Coronavirus - Großbritannien
+
Trotz des Lockdowns soll Dominic Cummings mehr als 400 Kilometer zu seinen Eltern gereist sein, als er an Covid-19-Symptomen litt.

Großbritannien

„Wie Deppen behandelt“

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
    schließen

Die Corona-Verstöße seines Beraters Cummings bringen den britischen Premier Johnson massiv in Bedrängnis.

In der Affäre um den britischen Regierungsberater Dominic Cummings gibt es einen ersten Rücktritt: Der für Schottland zuständige Staatssekretär Douglas Ross nahm aus Protest gegen Cummings’ Verhalten in der Corona-Krise am Dienstag seinen Hut. Cummings’ Interpretation der Ausgangsbeschränkungen „können die meisten Menschen, die die Regeln der Regierung befolgen, nicht nachvollziehen“, schrieb Ross am Dienstag an Premierminister Boris Johnson.

Der mit Covid-19 infizierte Cummings war Ende März mitten im Lockdown aus London zum Anwesen seiner Eltern ins mehr als 400 Kilometer entfernte Durham gereist. Mit im Auto saßen seine ebenfalls erkrankte Frau und der gemeinsame vierjährige Sohn. Johnson erklärte Cummings’ Verhalten mit der Sorge um die Betreuung des Kindes. Cummings und seine Frau Mary Wakefield, eine prominente Redakteurin des konservativen Magazins „Spectator“, hätten „keine Alternative“ gehabt. Das bestens vernetzte Paar lebt im wohlhabenden Nordlondoner Stadtteil Islington. In Durham sollte Cummings’ Schwester die Notfallbetreuung übernehmen, was durch Wakefields rasche Genesung aber nicht erforderlich wurde.

Mehrheit verlangt Rücktritt

Die offenkundigen Verstöße seines Chefberaters tat der Premierminister als „Instinkt jeden Vaters“ ab: „Er handelte verantwortlich, legal und mit Integrität.“ Mit dieser Einlassung stellte er sich gegen die überwältigende Volksmeinung. Cummings wurde vor seinem Haus beschimpft und ausgebuht. Einer YouGov-Umfrage zufolge halten 68 Prozent der Briten sein Vorgehen für falsch, eine Mehrheit fordert seinen Rücktritt.

Moralische Unterstützung erhalten sie von mehreren Oberhirten der anglikanischen Staatskirche. Der Premierminister habe „keinen Respekt für das Volk“, glaubt Vivienne Faull, die Bischöfin von Bristol; Johnson habe „gelogen und uns wie Deppen behandelt“, assistiert Nick Baines, Bischof im nordenglischen Leeds. Wie Tausende anderer Eltern sei er „nicht einem Instinkt, sondern den Regeln gefolgt“, teilt der Leiter der Diözese Worcester, John Inge, mit. Unverhohlen fordert sein Kollege aus Manchester, David Walker, Cummings’ Rücktritt: „Sonst besteht kein Vertrauen mehr in das Wort von Ministern.“ Baines, Faull und Inge gehören qua Amt dem Oberhaus an.

Auch hochrangige Wissenschaftler wiesen auf die Gefahr hin, die Öffentlichkeit könne die weiterhin geltenden Ausgangsbeschränkungen nicht mehr ernstnehmen. „Der Premierminister hat binnen weniger Minuten das Vertrauen der Bevölkerung zerstört“, sagt der Psychologe Stephen Reicher, der einem Beratergremium der Regierung angehört.

Johnsons Persilschein für den wichtigsten Mann seiner Regierung hat die Unruhe auf den Hinterbänken seiner eigenen Fraktion verstärkt. Mehrere Vorsitzende einflussreicher Unterhausausschüsse sowie frühere Staatssekretäre forderten den sofortigen Rücktritt des ohnehin hochumstrittenen Chefberaters.

Die Polizeibehörde der Grafschaft Durham hat mittlerweile ein formelles Ermittlungsverfahren eingeleitet. In Frage stehen zudem zwei angebliche Ausflüge in die Umgebung der Universitätsstadt, bei denen Cummings laut britischen Medien gesichtet wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare