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Ein junger Palästinenser feiert in Rafah Fahne schwenkend die israelische Räumung des Gaza-Streifens.

Wiedergeburt der Träume

Nach dem Ende der jüdischen Siedlungen in Gaza setzen die Palästinenser alle Hoffnung auf den Aufbau des Landes

Von INGE GÜNTHER (GAZA-STADT)

Die Skepsis steht Musbah Ibrahim Schamalak ins Gesicht geschrieben. Als ob er nicht ganz glauben könnte, was er mit eigenen Augen gesehen hat. Der 65-jährige Palästinenser hat sein Leben lang hart gearbeitet. Vor allem in den letzten Jahren, als die Soldaten seine Felder nahe der jüdischen Gaza-Siedlung Netzarim beschlagnahmten, war es ein Kampf ums Überleben.

"Nie hätte ich gedacht", sagt er und schüttelt den Kopf, "dass die Israelis eines Tages tatsächlich abziehen." Schamalak sitzt mit seinen Söhnen im Sand vor dem Haus südlich von Gaza-Stadt und schenkt den Besuchern gesüßten arabischen Kaffee aus. Für alle zugleich eine willkommene Fernsehpause.

Ungezählte Stunden hat die Familie seit einer Woche dicht gedrängt vor der Glotze verbracht, um zu verfolgen, wie sich die Dinge ein paar Kilometer weiter entwickeln. Dort, wo bislang der Siedlungsblock Gusch Katif lag. "Wir mussten uns einfach selbst überzeugen", beschreibt Sohn Hamad (33) seine Gefühle angesichts der dramatischen Bilder von der Zwangsräumung der Gaza-Kolonien. "Je mehr ich sah, umso entspannter wurde ich."

Vater Musbah Ibrahim blickt dennoch aus tiefen Gesichtsfurchen drein, wie einer, der nicht recht weiß, wie ihm geschieht. Er will die Seinen vor hochfliegenden Träumen bewahren, die leicht zerplatzen könnten. Und erhofft doch selber nichts so sehr, wie möglichst schnell auf seinen Acker zurückkehren zu können. "Es wäre mein glücklichster Tag."

Den Anflug von Vorfreude erlaubt er sich allenfalls im Konjunktiv. Es bedarf auch einiger Phantasie, um sich hier, im Scheich Eschlin-Gebiet, wieder blühende Landschaften vorzustellen. Die meist unverputzten Wohngebäude tragen die Narben von Einschusslöchern.

Das angrenzende Agrarland ist nur noch eine wüste Fläche. Die Bulldozer der israelischen Truppen haben nach Beginn der Intifada im Herbst 2000 alles, was wächst, planiert. Olivenbäume, Orangenhaine, Gemüseplantagen. Jeder Strauch stand unter Verdacht, bewaffneten palästinensischen Guerilleros als Deckung für einen Angriff zu dienen.

Die Familie Schamalak hat noch traumatische Erinnerungen an den Tag, es war der 21. Juni 2001, als Lautsprecher der Armee sie und andere Palästinenser während der Ernte auf dem Feld aufschreckten. "Die Soldaten riefen uns zu, sofort das Areal zu verlassen. Wir hatten furchtbare Angst und rannten nach Hause", berichtet der Vater.

Hinter ihnen der Donner von Munitionssalven, womöglich als Warnschüsse gemeint, dennoch tödlich für einen neunjährigen Jungen aus der entfernten Verwandtschaft der Schamalaks. "Seitdem hat keiner von uns mehr einen Fuß dorthin gewagt." Ihren Lebensunterhalt mussten sie von da an aus dem kargen Erlös bestreiten, der ihnen vom An- und Verkauf fremder Leute Früchte auf dem Markt blieb.

Der Streifen vor dem Haus, auf dem sie ein paar Tomaten und Paprika für den eigenen Bedarf züchten, ist nicht breiter als eine Hecke. Existenzängste und Zukunftssorgen waren bislang feste Konstanten im Leben von Musbah Ibrahim Schamalak.

