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Tiffany Wade ist "heilfroh", dass Trump die Wahl gewonnen hat.

USA

"Wie konnte das geschehen?"

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Etwa 60 Millionen Amerikaner haben Trump gewählt. Für seine Gegner ein Albtraum: Von Waffennarren, einem unermüdlichen Ex-Präsidenten und rassistischer Rhetorik. Eine Reise durch Trump-Land, Teil I.

Richtig gut kennengelernt haben wir uns nicht in fünf Jahren. Ein einziges Mal haben wir Baseball miteinander gespielt. Er hat geworfen. Kräftig und elegant. Ich habe versucht, den Ball mit der Holzkelle zu treffen, und sein Sohn hat sich schlapp gelacht, weil ich Luftlöcher geschlagen habe. Einmal war seine Familie bei uns zu Besuch, und wir haben Hamburger gegrillt und Alkopops getrunken, weil ihm Bier zu bitter war. Wir trafen uns auf der Straße, politisierten ein bisschen. Aber das war es schon. In der Vorstadt ist es schwer, neue Freunde zu gewinnen. Die Amerikaner arbeiten, so scheint es, den ganzen Tag. Und wenn sie nicht arbeiten, dann fahren sie ihre Kinder umher – vom Baseball-Training zum Football-Training, vom Karate zum Ballett. Die Wochenenden gehören der Familie. Wir waren Nachbarn, aber doch Fremde füreinander.

Erst als der Trump-Sturm über das Land gezogen ist, und der Umzugswagen schon vor unserer Tür steht, kommt Charlie, dessen Nachnamen ich aus gutem Grund verschweige, vorbei und ist zu Tränen gerührt. „Meine Landsleute sind so dumm“, sagt er und umarmt mich: „Die haben alle eine Infusionsnadel im Arm, durch die sie mit Falschinformationen von Fox News versorgt werden.“ Für dumm benutzt er den amerikanischen Ausdruck „dumb as doornails“. Das kann man nicht wirklich wörtlich übersetzen. Charmant jedenfalls ist es nicht gemeint. Charlie sagt dann noch, dass er nicht zur großen Frauendemo gegen Donald Trump am nächsten Tag in Washington gehen werde. Er könne sich das nicht erlauben. Charlie arbeitet bei der Umweltbehörde EPA. Er macht da was mit Computern. Sein neuer Chef ist Scott Pruitt. Das ist ein Mann, der sich einen Namen mit zahllosen Klagen gegen die EPA gemacht hat, die Behörde jetzt aber leiten oder vielleicht abwickeln soll. Niemand weiß das so genau. Charlie hat Sorgen um seinen Job, das sieht man.

Charlie übertreibt natürlich. Dumm sind die Amerikaner ganz gewiss nicht. Nicht alle zumindest. Schon gar nicht gilt sein Urteil in diesem umfassenden Sinn. Aber ungefähr 60 Millionen von ihnen haben sich am 8. November 2016 einem unberechenbaren, narzisstischen Populisten in die Arme geworfen, der Politik per Twitter macht, launisch ist und dünnhäutig wie ein pubertierender Jugendlicher. Gut, es war nicht die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler, aber das eigentümliche Wahlsystem in den USA wollte es eben so. Ein wuchtiger Mann mit absonderlicher Frisur, ein reicher Immobilienunternehmer aus New York ist jetzt Präsident.

Er sorgt für Jubel unter seinen Anhängern und Angst unter seinen Gegnern. Wer in diesen Tagen mit dem Auto von der Ostküste zur Westküste und zurück fährt, macht eine Reise durch die Verunsicherten Staaten von Amerika. Meine Fahrt führt über fast genau 9000 Meilen durch ein gespaltenes Land. Trumps Wahlsieg hat die unterschiedlichen Gruppen, die sich ohnehin nie einig waren, noch weiter voneinander entfernt. Zu den meistverkauften Büchern gehört jetzt in den USA Orwells Roman „1984“. Es scheint, als wollten sich viele Menschen aus der Literatur Hinweise beschaffen, wie es werden könnte in ihrem Land.

