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Inge Deutschkron am Mittwoch vor dem Bundestag.

Holocaust-Gedenken im Bundestag

Nie wieder Sprachlosigkeit

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Im Bundestag reflektiert die deutsch-israelische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron über Nationalsozialismus, Holocaust und Verdrängung.

Im Bundestag reflektiert die deutsch-israelische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron über Nationalsozialismus, Holocaust und Verdrängung.

Als sie zum Rednerpult des Bundestages geht, muss Inge Deutschkron von Bundespräsident Joachim Gauck gestützt werden, doch als sie Platz nimmt und ihre Rede beginnt, ist ihre Stimme fest. Die deutsch-israelische Schriftstellerin und Holocaust-Überlebende hat diesen Tag herbeigesehnt. Sie, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Wahrheit über den Holocaust zu erzählen, „die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte“, spricht als Gastrednerin bei der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin.

Der Reichstag ist an diesem Mittwoch bis auf den letzten Platz gefüllt, die Kanzlerin, die Minister, die Abgeordneten sind da und hören der 90-Jährigen zu, die vielleicht als eine der letzten Zeitzeuginnen vor ihnen spricht. Inge Deutschkron nutzt die Gelegenheit, um zu schildern, was der Holocaust mit ihrer Familie gemacht hat. Sie erzählt von ihrer Wut, dem Schmerz und dem Schuldgefühl der Überlebenden und vom Desinteresse des Nachkriegsdeutschlands an der Aufarbeitung. Anschaulich schildert sie die täglichen Demütigungen und Schikanen, die sie als Jüdin nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 erleiden musste. „Um unsere Ausgrenzung perfekt zu machen, wurden die Telefonkabel durchschnitten, nahm man uns die Radioapparate weg. Der Ganz zum Friseur wurde verboten sowie das Waschen unserer Wäsche in einem Salon. Seife durfte uns nicht verkauft werden.“

Nicht mal Eier und Kuchen durften an sie verkauft werden, erzählt Inge Deutschkron, und man spürt auch heute noch ihre Fassungslosigkeit. Die letzte Deportation aus Berlin habe mehrere Tage gedauert, „dann waren sie alle weg – meine Familie, meine Freunde. Wo waren sie jetzt, was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu fühlen“, sagt Deutschkron. Sie war ein Opfer, doch „dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los“. Ihr Vater, ein Gymnasiallehrer, hatte nach England fliehen können, sie und ihre Mutter versteckten sich zwei Jahre und vier Monate in Berlin und entkamen so dem Holocaust.

Wehr’ dich!

Als sie 1956 jedoch als Journalistin für eine israelische Zeitung nach Bonn ging, traf die bekennende Sozialistin dort nur auf Sprachlosigkeit. „Das deutsche Volk jener ersten Nachkriegsjahre wurde beschützt von seinem ersten Kanzler, der im Parlament in einer Regierungserklärung behauptet hatte, die Mehrheit der Deutschen wären Gegner der Verbrechen an den Juden gewesen.“ Und wieder spürt man ihre Wut. „Lass dir nichts gefallen, wenn dich jemand angreifen will. Wehr’ dich!“ Dieser Satz ihrer Mutter hat ihr Leben bestimmt.

Dass es beim Gedenken nicht nur um die Vergangenheit geht, hatte zuvor Bundestagspräsident Norbert Lammert deutlich gemacht. Auch heute noch sei es notwendig, die Demokratie zu verteidigen, sagte er. Das zeigten „in jüngster Zeit die unglaubliche, entsetzliche NSU-Mordserie und antisemitisch motivierte Gewalttaten“.

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