Wie soll einer wie er glauben, dass auf einmal die Wende zum Guten gekommen ist? "Nichts ist klar", meint er kopfschüttelnd, "keiner weiß doch, was die nächste Zeit uns bringt." Noch fällt der Blick vom dreistöckigen Nachbarhaus auf die roten Ziegeldächer von Netzarim. Spätestens Dienstag soll auch diese jüdische Enklave als letzte in Gaza geräumt werden - deren Bewohner wollen dann übergangsweise Quartier in Studentenherbergen der Westbank-Siedlung Ariel beziehen.

Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas hat am Wochenende per Erlass verfügt, Gusch Katif nach der Übergabe in öffentliches Eigentum zu verwandeln. Es ist ein beachtliches Territorium: Der autonome Teil des insgesamt 45 Kilometer langen und durchschnittlich zehn Kilometer breiten Küstenstreifens wächst um ein Drittel. Viele Palästinenser, so auch die Schamalaks, versprechen sich davon endlich Platz für Schulen, Hospitäler oder auch Parks, all das, woran es im übervölkerten Gaza bislang so mangelt.

Nur, keiner hat bislang den Bauern versichert, dass sie ihr Land rund um Netzarim zurückerhalten werden. Gerüchte florieren indes, das Areal werde für Lagerhäuser gebraucht, wenn demnächst der Tiefseehafen von Gaza-City entstehe.

Anders als der Vater setzt Hamad da sein volles Vertrauen in die Autonomiebehörden. "Natürlich", ist er überzeugt, "werden die nach Recht und Gesetz vorgehen und uns nicht ohne Entschädigung enteignen." Die Regierung Abbas jedenfalls gibt bislang ihr Bestes, um vor allem die junge Generation für das große Aufbauprojekt Gaza zu gewinnen.

Quasi über Nacht schmücken Poster in modernem Design allüberall die Straßen in Gaza-City. "Der Abzug" steht auf einem in großen arabischen Lettern. "Lasst uns jetzt unseren Staat errichten." Darüber das Konterfei eines bildhübschen Jungen, der träumerisch aufs Meer schaut.

Derart wird in vielen Varianten geworben, nach der Befreiung konstruktiv zu sein. Mohammed Dahlan, ein enger Vertrauter von Abbas und derzeit für die Abzugskoordination mit den Israelis zuständig, hat eine Menge Leute, darunter PR-Berater aus aller Welt, für den Kampf um die öffentliche Meinung mobilisiert. Selbst Premier Achmed Kureia (Abu Ala) hat medienwirksam mit Hand angelegt, um die alte blutrünstige Märtyrer-Graffiti auf den Straßenmauern zu übertünchen.

Doch die Militanten von Hamas und Dschihad sind nicht minder müde, ihre eigene Botschaft plakativ zu verbreiten. Und die lautet: "Vier Jahre Widerstand haben über zehn Jahre Verhandlungen obsiegt." Der Imam der Al Khalfa-Moschee in Gaza größtem Flüchtlingslager Dschabalja ist einer ihrer Mentoren, seine Predigt gespickt mit Lobpreisungen an die bewaffneten Brigaden, die nicht eher Ruhe geben sollten, bis ganz Palästina befreit sei. "Unsere Steine, Bomben und Raketen haben die Besatzer vertrieben. Unsere Glückwünsche gehören den Kämpfern." Die Moschee ist zu voll, um den Andrang zu fassen. Selbst in den schmalen Seitenstraßen knien gläubige Moslems auf dem heißen Kopfsteinpflaster.

Befragt wie er die Worte des Imam verstanden habe, erwidert später Imad Abdel Rahman, von Beruf Sportlehrer: "Nun ja, Widerstand und Aufbau muss Hand in Hand gehen", wobei seiner Ansicht nach der Schwerpunkt in Gaza auf Aufbau und in der Westbank auf Widerstand liegen solle.

Angesichts der für den 25. Januar terminierten Parlamentswahlen kann auch die Hamas, die sich beteiligen will, die Stimmung im Volk nicht ignorieren. Und die, bei allem Respekt für tote "Märtyrer", ist eher der Zukunft zugewandt. Wie hat es Hamad Schamalak beim Abschied ausgedrückt? "Ich will frei sein, besser als gehabt leben, wegen mir in Frieden an der Seite Israels."

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