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Wie können junge Menschen zum Frieden beitragen?

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„Wir sind dafür mitverantwortlich, dass die jungen Menschen eine Zukunft in ihrem Land haben“, sagt Christina Riek von Memorial Deutschland. Foto: Imago Images.
„Wir sind dafür mitverantwortlich, dass die jungen Menschen eine Zukunft in ihrem Land haben“, sagt Christina Riek von Memorial Deutschland. Foto: Imago Images. © IMAGO/ZUMA Wire

Christina Riek von Memorial Deutschland fordert ein deutsch-ukrainisches Jugendwerk, die Ukraine sei viel zu lang vergessen worden – doch auch für Russlands Nachwuchs müsse sich eingesetzt werden.

Dass sich junge Menschen für Politik interessieren, ist spätestens seit der weltweiten Bewegung „Fridays for Future“ klar, denn Politik trifft heute Entscheidungen, deren Ausmaße und Konsequenzen häufig erst morgen spürbar werden. Deshalb müssen junge Menschen in politische Entscheidungsprozesse miteingebunden und ihre Stimmen gehört werden.

In Friedenszeiten tragen Jugendbegegnungen und internationale Workcamps dazu bei, dass sich junge Menschen kennenlernen, voneinander lernen und ihren Horizont erweitern. Noch vor vier Jahren organisierte unser Verein eine Sommerschule für junge Menschen unter anderem aus der Ukraine und Russland. In gemeinsamen Diskussionen erarbeiteten die Teilnehmer:innen, wie eine gemeinsame Geschichtsschreibung aussehen könnte, nicht nur in diesen beiden Ländern ein äußerst heikles Thema.

Im Moment ist es zynisch, an ukrainisch-russische Jugendbegegnungen zu denken

Doch jetzt führt Russland Krieg gegen die Ukraine und es ist zynisch, an ukrainisch-russische Jugendbegegnungen zu denken. Junge Menschen in Russland und in weiten Teilen Europas haben nur eine Zukunft, wenn Putin diesen Krieg verliert und die Ukraine gewinnt, denn nur dann gewinnt die Demokratie und junge Menschen werden wieder gehört.

In Russland gibt es keine Demokratie. In Schule und Universität ist die Lehrkraft eine Autorität, die nicht kritisiert und deren Aussagen nicht hinterfragt werden dürfen. Offene Diskussionen, wie wir sie in westlichen Universitäten kennen, gibt es in Russland nicht (mehr). Das, was sich an demokratischeren Bildungsmethoden in den letzten Jahrzehnten ein wenig entwickelt hat, ist spätestens seit Beginn des Krieges Vergangenheit. Der Beruf des Soldaten wird für Männer als einziger Beruf mit Perspektive dargestellt. In einer „Orientierungshilfe“ des Inlandsgeheimdienstes FSB für Schulabgänger führen „gewöhnliche“ akademische Berufe ins Elend, nur bei den Sicherheitsdiensten steht eine gute Zukunft bevor.

Jede junge Person aus der Ukraine ist ein:e Botschafter:in des Landes

Wie können wir verhindern, dass diese junge Generation in Russland nicht vollkommen menschen- und demokratiefeindlich sowie militaristisch aufwächst?

Christina Riek von Memorial Deutschland. Foto: Memorial Deutschland.
Christina Riek von Memorial Deutschland. Foto: Memorial Deutschland. © Memorial Deutschland.

Es ist wichtig, dass junge Menschen die Möglichkeit haben, der russischen Staatspropaganda zu entkommen und sich ihr eigenes Bild vom, wie in den Staatsmedien beschriebenen „kurz vor dem Verderben stehenden Gayropa“ zu machen. Dafür sollten westliche Universitäten nach wie vor Menschen mit russischem Pass aufnehmen, denn sie werden hoffentlich eines Tages Russland, oder das, was dann auf dem Territorium des heutigen Russlands ist, neu aufbauen.

Doch es ist sehr viel wichtiger, sich für junge Menschen aus der Ukraine einzusetzen. Sie benötigen all unsere Unterstützung. Jede junge Person aus der Ukraine ist ein:e Botschafter:in des Landes. Wir haben die Ukraine viel zu lange lediglich im postsowjetischen Raum mitgedacht – oder vielmehr vergessen. Das dürfen wir nicht wieder zulassen. Wir sind dafür mitverantwortlich, dass diese jungen Menschen eine Zukunft in ihrem Land haben. Sie können zum Frieden beitragen, indem wir ihnen zuhören und unser Handeln nach ihren Vorstellungen ausrichten.

Wir müssen uns intensiv mit der Ukraine beschäftigen

Es ist endlich an der Zeit, ein deutsch-ukrainisches Jugendwerk zu schaffen, damit junge Menschen ihre Nachbar:innen besser kennenlernen.

Wann werden an Universitäten mehr Ukrainisch und die Geschichte der Ukraine als Schwerpunktthema unterrichtet? Wann wird in Schulen unterrichtet, dass die Menschen in der Ukraine eine der größten Opfergruppen Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg waren?

Wir müssen uns intensiv mit der Ukraine beschäftigen. Am besten beginnen wir damit, indem wir jungen Ukrainer:innen hier eine Stimme geben, denn ihnen gehört die Zukunft Europas. Hören wir ihnen zu und nehmen wir sie ernst, unterstützen wir sie in ihrem Kampf für den Frieden und die Zukunft eines menschenfreundlichen Europas.

Christina Riek ist Übersetzerin und Vorstandsmitglied von Memorial Deutschland. Dort leitete sie 2018 eine Sommerschule mit Studierenden aus Belarus, Deutschland, Russland und der Ukraine und 2017 eine deutsch-russische Jugendbegegnung.

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