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Ukraine in den Auslandsmedien – Wie ein Konflikt übersehen wird

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Von: Clemens Dörrenberg

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Arbeit in den Trümmern von Kiew: Eine Journalistin justiert ihre Handy-Kamera.
Arbeit in den Trümmern von Kiew: Eine Journalistin justiert ihre Handy-Kamera. © picture alliance/abaca

Deutschlands ausgedünnte Auslandsmedien suchen nach einem umsichtigen Neuanfang – nicht nur wegen Putin. Ideen gibt es. Nur an Geld fehlt es. Wie so oft.

Kiew/Frankfurt - Die Überraschung war allenthalben groß, als russische Truppen im Norden, Osten und Süden die Grenzen zur Ukraine überschritten, ihre Raketen auf das Land niedergingen, ihre Artillerie und Luftwaffe Flughäfen, Schulen, Krankenhäuser und Wohnsiedlungen zu beschießen begann. Noch größer war die Überraschung, als die Invasoren nicht den ihnen vom Kreml in Aussicht gestellten unangefochtenen „Siegeszug“ erlebten – sondern einen fast durchgängigen massiven Widerstand der ukrainischen Nation. Und der währt nun mehr als sechs Wochen schon.

Manche allerdings verwundert weder das eine noch das andere: „Die Annahme, dass die Ukraine aufgeben würde, basiert auf einer solchen Fehleinschätzung“, sagt der freie Journalist Christian-Zsolt Varga zum Ukraine-Krieg.

Ukraine-Konflikt: Ausgedünnte Auslandsberichterstattung nicht nur in den deutschsprachigen Medien

Der Koordinator des „Netzwerks für Osteuropa-Berichterstattung“ bemängelt, dass wenig über die Entwicklungen innerhalb der ukrainischen Gesellschaft in den acht Jahren seit der Annexion der Krim durch Russland bekannt ist. „Es wurde nie mit dem 25-jährigen Hipster in einer Küche in Kiew gesprochen, der sagte: Wenn wir angegriffen werden, greife ich zur Waffe“, bringt es Varga auf den Punkt.

Der Korrespondent, der sich sonst eher mit Ungarn beschäftigt, führt dies zuvorderst auf die im Laufe der vergangenen Jahre immer noch weiter ausgedünnte Auslandsberichterstattung nicht nur in den deutschsprachigen Medien zurück – schon gar nicht mehr ein Trend, sondern seit nun Jahrzehnten etabliert,

IN DER UKRAINE VERWUNDET, ENTFÜHRT ODER GETÖTET

Stefan Weichert und Emil Filtenborg Mikkelsen, zwei Reporter der dänischen Zeitung „Ekstra-Bladet“, wurden am 26. Februar in Okhtyrka angeschossen. Sie wurden in einem Krankenhaus in der Nähe behandelt und anschließend nach Dänemark verlegt.

Stuart Ramsay wurde am 28. Februar am unteren Rücken verwundet. Der „Sky News“-Journalist war mit drei weiteren Briten und einem ukrainischen Journalisten Richtung Butscha unterwegs, als sie unter Beschuss kamen.

Yevhenii Sakun war der erste Journalist, der in der Ukraine starb. Der 49-Jährige filmte am 1. März während des Beschusses am Kiewer Fernsehturm für den lokalen Sender „Live“ und kam dabei ums Leben.

Dmytro Khiliuk wird seit dem 4. März vermisst. Laut einer Verwandten und der „Media Initiative Group for Human Rights“ wurden der Reporter und sein Vater in einem Dorf nördlich von Kiew von russischen Soldaten gefangen genommen, nachdem ihr Haus zerstört worden war. Khiliuks Vater wurde am 10. März freigelassen, er selbst ist noch in Gefangenschaft. Er werde beschuldigt, Informationen an die ukrainische Armee weitergegeben zu haben.

Brent Renaud wurde am 13. März in Irpin getötet. Der US-Amerikaner arbeitete für das „Time Magazine“ über ukrainische Flüchtlinge. Es gibt unterschiedliche Darstellungen zum Hergang seines Todes, mehrere Journalist:innen behaupten, er sei durch einen Schuss in den Nacken getötet worden.

Juan Arredondo wurde beim selben Zwischenfall verletzt. Der kolumbianisch-amerikanische Fotograf berichtete, jemand habe auf sie geschossen, nachdem sie durch einen ukrainischen Checkpoint gefahren waren.

Pierre Zakrzewski und Oleksandra Kuvshynova starben am 14. März bei Kiew. Der Kameramann und die Reporterin berichteten für „Fox News“. Laut ihrem Sender und dem Kiewer Innenministerium waren die beiden mit Kolleg:innen in einem Auto, als sie von Granatwerfern beschossen wurden.

Benjamin Hall wurde bei demselben Angriff verletzt. Der 39-jährige „Fox News“-Journalist wurde in die USA ausgeflogen. Er verlor ein halbes Bein und einen Fuß. Zudem wurde eine Hand schwer verletzt und auf einer Seite hat er sein Augenlicht verloren.

Victoria Roshchyna war zehn Tage in der Gewalt russischer Soldaten, bevor sie am 22. März freikam. Laut „New York Post“ wurden Videos von der Fotografin in pro-russischen Telegram-Kanälen veröffentlicht, die zeigen sollen, wie sie von den Russen „gerettet wird“. Das Medium „Hromadske“, für das Roshchyna arbeitet, sagte, die Videos wären Bedingung für ihre Freilassung gewesen.

