 25. Dezember 1914: „Als Turner, ich und einige Kameraden nach dem Frühstück aus den Schützengräben krochen und herumspazierten, stießen wir auf eine Ansammlung von etwa einhundert Soldaten aller Nationalitäten, die zwischen den Gräben ein regelrechtes Kaffeekränzchen abhielten. Wir fanden heraus, dass unsere Feinde Sachsen waren. Meist unter einundzwanzig und über fünfunddreißig. Ich kratzte mein letztes bisschen Deutsch zusammen und unterhielt mich mit einem. Keiner von ihnen schien eine persönliche Feindschaft gegen England zu hegen, alle sagten, sie wären heilfroh, wenn der Krieg endlich vorbei sei. Turner machte mit seiner Kamera ein paar Aufnahmen, von denen ich hoffe, dass ihr sie einmal sehen werdet.“

Briten und Deutsche taten sich zusammen

Von dem berühmten Weihnachtsfrieden, der Weihnachtswaffenruhe („Christmas Truce“) von 1914 haben sich nur wenige Dokumente erhalten. So zum Beispiel der Leserbrief eines Soldaten an den sozialdemokratischen „Vorwärts“, der schildert, wie es an seinem Frontabschnitt zum Weihnachtsfrieden kam. Es gibt Berichte von Fußballspielen, die im Niemandsland zwischen den Schützengräben stattgefunden haben sollen. „Wir kennzeichneten die Tore mit unseren Mützen“, schrieb der deutsche Leutnant Johannes Niemann der Londoner „Times“. „Die Mannschaften waren rasch aufgestellt, und die Fritzen schlugen die Tommies 3:2.“ Das klingt mehr nach einem Scherz als nach einem Augenzeugenbericht.

Als Papst Benedikt XV. Anfang Dezember dazu aufforderte, doch wenigstens Weihnachten, Heiligabend, „in der Nacht, in der die Engel singen“, den Krieg zu unterbrechen, hatten die Regierungen aller beteiligten Staaten das abgelehnt. Aber dann taten sich an den verschiedensten Abschnitten der Westfront doch insgesamt etwa 100 000 britische und deutsche Soldaten zusammen, um für ein paar Stunden oder gar ein paar Tage die Waffen ruhen zu lassen.

Beim Dorf Fromelles in Frankreich – westlich von Lille und etwa 30 Kilometer südlich von Ypern – feierten deutsche und britische Truppen gemeinsam einen Gottesdienst. „Psalm 23 (‚Der Herr ist mein Hirte …‘) wurde gesprochen, zuerst auf Englisch vom Regimentspfarrer und dann auf Deutsch von einem englischen Studenten. Die Deutschen standen auf einer Seite, die Briten auf der anderen, alle hatten ihre Kopfbedeckungen abgelegt, erinnert sich der Second Lieutenant Arthur Pelham Burn in seinem Tagebuch“, so Wikipedia. An einem anderen Frontabschnitt tauschten die Truppen deutsches Bier und englische Christmas Puddings.

Im Bataillonstagebuch der Scots Guards findet man im Dezember 1914 diesen Eintrag: „Zwischen Schotten und Hunnen (englisches Schimpfwort für Deutsche) fand weitestgehende Verbrüderung statt. Alle möglichen Andenken wurden ausgetauscht, Adressen gingen her- und hinüber, man zeigte sich Familienfotos usw. Einer von uns bot einem Deutschen eine Zigarette an. Der Deutsche fragte: ‚Virginia‘? Unserer sagte: ‚Klar, straight-cut Schnitt‘. Darauf der Deutsche: ‚Nein, danke, ich rauche nur türkischen…‘ Darüber haben wir alle sehr gelacht.“

Es wurde viel fotografiert damals, aber es ist nur wenig erhalten. Es soll, so schreibt Guido Knopp in seinem Buch „der Erste Weltkrieg – Die Bilanz in Bildern“, in Plauen ein Fotogeschäft gegeben haben, das deutsche Aufnahmen vom Weihnachtsfrieden in seinem Schaufenster ausstellte. „Doch schon nach wenigen Tagen waren sie aus der Auslage verschwunden – die Berichte von den deutsch-britischen Fraternisierungen passten nicht zur Stimmung in der Heimat, die noch immer von einem eisernen Patriotismus bestimmt wurde. Die Fotos sind verschollen.“

Es ging nicht nur um Stimmung. Am 29. Dezember erklärte der Generalstabschef der kaiserlichen Streitkräfte, Erich von Falkenhayn, dass jeder Soldat, der in unkriegerischer Haltung den Schützengraben Richtung Feind verlasse, vor ein Kriegsgericht zu stellen sei.

