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Der Schriftzug „Budapest“ steht auf dem auf dem Heldenplatz mit dem Millenniums-Denkmal.
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Eine Budapesterin bekommt immer mehr den Eindruck, dass Ungarn im großen Ganzen in die falsche Richtung läuft - die EM 2021 macht das deutlich.

„Wie unter Wasser gedrückt“

Warum eine Budapesterin Viktor Orbáns Reich nicht mehr erträgt

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Ungarn ist im Trubel um die EM 2021 vor allem aufgrund seiner politischen Verhältnisse in Erscheinung getreten. Eine Budapesterin erklärt, warum sie das nicht mehr erträgt.

Budapest ‒ Der Treffpunkt: ein kleines Café, nicht sonderlich gut besucht, an der Szabadság híd, der Freiheitsbrücke. Ecken wie diese liebt Zsófia, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Seit 22 Jahren lebt sie in Budapest, an der Schönheit der ungarischen Hauptstadt und den vielen liebenswerten Menschen dort zweifelt sie bis heute nicht – aber an vielem anderen. Ihre persönliche Freiheit kann sie noch ausleben, aber sie findet, dass das große Ganze in Ungarn, gerade am Regierungssitz, in die falsche Richtung läuft.

Die allermeisten ihrer Freundinnen oder Freunde würden im Ausland leben, erzählt sie: Österreich, Deutschland, Finnland, Schweden... Der Exodus der gebildeten Jugend sei nicht aufzuhalten; der geringe Verdienst, aber vor allem die politischen Verhältnisse zermürben viele. Die Widersprüche der Regierung Viktor Orbán, die Vetternwirtschaft seiner Fidesz-Partei, die Veruntreuung von Finanzmitteln kennt die 38-Jährige im Detail. Bei derlei Themen brodelt es in ihr. Die prächtigen Kulissen von Parlament, Burgpalast und Fischerbastei, die täuschen sie schon lang nicht mehr darüber hinweg.

„Wie unter Wasser gedrückt“: Budapesterin über Ungarn und Moderne

Zsófia stammt aus einem kleinen Dorf fern der Hauptstadt. Sie hat Internationales Recht studiert und arbeitet als selbstständige Rechtsdolmetscherin, auch für ausländische Firmen. Wenn sie wie jetzt wieder längere Zeit in der Heimat ist, „fühle ich mich wie unter Wasser gedrückt.“ Für sie ist es wenig verwunderlich, dass die einfache Landbevölkerung, von staatlich gelenkten Medien berieselt und in ärmeren Strukturen gefangen, nicht aufbegehrt. Aber auch Lehrkräfte und medizinisches Personal in der Hauptstadt, in der fast ein Fünftel der ungarischen Bevölkerung von 9,8 Millionen lebt, verdienen erschreckend wenig. Wer auf 300.000 Forint, umgerechnet 850 Euro, im Monat kommt, steht fast schon gut da. Und das bei Lebenshaltungskosten, die vom westlichen Niveau nicht so weit weg sind.

Sie kann daher nicht verstehen, wie man für die riesige Puskas-Arena und andere schicke Sportstätten groß Geld ausgeben konnte – bald eine halbe Milliarde Euro für die Arena alleine –, wenn es an anderer Stelle fehlt. Dass die EM 2021 einiges an Ablenkung stiftet, spürt auch sie. Das Turnier hat ein bisschen internationales Flair gebracht, für das vor Corona der Tourismus sorgte. Jetzt sind es Fußballfans. Einige aus Portugal, deutlich mehr aus Frankreich und bald noch mehr aus den Niederlanden. Zsófia empfindet das gerade so, als würden in einem stickigen Raum die Fenster aufgemacht: „Wir atmen frische Luft.“ Doch sie weiß auch, welchen politischen Zweck der Autokrat Orbán mit dem Event verfolgt. Und deshalb mag sie sich nicht so recht mitfreuen.

Als eine weltoffene Person, die fließend Englisch, Französisch und Deutsch spricht, sieht sie, wie sich ihre Heimat schleichend von Werten wie Offenheit, Toleranz – und ja: auch von Grundrechten verabschiedet. Das Gesetz gegen Homosexuelle, das vor dem Spiel zwischen Deutschland und Ungarn in die Regenbogen-Debatte mündete, ist auch ihr ein Gräuel. Eine lesbische Freundin traut sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit ihre Sexualität auszuleben, ein schwules Freundespaar von ihr lebt in Sydney, ein anderes in New York. Ganz unabhängig, dass sie mitunter mit der ganz eigenen Melancholie ihrer Landsleute fremdelt, fragt sie sich immer öfter: „Wie wollen wir leben? Zurück in den Kadern der 80er Jahren oder modern im 21. Jahrhundert?“ Eigentlich hat sie das für sich schon beantwortet: Sie wird das Land verlassen. Vielleicht sogar bald. Schade wäre das. Eine weniger, die an der Freiheitsbrücke den ungarischen Vorhang für einen Gast lüftet. (Frank Hellmann)

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