Oksana Baulina kam am 23. März in Kiew ums Leben, als sie von der Zerstörung eines Einkaufszentrums berichtete. Bei der Explosion einer Werfergranate starben die Reporterin von „The Insider“ und eine Zivilistin.

Irina Dubschenko wurde am 28. März im Dorf Rozivka von der russischen Armee verhaftet. Die Reporterin soll nun in Donetsk sein. Ihr wird vorgeworfen, ukrainischen Soldaten Unterschlupf gewährt zu haben.

Oles Navrotskyi, ein Kameramann, wurde am 27. März während Dreharbeiten in Kiew durch russisches Artilleriefeuer am Bein schwer verletzt.

Maks Levin wurde am 1. April in einem Dorf bei Kiew tot aufgefunden. Der 40-jährige Dokumentarfilmer berichtete seit 2014 über den Krieg. Er war schon seit dem 13. März verschollen. Die ukrainischen Behörden meldeten zwei Schussverletzungen.

Mantas Kvedaravicius starb am 2. April in Mariupol. Laut Verteidigungsministerium in Kiew soll der litauische Dokumentarfilmer auf der Flucht aus der Stadt getötet worden sein. Albina Lvutina, eine mit ihm befreundete Journalistin, behauptet in mehreren Facebook-Posts, dass Kvedaravicius bereits vor dem 2. April von Russen erschossen worden sei.

Oleksandr Gunko, Redakteur beim Online-Medium „Nova Kakhovka City“ wurde am 6. April freigelassen, nachdem Russen ihn drei Tage zuvor entführt hatten. Kurz davor wollen seine Kolleg:innen eine E-Mail erhalten haben, in der es hieß, sie sollten „korrekt“ berichten. prbk

Vargas Kollege Marc Engelhardt sieht das sehr ähnlich: Der ehemalige Afrikakorrespondent, der seit mehr als zehn Jahren aus Genf von den Vereinten Nationen berichtet, hat jüngst bei einer Gesprächsrunde des Interkulturellen Mediendialogs im Frankfurter Haus am Dom ein Arbeitspapier mit dem Titel „Das Verblassen der Welt – Auslandsberichterstattung in der Krise“ vorgestellt. Dafür wertete Engelhardt zwei Dutzend deutsche Tageszeitungen über einen Zeitraum von zehn Jahren aus. Er stellte fest, dass auf deren Auslandsseiten Artikel aus den USA mit großem Abstand überwiegen. Über die Vereinigten Staaten werde laut Engelhardt etwa 14 Mal mehr geschrieben als etwa über die Ukraine. Viereinhalbmal so viele Artikel gebe es im Vergleich der USA zu Russland. „Wir sollten nicht vergessen, dass es noch 20 andere Kriege auf der Welt gibt“, sagt Engelhardt und erinnert an Eritrea/Äthiopien, Syrien und den Sahel.

Ukraine-Krieg in den Medien: Schwerpunkt inmitten weltweiter Krisen setzen

Klaus-Dieter Frankenberger, der zwei Jahrzehnte das Auslandsressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geleitet hat, sieht das alles aus Sicht seines Blattes doch anders: „Unser Korrespondentennetz ist im deutschen und internationalen Vergleich ziemlich groß und stark“, sagt er. Trotz „ungeheurer Themenkonkurrenz“ seien Berichte aus dem Ausland „nie hinten runtergefallen“.

Die USA aber seien nun mal „von überragender Bedeutung“, erklärt Frankenberger die offensichtliche Diskrepanz und verweist dafür exemplarisch auf die intensive Berichterstattung über Donald Trump, die eben auch von den Leserschaft gewünscht worden sei. Und auch angesichts zahlreicher weltweiter Krisen müssten nun mal Schwerpunkte gesetzt werden. „Wir haben festgestellt, dass die Presselandschaft segmentiert ist.“ Und da macht er dann doch auch strukturelle Probleme aus: „Man entscheidet sich für einen Korrespondenten und dann sitzt der Polen-/Ukraine-Korrespondent in Warschau und nicht in Kiew.“ Im Hinblick auf Themen vom afrikanischen Kontinent sieht das Frankenberger absolut pragmatisch: „Es ist klar, dass Staaten nur dann bevorzugt behandelt werden, wenn da was los ist.“ Dies sei „Teil unserer Medienökonomie“.

Ukriane-Krieg: Stärkere Kooperation und Netzwerke internationaler Medienhäuser nötig

Varga und Engelhardt argumentieren dagegen für stärkere Kooperation und Netzwerke internationaler Medienhäuser sowie freier Journalist:innen. „Plattformen, die Recherchen machen und die in unterschiedlichen Medien veröffentlicht werden können, sind Bestandteil der Lösung“, sagt Engelhardt und nennt als Beispiel die Aufdeckung des „Cum-Ex-Skandals“. Es spreche nichts dagegen, diese Vernetzung auch in andere Bereiche zu übertragen: „Aber es kostet Geld, das bereitgestellt werden muss.“

Varga schlägt „eine wöchentliche europäische Redaktionssitzung“ vor, eine verstärkte Lektüre der Auslandspresse in hiesigen Redaktionen und die Zusammenarbeit mit lokalen Medien in den Ländern, aus denen berichtet werden soll. „Warum kann nicht der örtliche Lokaljournalist die Reportage machen?“ Das sei eine Frage, die im Sinne eines „Cross-Border-Denkens“ gestellt werden müsse, meint Varga. Und von den Medienunternehmen auch beantwortet gehöre. (Clemens Dörrenberg)

Das Leid in der Ukraine nimmt mit jedem Tag des Krieges zu. Das Unvorstellbare wird für viele zum Alltag. Eine Ukrainerin berichtet.

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