Nicht überall und nicht sofort konnte sich Falkenhayn durchsetzen. Ebenso wenig wie die englische Führung, die noch am selben Tag sich ebenfalls gegen die Waffenruhe der Soldaten in den Schützengräben gewandt hatte. Der 25-jährige Philosophiestudent Karl Aldag schreibt von der Westfront nach Hause: „Ganz eigenartig war Silvester hier. Es kam ein englischer Offizier mit weißer Fahne herüber und bat um Waffenruhe von 11 bis 3 Uhr zur Beerdigung der Toten. Sie wurde gewährt. Es ist schön, wenn man nicht mehr die Leichen vor sich liegen sieht. Die Waffenruhe aber wurde ausgedehnt. Die Engländer kamen aus ihrem Graben heraus in die Mitte, tauschten Zigaretten und Fleischkonserven, auch Photographien aus mit den Unsrigen, sagten, sie wollten nicht mehr schießen. So herrscht vollständige Ruhe, die einem seltsam vorkommt. Es konnte nicht so weitergehen, und so schickten wir hinüber, sie möchten in den Graben gehen, wir würden schießen. Da antwortete der Offizier, es täte ihnen leid, die Leute gehorchten nicht. Sie hatten keine Lust mehr. Die Soldaten sagten, sie könnten nicht mehr im nassen Graben liegen. Es sind ja Söldner. Sie streiken einfach.“

Fackeln wurden geschwenkt und Hurra geschrien

Und Aldag fährt fort: „Wir schossen natürlich nicht, denn auch unser Laufgraben ist stets voll Wasser, und es ist gut, dass wir über die Deckung gehen konnten ohne Lebensgefahr. Silvester riefen wir uns die Zeit zu und verabredeten, um 12 Uhr Salven zu schießen. Der Abend war kalt. Wir sangen Lieder, sie klatschten Beifall (wir liegen 60 bis 70 Meter gegenüber), wir spielten Mundharmonika, dazu sangen sie, und wir klatschten. Dann fragte ich, ob sie nicht auch Musikinstrumente da hätten, und dann kriegten sie einen Dudelsack vor (es ist die schottische Garde mit den kurzen Röcken und den nackten Beinen), sie spielten ihre schönen elegischen schottischen Lieder darauf, sangen auch. Um 12 Uhr knatterten dann Salven von beiden Seiten in die Luft! Dazu ein paar Schüsse unserer Artillerie. Die sonst so gefährlichen Leuchtkugeln prasselten auf wie ein Feuerwerk, mit Fackeln wurde geschwenkt und Hurra geschrien. Wir hatten uns einen Grog gebraut und tranken den mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm und das neue Jahr.“

So kann man es lesen in Brigitte Hamanns „Der Erste Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten“. Im neuen Jahr war wieder Krieg. Zwei Wochen später war Karl Aldag tot.

Die englischen Zeitungen hatten sofort über die Weihnachtsfeiern an der Front berichtet. In den meisten deutschen Zeitungen, die darüber schrieben, wurde nicht versäumt, sich über die Fraternisierung zu empören. Die französische Presse, so schreiben die Historiker, schwieg über den Weihnachtsfrieden. Wer heute mehr wissen will, der lese die deutschen und englischen Wikipedia-Beiträge, vor allem aber Michael Jürgs’ „Der kleine Frieden im Großen Krieg: Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten“ (Bertelsmann, 2003).

Als Gegengift gegen die zum Kitsch neigende Weihnachtsfrieden-Legendenflut empfiehlt sich auch Stephen Moss’ Artikel zum Thema im „Guardian“ vom 16. Dezember. Er erinnert daran, dass fast fünfzig Jahre lang kaum jemand sich für den Weihnachtsfrieden interessierte, bis 1963 die Show „Oh! What A Lovely War“ herauskam. In dem später von Richard Attenborough verfilmten Musical spielt der Weihnachtsfriede eine große Rolle. Er passte in die Hippie-Welt der 68er Gegenkultur.

Pflege des eigenen Kitsch

1983 verarbeitete Paul McCartneys „Pipes of Peace“ und das zugehörige Video die Geschichte. Christian Caron kam 2005 mit einem Spielfilm über den Weihnachtsfrieden heraus: „Frohe Weihnachten“ mit u.a. Diane Kruger, Benno Fürmann, Daniel Brühl und Michel Serrault.

Aus Adam Hochschilds „Der große Krieg – Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg“ seien noch zwei sehr unterschiedliche Ansichten auf den Weihnachtsfrieden zitiert. Sie zeigen, wie jeder seinen eigenen Kitsch pflegt.

Keir Hardie (1856–1915), einer der Begründer der Labour-Party, erklärte: „Wie kann man so friedfertige Männer ausschicken, sich gegenseitig umzubringen! Sie haben keinen Streit. Wenn der Krieg vorüber ist, werden sie alle erkennen, dass die Lügen, die ihnen von ihrer Presse und ihren Politikern aufgetischt wurden, vorsätzliche Irreführung waren, dass die Arbeiter der Welt sich nicht als ‚Feinde‘ gegenüberstehen, sondern Genossen sind.“

Der Weihnachtsfriede sei, so interpretiert Hochschild Keir Hardie, „eine Art eintägiger wilder Streik gegen den Krieg gewesen. Und wenn er auf diese Weise stattfinden könne, warum dann nicht auch in Form eines Generalstreiks, bevor der Krieg noch länger dauere?“

Ganz anders sah die Sache Sir John French (1852–1925), einer der höchsten Militärs Großbritanniens. Sowie er vom Weihnachtsfrieden hörte, verbot er die Fortsetzung der Fraternisierungen. Nach dem Krieg äußerte er sich dann so über den Christmas Truce von 1914: „Soldaten sollten sich nicht an der Politik beteiligen, sondern ihr Zusammengehörigkeitsgefühl pflegen und den Rittern alter Zeit nacheifern, indem sie einem tapferen Feind fast die gleiche Ehre erweisen wie einem Kameraden.“

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