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Wie eine Religion sich demontiert

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Von: Thoralf Cleven

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Kundgebung vorm Essener Dom.
Kundgebung vorm Essener Dom. © Bernd Thissen/dpa

Staatliche Einflussnahme auf katholische Institutionen ist die Forderung in Politik und Kirche.

Das Gutachten zu Fällen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen im Erzbistum München und Freising hat zu einer Debatte über künftige Kontrolle der Katholischen Kirche geführt. Dabei geht es um die staatliche Beobachtung kirchlicher Kitas und Schulen, aber auch um mehr Einfluss der Parlamente durch Untersuchungsrechte.

Der Kirchenbeauftragte der SPD-Fraktion im Bundestag, Lars Castellucci, fordert mehr Aufmerksamkeit bei sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige. „Auch die Politik ist sehr viel stärker gefordert“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Eine Nulltoleranzstrategie erfordert, das Thema weiter aus der Tabuzone herauszuholen und alles Menschenmögliche dafür zu tun, Taten zu verhindern.“

Der Sozialdemokrat versicherte, dass die Ampelkoalition die Arbeit des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs gesetzlich regeln und eine regelmäßige Berichtspflicht an den Bundestag einführen werde. Wichtig sei aber auch, für eine „kindersensible Justiz“ zu sorgen. „Es ist für die Betroffenen immer schwer, oft auch erst nach vielen Jahren, die Taten öffentlich zu machen“, so Castellucci. „Sie müssen Anlaufstellen haben und bei Polizei und Justiz auf geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen, die mit der Thematik angemessen umgehen können.“

Der Kirchenbeauftragte der Union, Thomas Rachel, bezeichnete die Ergebnisse des Missbrauchsgutachtens sowohl bezüglich der Taten wie auch des kirchlichen Umgangs damit als eine „Bilanz des Schreckens“.

Das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising offenbart tiefe Abgründe im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Doch viel alarmierender ist, dass Opfer offenbar auch heute noch vor Hürden stehen. Und der emeritierte Papst Benedikt XVI. versucht unterdessen, sich schützend vor beschuldigte Priester zu stellen.

Das Münchner Gutachten ist nun auch ein Fall für die Justiz, die in verschiedenen Fällen Fehlverhalten kirchlicher Verantwortungsträger untersucht. Die untersuchten Fälle betreffen ausschließlich noch lebende Kleriker. „Im Mittelpunkt müssen vor allem die betroffenen Opfer des sexuellen Missbrauches stehen“, sagte Rachel. „Die Kirche hat schwere Schuld auf sich geladen und muss nun alles daransetzen, alle Verfehlungen schonungslos zu benennen, aufzuarbeiten und verantwortliche Schutz- und Präventionsmaßnahmen für die Zukunft zu etablieren.“

Nach Auffassung des Strafrechtsprofessors Holm Putzke sollten die Kirchen, in denen Missbrauch eine „Never-Ending-Story zu sein scheint“ juristisch behandelt werden wie die Organisierte Kriminalität. „Für irgendeine besondere Rücksichtnahme, man kann es auch als Beißhemmung bezeichnen, besteht überhaupt kein Anlass“, so Putzke zur Deutschen Presse-Agentur. Der Jurist forderte außerdem, der Staat solle alle Kindertagesstätten und Schulen unter Beobachtung stellen, bei denen es eine Trägerschaft der katholischen Kirche gibt. Man solle sogar über einen Entzug der Trägerschaft nachdenken.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, wollen auch mehr politische Einflussnahme. „Ich glaube nicht mehr, dass die Kirche allein die Aufarbeitung schafft“, sagte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp im Inforadio des RBB. Rörig fordert eine gesetzliche Verankerung der 2016 auf Bundesebene eingerichteten Aufarbeitungskommission – mit „Kontroll-, Beratungs- und vielleicht auch Untersuchungsrechten“.

Auch Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck fordert Konsequenzen und betont die individuelle Verantwortung von Kirchenleitenden. Es sei notwendig, so Overbeck am Donnerstagabend in einem „ZDF Spezial“, „dass sich auch der Vatikan, dass sich auch Papst Benedikt dazu verhält“.

Benedikt ging als Erzbischof von München und Freising laut Gutachten nicht ausreichend gegen Missbrauchstäter vor. Ein Fall war die Aufnahme eines Priesters in sein Bistum, der zuvor in Essen und Bottrop Jungen sexuell missbrauchte. (mit dpa, epd)

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