Washington, DC:
In Chevy Chase, einem besserem Stadtteil der Hauptstadt Washington, hängen an vielen Häusern Regenbogenflaggen. Mike Pence, heute Vizepräsident, ist kurz nach der Wahl aus Indiana nach Chevy Chase gezogen. Er gilt dem liberalen Washingtoner Bürgertum als religiöser Eiferer. Pence ist schon vor einer Woche in die Residenz der Vizepräsidenten auf einem Marinegelände in der Hauptstadt umgezogen. Aber die Flaggen hängen immer noch, Pence sieht sie nicht mehr, aber das scheint die Leute in Chevy Chase nicht zu kümmern.

Atlanta, Georgia:
Im Stadtteil Candler Park, in dem es aussieht wie in einer Kopie des Prenzlauer Bergs mit ähnlich vielen Bio-Läden, treffen sich an diesem Tag etwa 100 Menschen zu einem Nachmittagsseminar. Sie wollen Methoden des friedlichen Widerstands einüben. „Die Leute sollen nicht mehr nur Mitgefühl haben, sondern auf die Straße gehen“, sagt Collin Cornell, ein 28 Jahre alter Student der jüdischen Religionswissenschaft. Die Polizei, sagt der hagere Mann, werde schon bald vor Kraft nicht mehr laufen können, weil Trump Präsident sei. Es ist der Tag, an dem der Präsident in Washington ein Einreiseverbot gegen Staatsbürger aus sieben mehrheitlich von Muslimen bewohnten Ländern verhängt. Das löst weltweit Schockwellen aus, und in Atlanta sagt Seminar-Moderatorin Emma, dass es doch gelingen müsse, eine Gesellschaft zu formen, die ohne Ausgrenzung und ohne Rassismus auskomme. „Wir befinden uns hier auf gestohlenem Land, dass einmal den Muskogee und den Cherokee gehört hat. Wir sind also Besatzer.“ Solche historisch korrekten Hinweise auf die Indianer sorgen für Applaus in der Runde. Doch die Anhänger des Populisten Trump würden sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen, wenn sie das hörten. Nico, auch er ein junger Student, sagt, dass er keine Erklärung für Trumps Wahlerfolg habe: „Wir fragen uns immer noch, wie das geschehen konnte.“

Diese Frage stellen sich viele Amerikaner, seit sie am 9. November vergangenen Jahres aufgewacht sind und festgestellt haben, dass die Favoritin Hillary Clinton die Wahl verloren hat. Im Museumsladen des Martin-Luther-King-Zentrums in Atlanta gibt es Getränkebecher zu kaufen, die ein Bild von Barack Obama zeigen. Daneben steht in schwungvoller Schrift: „Die Kraft eines Traumes“. Die afro-amerikanische Verkäuferin sagt, die Becher seien sehr gefragt. In der Not der Gegenwart hilft offenbar die Erinnerung an die Vergangenheit.

Plains, Georgia:
Jimmy Carter ist ein Relikt aus der Vergangenheit. Er war US-Präsident von 1977 bis 1981. Er wurde abgewählt, weil er es nicht vermochte, die US-Geiseln aus Teheran zu befreien. Er hat Sonnenkollektoren am Weißen Haus in Washington anbringen lassen, die sein Nachfolger Ronald Reagan wieder abmontieren ließ. Carter ist 92 Jahre alt, gibt aber noch immer regelmäßig Bibelunterricht in einer Kirche in seinem Heimatstädtchen Plains, das zuerst wegen seiner Erdnüsse bekannt wurde und später wegen des Erdnussfarmers Carter, der es zum 38. Präsidenten der USA brachte.

