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Wie bewahren Kinder im Krieg ihre Handlungsfähigkeit?

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„Täglich sehen sie, was der Krieg in ihrer Heimat anrichtet.“ Das Archivbild zeigt Kateryna aus Kiew in Frankfurt. Foto: Michael Schick.
„Täglich sehen sie, was der Krieg in ihrer Heimat anrichtet.“ Das Archivbild zeigt Kateryna aus Kiew in Frankfurt. Foto: Michael Schick. © Michael Schick

Im Krieg werden Kinderrechte verletzt – jeden Tag: Junge Menschen werden traumatisiert, verlieren verlässliche Beziehungen und auch ihre Lebensgrundlage. Sabina Schutter ruft zu mehr Schutz auf.

Mit der UN-Kinderrechtskonvention haben sich fast alle Staaten weltweit auf den Schutz, die Förderung und die Beteiligung von Kindern geeinigt. Diese völkerrechtliche Vereinbarung ratifiziert unter anderem, dass Kinder vor kriegerischen Konflikten geschützt werden müssen, dass sie nicht als Kindersoldaten eingesetzt werden und dass sie an Fragen, die sie betreffen, angemessen beteiligt werden müssen. Doch die Realität in jedem Krieg ist leider eine andere – dies zeigt der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Als ich im Frühjahr in einer Unterkunft für geflüchtete Menschen aus der Ukraine nahe Warschau und in einer Anlaufstelle für geflüchtete Kinder in Stalowa Wola war, konnte ich mit eigenen Augen sehen, dass diese völkerrechtliche Vereinbarung für ukrainische Kinder derzeit keinerlei Anwendung findet. Vor Ort waren fast nur Frauen mit Kindern und wenige ältere Männer zu finden.

Für die Kinder standen einige Spiel- und Bewegungsangebote zur Verfügung, eine wichtige Ablenkung. Dennoch war es in der Halle still. Selten hörte man ein Kind lachen oder schreien, nie hörte man die vielen Haustiere, die dabei waren. Die Kinder hatten die Entscheidung zur Flucht nicht selbst getroffen. Vermutlich wurden sie auch nicht daran beteiligt, denn ihre Mütter haben zu ihrem Schutz entschieden, die Reise aus der Ukraine anzutreten.

Kinder verlieren im Krieg ihre Handlungsfähigkeit – Agency – wie es in der Kindheitsforschung heißt. Agency und Mitbestimmung sind wesentliche Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern. Denn nur durch die Beteiligung von Anfang an lernen Kinder, dass ihre Stimme etwas zählt, dass sie gehört werden.

Nicht zuletzt ist diese Beteiligung Bedingung für einen gelingenden Kinderschutz. Nur wenn Kinder sicher sind, dass ihre Eindrücke und ihr Wille oder auch ihre Ablehnung etwas zählt, werden sie sich auch Erwachsenen anvertrauen, wenn sie Schutz brauchen. In der Stille der Unterkunft sind die Stimmen der Kinder verstummt. Sie wissen, dass ihre Eltern oder die Begleitpersonen alles dafür tun, dass sie sicher sind. Sie wissen aber auch, dass ihr Protest gerade nicht zählt, dass sie nicht gehört werden.

Eine Generation von Kindern wird dadurch umfassend in ihren Rechten verletzt. Sie erleben Traumatisierungen, sie verlieren verlässliche Beziehungen und auch ihre Lebensgrundlage. Sie erleben, dass sie angesichts eines gewaltsamen Überfalls auf ihre Heimat ihr Recht auf Schutz verlieren. Mit einem Krieg werden Kinderrechte verletzt – jeden Tag.

Viele geflüchtete Kinder stehen nach wie vor täglich im Austausch mit ihren Vätern oder Lehrern, die noch in der Ukraine sind. Dies hilft ihnen, wichtige Beziehungen aufrecht zu erhalten. Allerdings stellt es auch eine andauernde Retraumatisierung für sie dar. Täglich sehen sie, was der Krieg in ihrer Heimat anrichtet und wie er das Leben ihrer engsten Bezugspersonen in Gefahr bringt.

Die Serie

Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen. FR

In den Köpfen der geflüchteten Kinder geht der Krieg weiter. Wir müssen ihnen helfen, damit sie unter diesem Druck nicht zusammenzubrechen oder gar Schuldgefühle entwickeln, weil sie in Sicherheit sind, während andere in Lebensgefahr schweben. Für von Krieg und Konflikt traumatisierte Kinder sind vor allem das Erleben von Sicherheit und verlässliche zwischenmenschliche Beziehungen hilfreich, um perspektivisch wieder eine unbeschwerte Kindheit erfahren zu können.

Unsere Erfahrungen mit jungen Geflüchteten aus der Ukraine zeigen auch ihren unmittelbaren Wunsch nach Wiederherstellung ihrer Handlungsfähigkeit. Die jungen Menschen sind teilweise sehr engagiert, schnell Deutsch zu lernen, sich zu integrieren und wieder an Bildung teilzuhaben. Andere wollen schnell zurück in ihre Heimat.

Beides zeigt, dass Jugendliche in dieser Situation – eine Heimat im Krieg, eine Flucht ohne sichere Perspektive – passgenaue Angebote benötigen, dass sie Sensibilität seitens der Fachkräfte brauchen und dass ihre Selbstbestimmung den wichtigsten Stellenwert einnehmen sollte. Sie müssen sich handlungsfähig erleben und brauchen dabei Unterstützung.

Die besonderen Bedürfnisse der Kinder, die Krieg und Flucht erlebt haben, müssen ernst genommen werden. Dies ist vor allem für Kinder mit Beeinträchtigungen von höchster Wichtigkeit. Sie brauchen ganz besondere professionelle und kindgerechte Angebote, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Die UN-Kinderrechtskonvention erkennt das Recht auf Förderung und besondere Betreuung von Kindern mit Behinderung explizit an. Sie brauchen hier bei uns passgenaue Bildungsangebote, eine sichere Versorgung mit kind- und behindertengerechtem Wohnraum, Nahrung, Kleidung und natürlich Zugang zu medizinischen und psychosozialen Dienstleistungen.

In vielen Regionen auf der Welt herrscht Krieg. In all diesen Konflikten werden Kinderrechte verletzt. Spätestens mit dem Krieg in der Ukraine ist diese umfassende Verletzung von Kinderrechten in Europa angekommen.

Sabina Schutter

ist Vorstandsvorsitzende von SOS-Kinderdorf e.V.

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