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Wie kann Deeskalation gelingen?

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Der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer besucht ein Massengrab im ukrainischen Butscha. Nehammer sprach bei seiner Reise sowohl mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj als auch mit dem russischen Präsidenten Putin.
Der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer besucht ein Massengrab im ukrainischen Butscha. Nehammer sprach bei seiner Reise sowohl mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj als auch mit dem russischen Präsidenten Putin. © Sergei SUPINSKY / AFP

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl setzt Hoffnung in direkte Kontakte mit den kriegführenden Parteien. Er warnt davor, Gerhard Schröder und andere zu verunglimpfen, die über eine Vertrauensbeziehung zu Mächtigen wie Wladimir Putin verfügen.

Friedensverhandlungen für die Ukraine haben erst Chancen auf Erfolg, nachdem der militärische Konflikt deeskaliert worden ist. Doch weil bestimmte Aktionen eine Deeskalation vereiteln, beleuchte ich als Konfliktforscher kritisch einige Geschehnisse der letzten Wochen, denn so manches Fehlverhalten hat ungewollt eine Waffenruhe verhindert. Ich greife einige Beispiele des Fehlverhaltens auf und zeige auch Alternativen dazu.

Deeskalation wird durch das Abbrechen der direkten Kommunikation verhindert: Wenn zwischenstaatliche Beziehungen unter Spannung geraten, werden oft bisher genutzte Kanäle des direkten Kommunizierens verlassen. Verhandlungen werden dann unter Protest verlassen und Botschafter in ihr Heimatland zurückgeordert, ein Diplomat wird zur persona non grata erklärt und des Landes verwiesen und dergleichen mehr.

Auch wenn ich das Vorgehen psychologisch verstehe, muss ich es doch als kontraproduktiv bezeichnen. Denn gerade in Krisen ist eine möglichst störungsfreie Kommunikation für Entscheidungen wichtig. Sobald sich jetzt die Kommunikation auf indirekte Kanäle verlagert, ist sie viel mehr Störfaktoren, Fehldeutungen, Verzerrungen und schwer überprüfbaren Unterstellungen ausgesetzt als vorher. Die darauf beruhenden Fehleinschätzungen führen zu folgenschweren Fehlentscheidungen.

Schröder sollte seinen Einfluss nutzen

Chancenminderung durch das Verunglimpfen von Personen, die eine Vertrauensbeziehung zu den Mächtigen der kriegführenden Parteien haben: In Deutschland und Österreich haben Alt-Politiker (zum Beispiel Gerhard Schröder, Wolfgang Schüssel, Christian Kern) während ihrer Amtszeit wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Russland gepflegt, die damals für beide Seiten vorteilhaft waren. Daraus entstanden gute Beziehungen, und diesen Vertrauenspersonen wurden Aufsichtsfunktionen in russischen Unternehmen angeboten. Heute wird nun gefordert, dass sie ihre „Freundschaft mit dem Kriegsverbrecher“ kündigen müssen, als hätten sie damals die Aggression bewusst fördern wollen.

Der Autor, die Serie

Friedrich Glasl ist Konfliktforscher und Mediator. Er lebt in Salzburg.

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. FR

Hier wäre vielmehr ratsam: Weil sie das Vertrauen der Machthaber (hoffentlich noch) genießen, sollten sie mit ihnen Gespräche suchen und ihren Einfluss nutzen, um humanitäre Aktionen zu ermöglichen, Sicherheitskorridore für die Zivilbevölkerung zu schaffen und Verhandlungen über einen Waffenstillstand und Konfliktlösungen zu empfehlen. Sie könnten glaubhaft machen, dass dies auch in Russlands Interesse wäre, weil es dadurch seine Paktfähigkeit für spätere Friedensgespräche beweist.

Mit diesem Ziel vor Augen besuchte Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer am 11. April den ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Kiew und am nächsten Tag den russischen Präsidenten Putin auf dessen Landsitz bei Moskau. Entscheidend ist dabei nicht der sofortige, sichtbare Erfolg – denn diese Versuche sind das Leben von tausenden ukrainischen und russischen Menschen im Kriegsgebiet wert! Ich war darum über die negativen Kritiken dieser Reise in der internationalen Presse entsetzt. Aber als Berater bei Friedensprozessen habe ich oft erlebt, dass Konflikte eskalierten durch das Versäumen von Gelegenheiten zum Deeskalieren, weil diese nicht erkannt und nicht genutzt wurden.

Gesinnungsdruck auf Künstlerinnen und Künstler

Ausladen russischer Künstler:innen: In mehreren Ländern wurde von russischen Künstler:innen gefordert, dass sie sich öffentlich vom Kriegsherren Putin distanzieren sollten. Hiermit wurde ein Gesinnungsdruck wie in einer Diktatur ausgeübt. Dadurch wird die Freiheit der Kunst angetastet und eine Chance vertan, bei kulturellen Events von Mensch zu Mensch über Friedensperspektiven zu sprechen und Denkanstöße zu geben. Außerdem kann damit deutlich gezeigt werden, dass hier nicht ein Volk das andere pauschal verteufelt.

Zivilgesellschaftlich organisierte Aktionen: Fehlverhalten mit eskalierender Wirkung ist nicht nur offiziellen politischen Repräsentant:innen anzukreiden, sondern auch zivilgesellschaftlichen Akteuren, wenn zum Beispiel bei Demonstrationen Putin mit blutverschmiertem Gesicht gezeigt wird. Positive Wirkungen sind eher wahrscheinlich, wenn Demonstrierende nicht gegen jemanden kämpfen, sondern sich für positive Werte engagieren: Für Achtung des Lebens auf beiden Seiten der Frontlinien, für Mitgefühl mit Soldatenmüttern hüben und drüben und Ähnliches.

Die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen

Ich meine, wenn Fehlverhalten dieser Art unterbleibt, können die Chancen genutzt werden, dass sich die russische Regierung auf Friedensgespräche einlässt, die der Ukraine das Elend einer militärischen Kapitulation und der Menschheit die Katastrophe eines dritten Weltkrieges ersparen.

Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, sondern sollten erkennen, dass Hochrüsten und Drohszenarien mit nuklearen Waffen keine brauchbare Grundlage einer Sicherheits- und Friedensarchitektur sind. Ja, ich glaube noch immer an Moral und Vernunft.

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