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Klimawandel und Psyche: Wie aus Angst Optimismus wird

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Von: Friederike Meier

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Was löst es aus, im Wald der Kindheit zu sehen, wie die Bäume vertrocknen?
Was löst es aus, im Wald der Kindheit zu sehen, wie die Bäume vertrocknen? © Imago

Der Klimawandel belastet unsere Psyche. Ein FR-Podium zeigt, warum diese Erkenntnis hilft.

Dass der Klimawandel menschengemacht ist, wissen wir schon lange. In diesem Herbst findet die 27. Klimakonferenz statt und die Emissionen von Treibhausgasen steigen noch immer. Fossile Konzerne sorgen durch ihre Lobbyarbeit dafür, dass effektiver Klimaschutz verhindert wird. Der Ölkonzern BP machte etwa 2004 das Konzept des CO2-Rechners bekannt, mit dem alle ihren eigenen CO2-Fußabdruck ausrechnen konnten.

Die Verantwortung auf die einzelnen Menschen zu lenken, weg von den Emissionen der großen Konzerne, war und ist ihre Taktik. Doch wir können uns deshalb nicht zurücklehnen und darauf warten, dass die Politik die Konzerne in die Schranken weist. Was hilft, um aus diesen Widerspruch auszubrechen?

Der Neurowissenschaftler Philipp Sterzer und die Psychologin Katharina van Bronswijk plädieren dafür, sich mit der menschlichen Psyche zu beschäftigen. Sterzer schreibt in seinem Buch „Die Illusion der Vernunft“ über die Unzulänglichkeiten des menschlichen Gehirns.

Klimawandel und Psyche: „Wir haben einen Blinden Fleck“

Auf der Podiumsdiskussion der FR während der Veranstaltungsreihe Open Books in Frankfurt, moderiert von Chefredakteur Thomas Kaspar, illustriert er diese mit einem Experiment: Wenn man mit dem rechten Auge seinen rechten Daumen betrachtet, und diesen dann langsam weiter nach rechts bewegt, während man weiter geradeaus schaut, verschwindet irgendwann der Daumennagel.

„Unsere Netzhaut hat eine Stelle ohne Sinneszellen. Trotzdem bemerken wir nie, dass wir diesen blinden Fleck haben. Unser Gehirn schafft es, diese Lücke zu schließen“, erklärt Sterzer und fügt an: „Auch beim Denken haben wir den Eindruck, wir bilden die Welt als Ganzes ab. Wir haben einen blinden Fleck dafür, was wir nicht wissen.“

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Die Psychologin und Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk nutzt einen anderen Begriff dafür: „Drachen der Untätigkeit“, ein Konzept, das der kanadische Umweltpsychologe Robert Gifford entwickelt hat, um zu erklären, warum wir im Angesicht der Klimakrise zu wenig tun. Eine „Drachengattung“ ist das begrenzte Denkvermögen. „Unsere Wahrnehmung ist also subjektiv und selektiv“, erklärt van Bronswijk auf dem Podium. Dadurch unterliegen wir vielen Verzerrungen, die es uns schwierig machen, das komplexe Problem des Klimawandels zu begreifen. Barrieren entstehen, die dem Einsatz für Klima und Natur im Wege stehen

„Es sind Tatsachen, die uns wirklich hilflos machen“, sagt Sterzer. „Die Reaktion ist oft Rückzug. Das hilft uns aus Sicht der Evolution zum Überleben, wir sparen damit Energie.“ Außerdem griffen die Menschen in Zeiten der Unsicherheit zu Erklärungen, die diese reduzieren, und seien so anfällig für Verschwörungstheorien.

Buchtipps

Katharina van Bronswijk: Klima im Kopf. Oekom, München. 2022. 208 S., 22 Euro.

Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft. Ullstein, Berlin 2022. 320 S., 24 Euro.

Van Bronswijk, die auch Sprecherin der „Psychologists for Future“ ist, erzählt: „80 Prozent der Anfragen, die wir dort bekommen, sind zum Thema Klimaangst.“ Die tauche dann auf, wenn man sich mit der Zukunft in der Klimakrise beschäftigt und merkt, dass gleichzeitig zu wenig dagegen getan wird. „Klimaangst klingt nach einer Diagnose, ist aber keine. Es ist normal und gut, dass wir Klimaangst haben.“

Ein weiteres Gefühl, das der Klimawandel auslösen kann, ist die Solastalgie, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern „solace“ (Trost) und „nostalgia“ (Nostalgie). „Solastalgie ist die Trauer um einen Ort der Geborgenheit“, sagt van Bronswijk. „Zum Beispiel wenn man in den Wald der Kindheit geht, und sieht, wie die Bäume vertrocknen.“ Der Ort verändert sich und verliert vielleicht seine Fähigkeit, zu trösten.

Wir haben Angst vor dem Klimawandel, sprechen aber nicht darüber

Und dann ist da noch die Klimawut. „Klimawut ist aktivierender für den politischen Prozess als Klimaangst. Wir spüren Wut, wenn wir Ungerechtigkeit empfinden, und die Klimakrise beinhaltet viele Fragen der Gerechtigkeit“, sagt van Bronswijk.

Aber wie mit diesen Gefühlen umgehen? Darüber sprechen hilft: „Alle machen sich Sorgen über die Klimakrise, aber wir reden nicht darüber. Das wird auch ‚Climate Silence‘ genannt.“ Auf der Problemebene hilft es, sich zusammenzutun und sich zu engagieren. „Kollektive Selbstwirksamkeit ist das Gegengift gegen Ohnmacht“, sagt van Bronswijk.

Neurowissenschaftler Philipp Sterzer (l.) und Psychologin Katharina van Bronswijk mit FR-.Chefredakteur Thomas Kaspar.
Neurowissenschaftler Philipp Sterzer (l.) und Psychologin Katharina van Bronswijk mit FR-.Chefredakteur Thomas Kaspar. © Renate Hoyer

Sie plädiert für einen konstruktiven Optimismus, „der Lebensglück ermöglicht und gleichzeitig die langfristigen Ziele nicht aus den Augen verliert, damit man auch aktiv wird“, wie sie in ihrem Buch „Klima im Kopf“ schreibt. „Wie will ich meine Leben führen, selbst wenn wir die 1,5-Grad-Grenze am Ende nicht eingehalten haben werden?“, sei eine Leitfrage.

Dafür, heißt es weiter im Buch, brauchen wir Annäherungsziele, nicht Vermeidungsziele, also eine Vorstellung davon, was wir erreichen wollen. Sie plädiert dafür, begeisterter von einem Leben innerhalb der planetaren Grenzen zu sprechen. Als Beispiele nennt sie: Wie schön Städte sind, die nicht mehr voller Autos sind, wie wohltuend es ist, wenn Produkte nicht mehr so schnell kaputt gehen und besser reparierbar sind, wie gut Karotten direkt vom Feld schmecken.

Und zum Ende der Veranstaltung in Frankfurt gibt Philipp Sterzer noch eine Botschaft mit, die Hoffnung macht: „Wir haben heute sehr viel über Unzulänglichkeiten des Menschen gesprochen. Man könnte meinen, wir sind irrationale Menschen, die von evolutionären kognitiven Verzerrungen bestimmt sind“, sagt er. „Doch die Evolution hat uns auch mit Gehirnen ausgestattet, die uns in die Lage versetzen, darüber zu reflektieren, und uns eben nicht zur Geisel unserer evolutionären Tendenzen werden zu lassen. Dafür möchten wir appellieren. Lassen Sie uns etwas tun.“

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