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Wie kann die Wissenschaft noch mit Russland kooperieren?

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Methanblasen im Baikalsee. Forschung aus Russland ist wichtig, um Veränderungen des Weltklimas zu verstehen.
Methanblasen im Baikalsee. Forschung aus Russland ist wichtig, um Veränderungen des Weltklimas zu verstehen. © Imago

„Netzwerke der Wissenschaft mit Russland und der Ukraine sind Keimzellen des Wiederaufbaus von Vertrauen“, sagen Malte Albrecht und Jürgen Scheffran. In ihrem Gastbeitrag schlagen sie konkrete Schritte für eine friedensfördernde Wissenschaft vor.

Krieg kann nicht mit Soldaten allein geführt werden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überall auf der Welt ermöglichen Kriege erst mit ihrer Forschung. Dabei sind es längst nicht nur die Natur- und Technikwissenschaften, deren Forschung zu Entwicklung und Einsatz bewaffneter Drohnen und automatisierter Waffensysteme führt.

Erkenntnisse aus Massenpsychologie, Medien- und Meinungsforschung sind zentrale Bestandteile militärischer Strategie – Propaganda ist das bekannteste Beispiel. Ein wesentlicher Beitrag der Wissenschaft für eine friedliche Weltordnung ist es, Verantwortung für die eigenen Forschungsergebnisse zu übernehmen.

Wissenschaftliche Netzwerke mit Russland und anderen Staaten haben seit dem Zweiten Weltkrieg zu einer friedlicheren Welt beigetragen. Sie haben Räume der Begegnung und Diskussion geschaffen. Selbst in Zeiten größter Polarisierung und Atomkriegsgefahr des Kalten Krieges gab es wissenschaftlichen Austausch zwischen Ost und West. Die Erkenntnisse des Weltklimarates wären ohne die Beiträge russischer Forschung so nicht möglich. Ohne sie fehlt uns das Verständnis über den Einfluss der Arktis und die Freisetzung von Treibhausgasen aus sibirischen Böden auf das globale Klimasystem und seine Kipppunkte.

Die Zerstörung von Wissenschaftsnetzwerken hilft nicht

Die Zerstörung solcher Netzwerke zielt auf die politische Isolierung der russischen Regierung. Doch die Delegitimation des Kremls ist nicht Aufgabe von Forschungsnetzwerken.

Deshalb führt die Debatte über die Sanktionierung, also Aussetzung von wissenschaftlicher Kooperation mit Russland, an der eigentlichen Frage vorbei: Wie können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit einen Beitrag zu einer friedlicheren und nachhaltigeren Welt leisten?

Zur Serie und zu den Autoren

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen

Malte Albrecht ist Politikwissenschaftler und Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInneninitiative – Verantwortung für Frieden und Zukunftsfähigkeit (NatWiss e.V.).

Jürgen Scheffran ist Professor für Geographie an der Universität Hamburg und Mitglied von NatWiss.

Eine Antwort darauf ist das uneingeschränkte Bekenntnis zu ziviler Kooperation, wie sie die Initiative Science for Peacean CERN und DESY im Protest gegen die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Russland einfordert. Sie können helfen, die Instrumentalisierung von Wissenschaft einzudämmen. Denn die Debatte über das Für und Wider gemeinsamer Forschungsprojekte geht an dem eigentlichen Problem internationaler Forschungskooperation vorbei: die Abhängigkeiten der Forschung, die die grundgesetzlich garantierte Wissenschaftsfreiheit konterkarieren.

Rüstungsforschung steht exemplarisch für dieses Problem. Sie ist abhängig von Drittmitteln. Sie muss geheim sein. Sie führt zu wissenschaftlicher Blockbildung. Sie ist Teil der Kriegslogik. Wissenschaftliche Kooperation mit Russland braucht daher das gleiche, was für jedes andere Land gilt: eine neue Strategie im Zeichen der Verantwortung. Dazu gehören:

Was helfen kann

1. Ein praktisches Bekenntnis zu friedlicher Kooperation, etwa in Form von Zivilklauseln für Projekte und Mittelvergabe. Wir brauchen jede Ingenieurin, jeden Sozialwissenschaftler, jede Ökonomin, um die existenziellen Herausforderungen von Klimawandel, sozialer Ungleichheit und Krieg mit friedlichen Mitteln zu bewältigen.

2. Demokratisierung der akademischen Selbstverwaltung, gerade der höchsten Gremien, um Entscheidungsprozesse von unten nach oben zu fördern.

3. Anreize, um die friedliche Verwendung von Forschungsergebnissen, insbesondere von rüstungsrelevanter Forschung, sicherzustellen. Dazu gehört die Abschaffung von Patenten auf Innovationen, die helfen können, die drängendsten Menschheitsprobleme zu lösen.

4. Eine gesellschaftliche Debatte über die Finanzierung von Wissenschaft, um verantwortungsbewusste und selbstbestimmte Forschung zu ermöglichen. Forschung steht im Dienste der Zukunftsfähigkeit derjenigen, die sie finanzieren – der Bürgerinnen und Bürger. Solche Netzwerke mit Russland und der Ukraine sind Keimzellen des Wiederaufbaus von Vertrauen und Verantwortlichkeit, von einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa und der Welt, die Interessen aller einbezieht.

Zahlreiche Initiativen haben sich für den Erhalt der wissenschaftlichen Netzwerke mit Russland und der Ukraine ausgesprochen. Diese Zusammenarbeit ist Teil der Friedenslogik. Sie ist es wert, ausgebaut und verteidigt zu werden.

Von Malte Albrecht und Jürgen Scheffran

Malte Albrecht.
Malte Albrecht. © Privat
Jürgen Scheffran.
Jürgen Scheffran. © Privat

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