Seit dem frühen Sonntagmorgen stehen die Besucher vor der Maranatha Baptist Church am Rande von Plains Schlange. Die Kirche fasst gut 200 Menschen, aber der Andrang ist groß. Carter, der eine Krebserkrankung überstanden hat, gilt als moralische Instanz in den USA. Er kann auch sehr elegant Kritik üben. Er erzählt eine Geschichte, wie er sich zu seinen Amtszeiten in Washington einen Globus gegriffen, ihn gedreht habe, bis er auf Moskau stand und dabei versucht habe, sich in den Kopf von Leonid Breschnew zu versetzen. Was denke der wohl? Was treibe den so um? „Ich wollte nicht, dass es wegen eines Missverständnisses zu einem nuklearen Angriff kommt“, sagt Carter. Es sei eine ungeheure Last, die Verantwortung für Tausende von Atomsprengköpfen zu tragen. Die Worte des alten Mannes hallen in der Kirche nach. Es scheint, als wolle der ehemalige Präsident dem neuen Präsidenten sagen: Vor dem Handeln Gehirn einschalten. Vor dem Griff zum Atomkoffer erst recht. Man kann sich so recht nicht vorstellen, dass Trump einen Globus studieren könnte, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen. Aber wer kann das schon genau sagen?

In der Reihe vor mir sitzt Peter Ward. Der Umweltingenieur ist mit seiner Familie aus Chattanooga in Tennessee nach Plains gefahren. Knapp fünf Stunden haben sie gebraucht. Als Carters Unterrichtsstunde vorbei ist, dreht sich Ward um und flüstert: „Meine Frau will ja nicht, dass ich über Politik oder Religion spreche. Aber ich will nur sagen: Trump ist furchterregend und peinlich. Hier kann man sich wenigstens Vernünftiges anhören.“ Für mehr hat Ward keine Zeit. Er muss sich anstellen, um ein Foto mit dem Ehepaar Carter zu bekommen. Das gibt es für jeden Kirchgänger. Auch ich stelle mich neben Carter und seine Frau Rosalynn, die auf zwei hohen Hockern sitzen und lächeln, die Hände im Schoß verschränkt.

Talladega, Alabama:
Die Nebenstraße von Birmingham nach Montgomery in Alabama führt über eine Hügelkuppe. Auf der Anhöhe steht ein Holzhaus mit der Aufschrift „Dixie Store“. Im Laden sitzt eine hübsche Frau mit rötlichen Haaren an einem Tisch und lächelt. Tiffany Wade ist 22 Jahre alt, verheiratet, hat einen anderthalb Jahre alten Sohn. Sie verkauft Südstaaten-Flaggen aus Zeiten des Bürgerkriegs und Baseball-Kappen mit dem Trump-Slogan „Make America Great Again“. T-Shirts, die zur sofortigen Inhaftierung von Hillary Clinton aufrufen, gingen auch sehr gut, sagt die junge Frau. Es sind die Accessoires, mit denen viele Trump-Wähler im amerikanischen Süden ihre Weltanschauung zur Schau stellen. Tiffany Wade lächelt und sagt, sie sei heilfroh, dass Trump die Wahl gewonnen habe: „Hillary wollte aus alten Fabrikgebäuden Konzentrationslager machen und alle ihre Gegner dort einsperren.“ Ich bin überrascht über diese Behauptung und frage Tiffany, woher sie das denn habe. „It’s all over the internet“, antwortet sie im Brustton der Überzeugung. „Außerdem hätte uns Clinton unsere Waffen weggenommen.“ Tiffany Wade lächelt wieder und zeigt auf den Tisch vor ihr. Dort liegt ein 44er Smith &Wesson-Pistole. „Hohlspitzgeschosse“. Die platzten beim Aufprall pilzförmig auf und richteten mehr Schaden an als gewöhnliche Kugeln, sagt Tiffany in einem nüchternen Tonfall, so als sei das nicht Außergewöhnliches. Es sei eine reine Vorsichtsmaßnahme, sagt die Frau – genauso wie die Schrotflinte, die hinter ihrem Tisch an der Wand lehnt. Man könne ja nie wissen, und es habe da schon den einen Fall gegeben, wo ein betrunkener Mann im Laden randaliert habe. „Es war ein Schwarzer“, sagt Tiffany Wade. Sie spricht jetzt im Flüsterton, so als ahne sie, dass sie Ausländern gegenüber nicht frei von der Leber weg reden kann. Ich gehe.

