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Eine Kompanie Askari (Suaheli für „Soldat“) der deutsch-ostafrikanischen „Schutztruppe“.
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Eine Kompanie Askari (Suaheli für „Soldat“) der deutsch-ostafrikanischen „Schutztruppe“.

Kolonialverbrechen

Wie Tansania im Versailler Vertrag landete

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Im einstigen „Deutsch-Ostafrika“ wüteten die Kolonialisten im 19. und 20. Jahrhundert noch rücksichtsloser als in Namibia.

Ist von deutschen Kolonialverbrechen die Rede, wird für gewöhnlich an den Völkermord an den Herero und Nama gedacht, der bis zu 100 000 Menschen das Leben kostete und zurecht als einer der grausamsten Auswüchse der deutschen Kolonialherrschaft in Afrika vor dem Ersten Weltkrieg gilt.

Die blutige Niederschlagung der Aufstände im heutigen Namibia zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war allerdings weder der erste noch der einzige Massenmord, den sich die deutschen „Schutztruppen“ in Afrika zuschulden kommen ließen. Schon zehn Jahre zuvor, 1894, schlugen deutsche Soldaten und afrikanische Söldner im Namen von Kaiser Wilhelm II. den Widerstand der Wahehe in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, nieder. Und elf Jahre später, 1905, führte die Truppe einen der größten und blutigsten Kriege der Kolonialzeit – gegen mehrere im Südosten der Kolonie beheimatete Völker, dem mindestens eine Viertelmillion Menschen zum Opfer fielen.

Die Schmerzgrenze der Bevölkerung war damit überschritten

Die Gründe für den im Juli 1905 ausgebrochenen Aufstand sind unstrittig: Begonnen hatte alles mit dem Chef der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, dem Rassisten und Soziopathen Carl Peters, der einheimischen Oberhäuptern ein Territorium nach dem anderen als „Schutzgebiet“ abluchste – sie wurden entweder betrunken gemacht oder mit billigem Tand zum „Unterschreiben“ eines unverständlichen Vertrags verleitet. In diesen Gebieten erhob dann 1908 die Kolonialverwaltung – Peters war wegen erwiesener Grausamkeiten ein Jahr zuvor unehrenhaft aus dem Kolonialdienst entlassen worden – eine „Hüttensteuer“, die zumindest die erwachsenen Männer einer Familie zur Arbeit in den Sisal-, Kautschuk- oder Baumwollplantagen deutscher Siedler zwangen. Wenige Monate vor der Revolte wandelte die Kolonialverwaltung auch noch die Hütten- in eine Kopfsteuer um – so wurde die Abgabe um ein Vierfaches erhöht.

Die Schmerzgrenze der einheimischen Bevölkerung war damit überschritten. Zur selben Zeit hatte sich im Südosten der Kolonie ein Mann namens Kinjikitile Ngwale schon einen Namen gemacht: Der nach eigenen Angaben vorübergehend von einem Geist besessene Prophet rief die Völker in der Region zum Kampf gegen die Deutschen auf. Durch sein heiliges Wasser („Maji Maji“) würden afrikanische Kämpfer unverwundbar für die Gewehrkugeln der Eindringlinge. Das erwies sich als fatal falsch, und Kinjikitile wurde schon im zweiten Monat der Revolte von den Deutschen gefangen genommen, wegen Landesverrats verurteilt und gehängt.

Kurze Kolonialgeschichte

Die Distanz zwischen Berlin und dem nördlichsten Punkt des deutschen Kolonialreiches (Ufer des Tschadsees) beträgt gut 4500 Kilometer. Genau passend für die großspurige Forderung des späteren Reichskanzlers von Bülow 1897, man verdiene „einen Platz an der Sonne“. Neben ein paar Atollen im Pazifik und dem chinesischen Kiautschou (Qingdao) waren das vier Überbleibsel des „Wettlaufs um Afrika“.

Togo, 1884 bis 1916: Um 1857 begannen hanseatische Firmen, aus Westafrika „Kolonialwaren“ zu importieren. Von 1884 an schlossen verbeamtete deutsche Abenteurer erste „Schutzverträge“ mit lokalen Potentaten – daraus entstand dann „Togoland“. Als einzige deutsche Kolonie war Togo mal kurzzeitig kein Zuschussbetrieb, woraufhin es als „Musterkolonie“ hochgejubelt wurde. Im August 1914 ergab sich die togoische Kolonialpolizei den Alliierten. Seit 1960 unabhängig, ist Togo de facto seit 1967 Privatbesitz des Kleptokraten-Clans der Gnassingbé.

Kamerun, 1884 bis 1919: Auf Umsatz erpichte Hanseaten waren auch 1862 die ersten im späteren Kamerun und „befriedeten“ das Land so rücksichtslos, dass es bis zur alliierten Besetzung 1916 fast immer irgendwo in Kamerun Widerstand gegen die Deutschen gab. 1919 teilten sich Briten und Franzosen Kamerun. 1960 unabhängig geworden, wurde der britische Teil dem größeren französischen 1972 angegliedert. Die unterdrückte Minderheit dort kämpft seit 2017 für ein freies „Ambazona“.

