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Wie gehen wir mit Kriegsnachrichten um?

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„Das Nachrichtengeschehen ist selten von überschwänglich guten Inhalten geprägt“, befindet Sascha Hölig. Foto: Rolf Oeser.
„Das Nachrichtengeschehen ist selten von überschwänglich guten Inhalten geprägt“, befindet Sascha Hölig. Foto: Rolf Oeser. © ROLF OESER

Russlands Krieg in der Ukraine stellt Medien und die Konsumierenden vor eine Herausforderung: Wie umgehen mit so viel Negativem? Sascha Hölig zu einer aktuellen Studie und Lösungen.

Die Deutschen sind nachrichtenmüde. So lautet ein zentraler Befund aus der 2022er Welle einer internationalen Langzeitstudie zur Nachrichtennutzung, dem im Juni an der Universität Oxford veröffentlichten Reuters Institute Digital News Report.

Festgestellt wurde, dass das Interesse an Nachrichten auf dem niedrigsten Stand seit Beginn dieser Studienreihe im Jahr 2013 ist. Die Daten wurden Anfang des Jahres erhoben, also vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Nun liegt die Vermutung nahe, dass die Befundlage vom aktuellen Geschehen eingeholt wurde und sich mit Beginn des Krieges am Nachrichtennutzungsverhalten der Menschen in Deutschland etwas geändert hat, weshalb zu Beginn des Aprils eine Nachbefragung erfolgte.

Menschen gehen Informationen über das aktuelle Weltgeschehen zeitweise aus dem Weg

Und tatsächlich, es hatte sich etwas geändert. Und zwar nicht am vorhandenen Interesse am aktuellen Nachrichtengeschehen – dieses blieb weitgehend konstant –, aber in der Häufigkeit, in der Nachrichten genutzt werden, und dem Anteil der Bevölkerung, der Nachrichten bewusst meidet.

Es zeigt sich, dass mehr Menschen den Informationen über das aktuelle Weltgeschehen zumindest zeitweise zielgerichtet aus dem Weg gehen. Man hält sich gewiss weiterhin auf dem Laufenden, aber mit größeren zeitlichen Abständen. Als hauptsächliche Ursachen für die Vermeidung wurden negative Auswirkungen der Nachrichten auf die Stimmung genannt sowie eine wahrgenommene Erschöpfung aufgrund der Menge an angebotenen Informationen. Dies sind lehrreiche Befunde, die aus zweierlei Perspektive aufmerken lassen.

Die Serie #Friedensfrage

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen.

Der nächste Beitrag erscheint am Freitag. FR

Selten von überschwänglich guten Inhalten geprägt

Das Nachrichtengeschehen ist in der Regel selten von überschwänglich guten Inhalten geprägt; das liegt in der Natur der Sache. Von daher ist es verständlich und sogar angeraten, dass man sich vor zu viel Negativität schützt und dafür sorgt, auch mal eine Atempause zu machen. Das hat nichts damit zu tun, das aktuelle Geschehen zu ignorieren; aber sich ununterbrochen die frustrierenden Gegebenheiten, wie auch im Fall des Krieges in der Ukraine, in Erinnerung zu rufen, überfordert emotional und ist wenig konstruktiv.

Auf der anderen Seite gehört es zum Geschäft der Nachrichtenanbieter, stets neue Nachrichten anzubieten. Schwierig wird es jedoch, wenn es kaum neue Entwicklungen zu berichten gibt, aber dem vermeintlichen Druck des wahrgenommenen Aktualisierungszwangs gefolgt wird. So wird zu oft mit überschaubarem Erkenntnisgewinn, aber dafür mit noch etwas mehr Drama und Emotion immer wieder viel Gleiches erzählt.

Sowohl Nachrichtennutzende als auch Medienschaffende sind gefragt

In diesem Zusammenhang ist der Studienbefund bemerkenswert, dass nicht einmal die Hälfte der repräsentativ befragten Erwachsenen in Deutschland der Ansicht ist, Nachrichtenmedien würden bei der Erklärung der weiteren Auswirkungen des Ukraine-Konflikts gute Arbeit leisten. Ist dahingehend eine gewisse Müdigkeit des Publikums nicht nachvollziehbar? Auf einen ähnlichen Aspekt hat auch Tanjev Schultz im Rahmen dieser Rubrik hingewiesen, als er schrieb, es ginge nicht nur um das unmittelbare Kriegsgeschehen, sondern auch darum, die Zivilgesellschaft, politische und ökonomische Strukturen oder die Vielfalt der Akteure in den Blick zu nehmen.

Sascha Hoelig. Foto: Leibniz-Institut für Medienforschung - Hans-Bredow-Institut
Sascha Hölig. Foto: Leibniz-Institut für Medienforschung - Hans-Bredow-Institut © Leibniz-Institut für Medienforschung - Hans-Bredow-Institut

Gut gefallen hat mit vor dem Hintergrund der Nachrichtenmüdigkeit auch die Empfehlung, die die Investigativjournalistin Amanda Ripley Anfang Juli in der „Washington Post“ angeboten hat. Sie appelliert an Medienschaffende, nicht die Aspekte in der Berichterstattung zu vergessen, die ein wenig Hoffnung machen können. Schließlich brauchen wir Hoffnung, um einen Grund zu haben, allmorgendlich aus dem Bett aufzustehen.

Sowohl Nachrichtennutzende als auch Nachrichtenmacher sind gefragt, wenn es um eine gut informierte Gesellschaft geht, die die Augen vor unerwünschten Entwicklungen nicht verschließt und sich nicht ins Private zurückzieht, die aber gleichzeitig auch nicht von der Schwere des aktuellen Geschehens erdrückt wird, sondern verantwortungsbewusst, zuversichtlich und konstruktiv die Zukunft gestalten kann.

Sascha Hölig arbeitet als Senior Researcher im Bereich Mediennutzung am Leibniz- Institut für Medienforschung/ Hans-Bredow-Institut Hamburg. Er ist Mit-Autor des Reuters Institute Digital News Reports.

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