1. Startseite
  2. Politik

Wie die Digitalisierung klimafreundlich wird

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jana Ballweber

Kommentare

Der Heidelberger Stadtteil „Bahnstadt“ im April 2022. Nach der Fertigstellung soll sie die größte Passivhaussiedlung der Welt sein. Die Bahnstadt wird seit 2011 auf den Flächen der ehemaligen Rangier- und Güterbahnhöfe Heidelberg errichtet und ist somit Heidelbergs jüngster Stadtteil.
Der Heidelberger Stadtteil „Bahnstadt“ im April 2022. Nach der Fertigstellung soll sie die größte Passivhaussiedlung der Welt sein. Die Bahnstadt wird seit 2011 auf den Flächen der ehemaligen Rangier- und Güterbahnhöfe Heidelberg errichtet und ist somit Heidelbergs jüngster Stadtteil. © Daniel Kubirs

Mehr soziale Gerechtigkeit statt Klicks zum Selbstzweck: Technologie kann viel für den Klimaschutz leisten, wenn sie gut geregelt wird

Dass es zur Bekämpfung der Klimakrise nicht ausreicht, kosmetisch an Symptomen herumzudoktern, ist mittlerweile klar. Alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft stehen zwangsläufig vor einem grundlegenden Wandel, wenn die Menschheit noch irgendwie die Kurve kriegen will. Wie digitale Technologien diesen Wandel unterstützen können und wie sie dafür ausgestaltet sein müssten, beleuchtet ein Bericht der Forschungsgruppe „Digitaliziation for Sustainability“, der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Die Gruppe ist ein Projekt der TU Berlin und der Forschungsgruppe Einstein Center for Digital Future und vereint Forschende aus vielen europäischen Ländern.

Kostenloser Klima-Newsletter

Einmal pro Woche veröffentlicht die Frankfurter Rundschau einen kostenlosen redaktionellen Newsletter zum Klimaschutz.

Jetzt abonnieren: Klima-Newsletter der FR

Digitalisierung, Klimaschutz und sozialer Wandel können nicht unabhängig voneinander gedacht werden, so die Kernbotschaft des Berichts. Soll das eine sinnvoll voranschreiten, muss es auch das andere tun. Das Team beobachtet mit Sorge, dass die digitalpolitischen Gesetzespakete, die auf EU-Ebene in den letzten Jahren erarbeitet wurden, den Zusammenhang zwischen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und sozialer Gerechtigkeit nicht mit einbeziehen: „Keines der Gesetze hat bislang wirklich den Anspruch, auch ökologische und soziale Ziele zu verfolgen“, sagte Tilman Santarius, einer der leitenden Autoren, bei einem Pressegespräch. Die Befürchtung:

Digitalisierung könnte viel für Klimaschutz und Nachhaltigkeit leisten

Bei der Gestaltung der Digitalgesetzgebung werden jetzt bestimmte – nicht nachhaltige – Wege eingeschlagen, die man mit Blick auf die Klimakrise später bereuen könnte.

Denn dem Bericht zufolge könnte eine gut gemachte Digitalisierung allerhand für den Klimaschutz leisten. Für die sechs Sektoren Landwirtschaft, Mobilität, Kreislaufwirtschaft, Energie, Konsum und Bau haben die Autor:innen konkrete Vorschläge gesammelt, die zeigen sollen, welche digitalen Technologien die Branchen nachhaltiger und gerechter machen könnten – und auf welche man lieber verzichten sollte.

Einsparungspotenzial durch Digitalisierung bei Emissionen in der Baubranche

Beispiel Baubranche: Hier soll mit Hilfe digitaler Werkzeuge schon während der Planung von Gebäuden die Nachhaltigkeit berücksichtigt werden. Simulationen sollen die Energieeffizienz der Gebäude verbessern, vernetzte Heizungssysteme sollen feststellen, wo noch Einsparungspotenzial besteht. Gleichzeitig hoffen die Forschenden aber auch, dass durch die Digitalisierung der Flächenbedarf der Gesellschaft insgesamt sinkt: Online-Shopping könnte Ladenfläche freimachen, Online-Interaktion mit Kundschaft den Bedarf an Bürofläche senken, Online-Banking macht viele Bankfilialen überflüssig.

