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Wie lässt sich die Zivilgesellschaft in der Ukraine unterstützen?

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„Die Zivilgesellschaft der Ukraine hat eine enorme Entwicklung vollzogen.“ Menschen in Kiew vor zerstörten Panzern.
„Die Zivilgesellschaft der Ukraine hat eine enorme Entwicklung vollzogen.“ Menschen in Kiew vor zerstörten Panzern. © Dimitar Dilkoff/afp

Die Solidarität aus Deutschland ist wichtig für die ukrainische Zivilgesellschaft, sagt Sabine Erdmann-Kutnevic vom evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine ist auch ein Krieg gegen die Zivilgesellschaft. Am 21. Februar 2022, wenige Tage vor dem Einmarsch, erklärte Wladimir Putin nicht nur die Nato, sondern auch die Zivilgesellschaft zur Bedrohung.

Er sagte: „Sie (die Ukraine, Anm. d. Red.) wird nicht nur von den Hauptstädten des Westens aus gesteuert, sondern auch sozusagen aus der Nähe: durch ein ganzes Netzwerk ausländischer Berater, NGOs und anderer Einrichtungen, das die Ukraine überzieht.“ Fortan werden in den russisch besetzten Gebieten der Ukraine neben Persönlichkeiten aus Politik und Kultur und Geistlichen auch NGO-Aktivist:innen verhaftet, verschleppt, gefoltert und getötet.

Seit den Maidan-Protesten hat die Zivilgesellschaft der Ukraine eine enorme Entwicklung genommen

In den vergangenen zehn Jahren hat die Zivilgesellschaft in der Ukraine eine enorme Entwicklung vollzogen. Sie nahm mit den Maidan-Protesten 2013/14, der sogenannten Revolution der Würde, Fahrt auf. Damals kam es wegen der geplanten Unterzeichnung des EU-Assoziierungsabkommens zum Konflikt mit Russland. Der russlandfreundliche Präsident Viktor Janukowitsch floh, in der Folge wurde die Krim annektiert und bald darauf begann der Krieg in der Ostukraine.

Informelle Basisinitiativen unterstützten die Proteste. Sie riefen zur Gewaltfreiheit auf, versorgten Verletzte und Traumatisierte und sammelten Geld für die Familien der Getöteten und Verletzten. Als infolge des Krieges 1,7 Millionen intern Vertriebene kurzfristig untergebracht und versorgt werden mussten, waren es wiederum zivilgesellschaftliche Organisationen, die ihnen Zuversicht gaben.

Viele setzten sich für gesellschaftliche Reformen ein, gegen Korruption und für Menschenrechte

Freiwillige engagierten sich in politischen, sozialen und rechtsstaatlichen Reformprozessen und in der Korruptionsbekämpfung. Sie dokumentierten Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Umwelt und bemühten sich um Aufklärung von Desinformation und Fake News. Und sie unterstützten auch die ukrainischen Streitkräfte.

Autorin und Serie

Die Autorin: Sabine Erdmann-Kutnevic ist beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt die Projektverantwortliche Osteuropa / Kirchen helfen Kirchen.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Seitdem ist die Zivilgesellschaft in ihrem Zusammenhalt gestärkt, sie ist vielfältiger und dynamischer geworden. Sie besteht aus kleinen Gruppen, die sich temporär zusammenschließen, bis hin zu professionellen NGOs, die langfristig und strategisch arbeiten. Haus- und Hofgemeinschaften organisieren sich, um bei Luftangriffen Keller zu Schutzräumen herzurichten und Menschen zu retten.

Die Solidarität untereinander ist groß. Zahlreiche NGOs bemühen sich um internationale Förderung, da lokale Spenden nicht ausreichen. Schon im Zuge der Corona-Pandemie arbeiteten sie digitalisiert und „aus der Distanz“, was sie auf die jetzige Situation vorbereitet hat: Unmittelbar nach Beginn des Angriffskrieges setzten sie ihre Arbeit von verschiedenen Orten innerhalb der Ukraine und aus dem Ausland fort.

Sicher gibt es auch Betrügerinnen und Betrüger, aber die sollten nicht den Blick darauf verstellen, dass viele Menschen in der Ukraine ihr Land in die EU einbinden wollen

Nicht immer blieb die Zivilgesellschaft dabei ausreichend unabhängig von Staat und Regierung. Es gab auch intolerante, stark nationalistische und betrügerische Akteur:innen darunter. Aber weite Teile sind daran interessiert, Brücken zu bauen und Grundlagen für Versöhnung zu schaffen, und sie möchten ihr Land in die EU einbinden. Daher sollten ihre Vertreter:innen unbedingt verstärkt einbezogen werden, wenn es um die weitere Entwicklung der Ukraine geht – auf nationaler wie internationaler Ebene.

Die Solidarität aus Deutschland ist wichtig für die ukrainische Zivilgesellschaft. Es gibt hierzulande unzählige Ukrainevereine, Kirchengemeinden und auch Kommunen (im Rahmen von Städtepartnerschaften), die ihre Partner:innen mit Geld- und Sachspenden, Beratung und Anteilnahme unterstützen. Weitere Initiativen und private Kontakte haben sich durch die Aufnahme Geflüchteter gebildet. Das alles gilt es zu pflegen und auszubauen, um die Ukraine auf dem langen Weg zum Frieden, Wiederaufbau und der Heilung von physischen und psychischen Verletzungen zu begleiten.

Sabine Erdmann-Kutnevic ist beim evangelischen Hilfswerk Brot für die Welt die Projektverantwortliche Osteuropa / Kirchen helfen Kirchen.

Erdmann-Kutnevic, Sabine
Erdmann-Kutnevic, Sabine © Privat

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