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Wie überstehen Kinder den Krieg in der Ukraine?

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„Der Krieg in der Ukraine lässt kein Kind unberührt.“ Das Bild stammt von einer Reise der Autorin. Es zeigt Kinder, die aus dem ostukrainischen Luhansk flüchten konnten. Nun sind sie in Brigadirovka untergebracht, einem Dorf in der Region Charkiw.
„Der Krieg in der Ukraine lässt kein Kind unberührt.“ Das Bild stammt von einer Reise der Autorin. Es zeigt Kinder, die aus dem ostukrainischen Luhansk flüchten konnten. Nun sind sie in Brigadirovka untergebracht, einem Dorf in der Region Charkiw. © Unicef

Humanitäre Hilfe kann den Krieg nicht stoppen. Sie ist aber dennoch dringend notwendig, sagt Christine Kahmann von Unicef.

Seit dem 24. Februar 2022 erleben die Kinder in der Ukraine einen nicht enden wollenden Alptraum. Humanitäre Hilfe kann den Krieg nicht stoppen. Sie kann aber dazu beitragen, die Kinder zu stabilisieren. Dafür braucht es einen langen Atem.

„Über die Zukunft denke ich erst nach, wenn ich die nächsten zwei Jahre überlebt habe“, antwortet die 14-jährige Dasha aus der Region Charkiw auf meine Frage, was sie sich für die Zukunft vorgenommen habe – der Horror des Krieges greifbar in einem einzelnen Satz.

Tatsächlich lässt der Krieg in der Ukraine kein Kind unberührt. Anstatt auf dem Spielplatz herumzutollen oder Pläne zu machen, bangen die Kinder um ihr Leben, weil sie damit rechnen müssen, dass Raketen auf ihr Zuhause fallen. Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt müssen sie in diesem Winter ohne Strom und Heizung in dunklen Schutzkellern ausharren.

Besonders schwierig ist die Situation für die schätzungsweise 1,2 Millionen Kinder, die wegen der Angriffe ihr Zuhause verloren. Kinder wie der achtjährige Victor, der gemeinsam mit seiner Mutter Natalia und seinen Geschwistern innerhalb weniger Minuten seine Heimat in Donezk verlassen musste, als die Front immer näher rückte.

Wir trafen sie Mitte November in einer Notunterkunft in Kropywnyzky. Die Familie versucht dort irgendwie über die Runden zu kommen und nach vorne zu schauen. Doch wie werden die Kinder die kommenden Wochen überstehen? Für Natalia steht fest: Es gilt jetzt durchzuhalten. Es sei die einzige Option, die ihnen bleibt.

Noch lässt sich kaum ermessen, welch schwere Wunden die Gewalt, die Angst und die Flucht langfristig in den Seelen der Kinder hinterlassen werden. Umso wichtiger ist es, die Kinder in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Denn wir wissen aus vielen Krisengebieten: Kinder sind meist erstaunlich widerstandsfähig. Trotz schlimmer Erfahrungen können sie Halt finden, wenn sie zum Beispiel einfache Unterstützung erhalten und sichere, warme Zufluchtsorte haben, wo sie spielen und lernen können.

Deshalb hat Unicef gemeinsam mit vielen Partnern und ehrenamtlich Engagierten in der Ukraine sogenannte Spilno-Kinderzentren – „Spilno“ steht für „Zusammen“ – eingerichtet. An diesen Rückzugsorten erhalten Kinder und ihre Begleitpersonen psychosoziale Unterstützung und Zugang zu Gesundheits- und sozialen Hilfsangeboten. Kinder finden dort eine Umgebung, in der sie das Erlebte verarbeiten und einfach nur Kind sein können.

Autorin und Serie

Die Autorin: Christine Kahmann ist Sprecherin von Unicef Deutschland.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

In einem dieser Kinderzentren, das wir während unseres Besuchs in einer U-Bahnstation von Charkiw besuchen, wird dies besonders deutlich: Während oben Bomben auf die Stadt fallen, ist dieser Ort der kindlichen Unbeschwertheit eine Oase der Hoffnung. Bei unserem Besuch haben wir es überall gespürt: Die Kinder in der Ukraine sehnen sich nach nichts mehr als Frieden. In der Zwischenzeit kann humanitäre Hilfe den Krieg zwar nicht stoppen. Sie ist aber dringend notwendig, um die Grundversorgung der Mädchen und Jungen gerade jetzt im Winter sicherzustellen.

Das Gesundheits- und Lehrpersonal, die Behörden, zahlreiche Organisationen und Ehrenamtliche trotzen der Grausamkeit des Krieges und tun alles in ihrer Macht Stehende, um dafür zu sorgen, dass Kinder weiterhin spielen und lernen können. Dass sie weiterhin zum Arzt gehen können. Dass Schulen wieder repariert werden.

Daneben geht es aber auch um ganz konkrete, kurzfristige Unterstützung: Mit wärmender Kleidung, Decken, Spiel- und Lernmaterialien, Medikamenten und vor allem Generatoren. Ohne Generatoren sind Geburtsstationen und Schulen nicht funktionsfähig, wenn der Strom ausfällt. Ohne sie können Kinderzentren nicht winterfest gemacht werden. Und Anlaufstellen nicht in Wärmestuben umgewandelt werden.

Fest steht: Die Mädchen und Jungen brauchen unsere Unterstützung, denn es geht um ihr Überleben und ihre Zukunft. Und darum, dass Kinder wie Dasha und Victor und Mütter wie Natalia ihre Kraft und Zuversicht nicht verlieren.

Christine Kahmann ist Sprecherin von Unicef Deutschland.

Christine Kahmann.
Christine Kahmann. © © UNICEF/UNI276423/Bänsch

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