Auf der Weiterfahrt dröhnt Katie Perrys „Roar and Rise“ aus dem Autoradio. Das Lied hat die Künstlerin auf dem demokratischen Parteitag im vergangenen Juli in Philadelphia gesungen und zuvor theatralisch deklamiert, warum es gerade für Frauen wichtig sei, Hillary Clinton zu wählen. Tiffany Wade hat sie nicht überzeugen können. Sie vertraut Trump.

Montgomery, Alabama:
Bryan Stevenson fürchtet, dass es schlimmer kommen könnte als viele heute glaubten. Rassistische Rhetorik sei mittlerweile wieder ähnlich stark verbreitet wie in den 60er Jahren, sagt der afroamerikanische Jurist und Bürgerrechtler, dessen Name fiel, als Barack Obama auf der Suche nach einem neuen Verfassungsrichter war. „Das werde ich unter Trump ganz bestimmt nicht“, sagt der 57 Jahre alte Stevenson und lacht trocken auf. Trump rede zwar andauernd davon, dass er die Lage der Schwarzen in den Innenstädten des Landes verbessern wolle, habe aber noch keinen einzigen vernünftigen Vorschlag gemacht, wie er das bewerkstelligen will. Die Armut sei ein größeres Problem als die Kriminalität, sagt der Harvard-Absolvent: „Mehr Polizei wird nicht helfen. Wenn Trump zum Beispiel wirklich der Stadt Chicago helfen wollte, dann würde er Sozialarbeiter und Lehrer schicken.“ Aber damit würde Trump seine weiße Anhängerschaft enttäuschen.

Stevenson leitet die Bürgerrechtsorganisation „Equal Justice Initiative“ in Montgomery, der Hauptstadt Alabamas. Sie hat ihren Sitz in einem umgebauten Lagerhaus, im dem früher Sklaven eingesperrt waren, bis sie zur Auktion auf offener Straße geführt wurden. Von dort aus versuchen Stevenson und seine Mitarbeiter die Geschichte der Lynchmorde an Afroamerikanern im tiefen Süden der USA aufzuarbeiten. Gut 4000 solcher Verbrechen aus der Zeit zwischen 1877 und 1950 sind inzwischen dokumentiert. Die Täter kamen in der Regel ungestraft davon, sagt Stevenson. Rassistisch motivierter Terror sei das gewesen.

Ihn treibe die Sorge um, dass dringend notwendige Reformen des Strafsystems unter Trump nicht vorankommen, sagt Stevenson. Noch immer sitzen deutlich mehr Schwarze als Weiße wegen deutlich geringerer Delikte deutlich länger im Gefängnis. Stevenson kann die Zahlen auswendig. Von insgesamt 2,4 Millionen Häftlingen in den USA sind fast genau eine Million Afroamerikaner. Und obwohl fünf Mal mehr weiße Amerikaner zu Drogen greifen als Afroamerikaner, werden Schwarze zehn Mal häufiger wegen Drogenvergehen ins Gefängnis geschickt als Weiße. Auch müssen Afroamerikaner wegen Drogengeschichten fast so lange Haftstrafen verbüßen wie Weiße, die wegen Gewaltdelikten verurteilt wurden.

Unter Obama sind erste Reformen eingeleitet worden. Trump wird das aller Voraussicht nach nicht weitermachen. Stevenson schluckt trocken und sagt dann, in Montgomery gebe es immer noch eine High School, die nach dem Südstaaten-General Robert E. Lee benannt sei: „Das ist ja so, als gäbe es in Berlin heute noch ein Joseph-Goebbels-Gymnasium.“

Stevenson sagt, man könne die USA im Jahr 2017 sicherlich nicht mit Deutschland in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg vergleichen. „Aber wir sollten deswegen nicht weniger beunruhigt sein.“ Trump sei es gelungen, den Leuten zu suggerieren, dass das Land praktisch am Abgrund stehe. Noch gebe es zwar starke demokratische Institutionen wie die Gerichte, aber „die Leute würden, wenn sie könnten, auch für eine Abschaffung der Gerichte stimmen.“ Mich schaudert.

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