Deutsch-Südwestafrika, 1884 bis 1915: Eigentlich hat sich nie wer groß für die Wüste Namib und deren nicht ganz so lebensfeindliche Umgebung interessiert. Bis 1883. Von da an versuchten die Deutschen „Südwest“ systematisch zu besiedeln. Das wenige fruchtbare Land wurde den Indigenen entrissen, die griffen zu den Waffen. Aber des Kaisers Truppen exerzierten dort vor, was Hitler perfektionieren sollte: Lager, Todesmärsche, Hunger als Waffe, ... 1915 beendeten die ebenso rassistischen Südafrikaner das grausige Spiel. Bis 1990 blieben sie und jedes Jahr zahlte Namibia das mit Blut.

Deutsch-Ostafrika, 1885 bis 1918: (siehe Text) Wäre Tansanias Präsident John Magufuli nicht ein Corona-Leugner gewesen, der an Covid starb, und würde nicht jetzt seine Vize Samia Suluhu das notorisch chauvinistische Land regieren – kaum wer würde von Tansania reden. Nun aber wird be-kannt, dass China dort heftig investiert, Tansanias Armee kleiner ist als Ruandas (zusammen mit Burundi Kriegsbeute der Belgier 1918), dass die einst so sozialistische Unabhängigkeitsnomenklatura so autoritär und korrupt ist wie andere Regime in Afrika auch ... rut

Der Krieg war damit aber noch lange nicht zu Ende. Kinjikitiles Bruder übernahm die Führung über die Indigenen, die sich erstmals zur Bekämpfung eines äußeren Feindes über Stammesgrenzen hinweg zusammengeschlossen hatten. Auf einem Gebiet von der Größe Deutschlands erhoben sich nicht weniger als 20 Völker: Sie brachten den Eindringlingen zunächst auch mehrere Niederlagen bei. Doch bald hatte die Schutztruppe aufgerüstet – auch mit Maschinengewehren, die die unwissenden Afrikaner niedermähten. Am 21. Oktober 1905 griffen deutsche Soldaten ein Lager der Ngoni in der Mahenge-Region an: Ihre Maschinengewehrtrupps sollen dabei Hunderte von Männern, Frauen und auch Kinder massakriert haben.

Die Vielvölkerallianz ging daraufhin zum Guerillakampf über. Dem begegnete die Schutztruppe mit der – angeblich erst in den Weltkriegen erfundenen – Methode der „verbrannten Erde“. Die „Schutztruppe“ zerstörte die Felder wie die Ernten aller mit den Aufständischen angeblich verbündeten Dörfer. Eine Hungersnot brach aus, der dann noch weit mehr Menschen zum Opfer fielen als den Maschinengewehren. Während des dreijährigen Kriegs verlor der Süden so offenbar ein Drittel seiner Bevölkerung. In die tansanischen Annalen ging der Maji-Maji-Aufstand als erster Befreiungskrieg ein: Die Brutalität der deutschen Besatzer hatte eine gemeinsame Revolte hervorgebracht, an der sich die Befreiungsbewegung gegen die britische Kolonialmacht 50 Jahre später ein heroisches Vorbild nahm.

Den Rassismus mit Gruselgeschichten am Kochen halten

Aber dann war da noch die Geschichte mit den Schädeln: Wie in „Deutsch-Südwest“ so betrieben die Kolonialherren auch in „Deutsch-Ost“ makabre „rassenkundliche“ Studien – Vorläufer der NS-„Rassenlehre“: Sie schickten haufenweise Schädel getöteter Schwarzer heim ins Reich, um sie dort mittels Vermessungen die evolutionäre Unterlegenheit Afrikas bestätigen zu lassen.

Belastbare Beweise gelangen dieser „Wissenschaft“ nie – aber die brauchte es auch nicht, um den Rassismus der Weißen mit Gruselgeschichten am Kochen zu halten. Einer der entführten Schädel war der von Mkwawa, Führer der Wahehe und ihres 1891 begonnenen Aufstandes. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und damit der deutschen Kolonialherrschaft über Tanganyika forderten die Wahehe den Kopf ihres einstigen Oberhaupts zurück: Das wurde sogar im Versailler Vertrag so festgeschrieben. Die Deutschen hielten sich daran so wenig wie an die meisten anderen Paragrafen.

Sammlung von mehr als 2000 abgetrennten Köpfen

Erst 1953 lud das Übersee-Museum in Bremen Edward Twining, den britischen Gouverneur Tanganyikas, in die Hansestadt ein: Er sollte aus einer Sammlung von mehr als 2000 abgetrennten Köpfen – davon 84 aus Deutsch-Ostafrika – den passenden heraussuchen. Sir Edward entschied sich für einen Schädel mit Einschussloch. Denn Mkwawa hatte sich im Juli 1898 selbst erschossen, um der deutschen Schutztruppe nicht lebend in die Hände zu fallen.

FR-Grafik.

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