Denn eines zeigt die Auswertung ganz deutlich: Obwohl im Gebäudebereich in der Zeit von 1990 bis 2018 durch Effizienzsteigerung und Umrüstung auf erneuerbare Energiequellen europaweit knapp siebzig Prozent CO2-Emissionen hätten eingespart werden können, lag die tatsächliche Einsparung nur bei knapp dreißig Prozent. Denn im selben Zeitraum ist die Wohnfläche pro Person gewachsen, was zu zusätzlichen Emissionen geführt hat.

Aktiv werden

Digitalisierung und Klima zusammen denken: Das ist das Ziel der Konferenz „Bits und Bäume“, die noch bis Sonntag in Berlin stattfindet.

Zusammen diskutieren Beteiligte aus Aktivismus, Wissenschaft und Politik, wie die Digitalisierung klimafreundlich und sozialverträglich gestaltet werden kann.

Livestream und Programm finden sich unter www.bits-und-bäume.org. Ein Großteil der Vorträge wird online übertragen. jaba

Gleichzeitig könne die Baubranche aber mit Hilfe digitaler Werkzeuge auch zum Hebel für mehr Gerechtigkeit werden. Eine effizientere Heizung könnte Energiearmut verhindern.

Online-Plattformen könnten aus Datenbanken verfügbarer Wohnungen eine von Preis und Größe passende heraussuchen, sodass niemand gezwungen wäre, aus einem Mangel an Wohnraum eine zu große oder zu teure Wohnung zu mieten. Das würde auch dafür sorgen, dass weniger Energie und Ressourcen für Neubauten aufgewandt werden müssten, weil genaue Daten über Wohnraum vorhanden wären und diese somit besser vermittelt werden könnten.

Wirtschaftliches Wachstum bei Tech-Konzernen strebt Nachhaltigkeit entgegen

Das Beispiel zeigt, wie viel die Digitalisierung für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit tun kann, wenn alle drei zusammen gedacht werden. Die Hoffnung, mit digitalen Technologien zusätzlich auch noch wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen, strebe aber Konzepten für Nachhaltigkeit eher entgegen. Als Beispiel dafür nennt der Bericht die großen Tech-Konzerne wie Microsoft, Amazon oder Meta. Deren Geschäftsmodelle seien größtenteils darauf ausgelegt, möglichst viele digitale Interaktionen hervorzurufen.

Denn jeder Klick bringt Geld. Gleichzeitig führe das aber dazu, die Nutzung digitaler Angebote immer mehr anzukurbeln, was nicht besonders nachhaltig sei. Denn auch digitale Technologien selbst brauchen Energie. Die Nutzung von Rechenzentren, Netzen und Endgeräten und deren Produktion haben einen eigenen ökologischen Fußabdruck. Verstärkte Nutzung verschlechtert die CO2-Bilanz des digitalen Sektors selbst.

Ruf nach übergeordneter Strategie für Digitalisierung und Klimaschutz

Der Bericht macht deshalb klar, dass Digitalisierungsprozesse oft zu unbedarft umgesetzt werden: „Digitale Technologien führen nicht automatisch zu ökologischen und sozialen Verbesserungen. Diese hängen zu einem großen Teil von den Umständen ab, unter denen die Technologien implementiert werden.“ Und die Umstände erforderten ein anderes Wirtschaften, weg vom Gewinnstreben, weg vom Wachstum, hin zum Gemeinwohl und zur Kreislaufwirtschaft.

Umso plausibler erscheint die Forderung nach einer übergeordneten Vision für die Transformation der Gesellschaft, hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit. Mit der richtigen Strategie kann Digitalisierung den Forschenden zufolge ein Instrument sein, um diese Ziele zu erreichen – wenn sie richtig gesteuert wird. Viel zu tun für Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, um die Vision mit Leben zu füllen.

Auch interessant

Kommentare