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Wie kann Bildung Frieden fördern?

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Ukrainische Schülerinnen nach der Flucht in Polen: Die Schulbuchforschung kann laut Fuchs zur Versöhnung beitragen.
Ukrainische Schülerinnen nach der Flucht in Polen: Die Schulbuchforschung kann laut Fuchs zur Versöhnung beitragen. © Wojtek Radwanski/afp

Schulbücher sind in Kriegszeiten Propagandamittel – auch in Putins Russland und besetzten Gebieten, sagt Schulbuchforscher Eckhardt Fuchs. Doch schon jetzt können vier Schritten dagegen unternommen werden.

Der Krieg in der Ukraine stellt erneut und dringlich die Frage, ob und wie schulische Bildungsmedien zum Friedensprozess beitragen können. Warum Bildungsmedien? Schulbücher sind institutionalisierte Massenmedien, die gesellschaftlich relevantes Wissen und Kompetenzen vermitteln. Dass Schulbücher auch als Propagandamittel für die Legitimierung von Kriegszielen genutzt werden, zeigt der Krieg in der Ukraine besonders deutlich.

Manipulation war schon immer ein Instrument politischer Interessendurchsetzung. Nationalismus und Populismus, wie wir sie in den vergangenen Jahren vor allem in autokratisch regierten Ländern beobachten, führen zu einer Geschichtsrevision, die Werte wie Demokratie, europäische Identität oder dialogbasierte Völkerverständigung infrage stellen. Ersetzt werden sie durch imperialen Patriotismus und Ethnonationalismus. Dies trifft in besonderem Maße auf Russland zu, finden sich doch die geschichtsverzerrenden Argumente Putins längst in russischen Geschichtsschulbüchern. Schulbuchverlage unterliegen starkem politischen Druck, die Ukraine aus russischen Schulbüchern zu tilgen und ein „großrussisches“ Geschichtsbild zu vermitteln.

Einen auf gegenseitigem Verständnis und Respekt beruhenden Prozess der Versöhnung einleiten

Der Krieg wird in den russischen Schulbüchern in signifikanter Weise mit aus der Geschichte abgeleiteten Ansprüchen legitimiert. In den russisch besetzten Gebieten der Ukraine findet laut Medienberichten eine „Säuberung“ von Schulbüchern statt und der Geschichtsunterricht ist zum Teil ausgesetzt.

Eckhardt Fuchs
Eckhardt Fuchs © Christian Bierwagen

Nun ist es illusorisch davon auszugehen, dass schulische Bildungsmedien eine zentrale Rolle für die Beendigung des Krieges spielen sollten oder könnten. Aber bereits vor einem Friedensschluss muss darüber nachgedacht werden, wie historisch-politische Bildung mit entsprechenden neuen Lehrmaterialien in beiden Ländern gestaltet werden kann, um einen auf gegenseitigem Verständnis und Respekt beruhenden Prozess der Versöhnung einzuleiten.

Schon jetzt können vier Schritte eingeleitet werden

Die jahrzehntelange Erfahrung des Braunschweiger Leibniz-Instituts für Bildungsmedien – Georg-Eckert-Institut (GEI) in bi- und multilateralen Schulbuchrevisionsprozessen zeigt, dass schon jetzt folgende Schritte eingeleitet werden können:

1. Manipulationen in Schulbüchern müssen wissenschaftlich untersucht und dekonstruiert werden. Die Verschärfung von Feindbildern und die Konzentration auf konfliktrelevante Sachverhalte, spezifische Täter-Opfer-Perspektiven und die Betonung von „Heldentum“ gehören zu den gängigen Legitimationsmustern, in denen sich Kriegszustände in Schulbüchern niederschlagen. Es ist die Aufgabe kritischer Bildungsmedienforschung, geschichtsverzerrende Darstellungen und politische Interessen aufzuzeigen. Dies betrifft die Schulbücher sowohl in Russland als auch der Ukraine.

Autor und Serie

Der Autor: Eckhardt Fuchs ist Historiker und Erziehungswissenschaftler und leitet das Georg-Eckert- Institut (GEI) in Braunschweig.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Pädagog*innen und Wissenschaftler*innen aus der Ukraine und auch aus Russland einbeziehen

2. Vielfach hat sich gezeigt, dass bilaterale Schulbuchkommissionen in der Lage sind, zur Versöhnung zwischen verfeindeten Ländern beizutragen. Diese „Schulbuchrevision“, bei der es darum geht, gemeinsam auf „Augenhöhe“ die Schulbücher der Konfliktparteien von nationalistischen Inhalten, Geschichtsfälschungen und Stereotypen zu befreien, stellt einen wesentlichen Aspekt von Aussöhnung dar. Mutiges zivilgesellschaftliches Engagement kann daher einen maßgeblichen Einfluss auf Schulbuch- und Lehrplanrevisionen ausüben. Südafrika, der Balkan oder Ostasien sind dafür Beispiele. Neutrale Orte oder vermittelnde Institutionen, wie das GEI oder Kommissionen auf EU-Ebene, können diese Aktivitäten unterstützen und damit eine Wiederaufnahme der ukrainisch-russischen Schulbuchgespräche, die 2014 abgebrochen wurden, befördern.

3. Schulbüchern kommt eine besondere Bedeutung bei der fächerübergreifenden Global Citizenship Education zu. Sie vermittelt Wissen und Fähigkeiten, um globale Herausforderungen zu verstehen. Es ist daher sinnvoll, nach dem Ende des Krieges bis zur Erstellung neuer Schulbücher Lehrmaterialien und pädagogische Leitlinien im Unterricht zu verwenden, die im internationalen Kontext, insbesondere von der Unesco und dem Europarat, entwickelt wurden. Diese müssen übersetzt werden. Und über bestehende Organisationen wie Euroclio, dem europäischen Geschichtslehrerverband, kann die Verbindung zu Lehrkräften in beiden Ländern (wieder-)hergestellt werden.

4. Pädagog*innen und Wissenschaftler*innen aus der Ukraine und auch aus Russland – gerade auch die in EU-Länder geflüchteten –, die sich für einen Aussöhnungsprozess einsetzen, sollten rasch in europäische Netzwerke zur Schulbuch- und Lehrplanentwicklung mit einbezogen werden. Dazu gehören verschiedene Initiativen des Europarats, aber auch das „European Forum for Reconciliation and Cooperation in Social Science and History Education“, das vom GEI koordiniert wird.

Eckhardt Fuchs ist Historiker und Erziehungswissenschaftler und leitet das Braunschweiger Leibniz-Instituts für Bildungsmedien – Georg-Eckert-Institut (GEI).

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