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Kollateralopfer des Kriegs: Wie Afrika auf Russlands Angriff auf die Ukraine reagiert

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Von: Johannes Dieterich

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Ein Zeichen setzen am Strand von Durban: Auch aus Südafrika bekommt Russland Gegenwind.
Ein Zeichen setzen am Strand von Durban: Auch aus Südafrika bekommt Russland Gegenwind. © Rajesh Jantilal/AFP

In vielen Ländern regt sich Protest gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine, doch andernorts auf dem Kontinent ist Moskaus zunehmender Einfluss zu spüren.

Kapstadt/Pretoria – Die Erschütterung der in die Ukraine rollenden Panzer war selbst am anderen Ende der Welt, 10.000 Kilometer weiter südlich, noch zu spüren. Nachdem sich Südafrikas Regierung jahrelang aus dem russisch-ukrainischen Konflikt herausgehalten hatte, fand das Außenministerium in Pretoria plötzlich und überraschend deutliche Worte. Russland solle seine Streitkräfte „unverzüglich wieder zurückziehen“, polterte Außenministerin Naledi Pandor am Donnerstag (24.02.2022): „Wir sind schockiert über die Eskalation des Konflikts.“

Noch bevor sich Beobachter:innen die Augen reiben konnten, meldete sich jedoch die Jugendliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) zu Wort. Die 68-jährige „Chef-Pensionärin“ der Regierung suche „Afrikas einstige Kolonialherren“ mit „pro-westlicher Propaganda“ zu bezirzen, kritisierte das Jungvolk des ANC: Die Ministerin habe offensichtlich vergessen, dass „der KGB“ zur Befreiung Südafrikas „maßgeblich beigetragen“ habe. Der ferne Konflikt trieb so einen (weiteren) Keil in die ohnehin tief gespaltene Regierungspartei.

Afrika: Russlands Krieg in der Ukraine löst einen Riss durch den Kontinent aus

Am Montag traf sich die ANC-Führung zu einem Krisengespräch, um die in weiter Ferne ausgelösten Wogen zu glätten. Putins Krieg wirke sich „bis in jedes Dorf und jede Stadt dieser Welt aus“, kommentiert der hiesige „Daily Maverick“. Wie auch immer er ausgehe: „Dieser Krieg wird eine schreckliche Bilanz nach sich ziehen.“

Der Riss, den Moskaus Invasion am Kap der Guten Hoffnung ausgelöst hat, zieht sich durch den gesamten Kontinent. Während die drei derzeitigen afrikanischen Mitglieder des Sicherheitsrats – Kenia, Gabun und Ghana – bereits klar gegen Russland Stellung bezogen, machen Militärchefs und Präsidenten in Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik, des Sudans, Mali oder Guinea keinen Hehl aus ihrer Sympathie mit Moskau. Vereinzelt gehen sogar Menschen auf die Straße, um Russland als „antikolonialistischen Bruder“ zu feiern. Mit demselben Argument begründete Kenias UN-Botschafter Martin Kimani allerdings auch seine Kritik an Moskau: Kenia verdanke seine Geburt dem Niedergang des britischen Imperiums – genau wie die Ukraine aus dem Tod des Sowjetreichs hervorgegangen sei.

Krieg gegen die Ukraine: Die Afrikanische Union distanziert sich überraschend eindeutig

Abgesehen von Europa litt kein Erdteil mehr unter dem Kalten Krieg als Afrika. In zahlreichen Staaten des Kontinents wurde der Krieg heiß geführt: In Angola und Mosambik, in Äthiopien und dem Kongo fielen dem Streit um die Weltherrschaft Millionen Menschen zum Opfer. Und wie kaum ein anderer Erdteil lebte Afrika nach dem Kalten Krieg auf: erst die Demokratisierungswelle und dann ein über zehn Jahre anhaltender Wirtschaftsaufschwung, dem längsten in Afrikas nachkolonialer Geschichte. Inzwischen wird der Erdteil jedoch wieder von den Ambitionen ferner Hegemonialmächte erschüttert: Auch in Moskau ist man auf den Kontinent wieder aufmerksam geworden – nicht nur als Rohstofflieferant und Stimmenlieferant in den Weltgremien, sondern auch als Waffenkonsument. Fast die Hälfte des afrikanischen Waffenarsenals stammt aus Russland.

Nach dem Vorbild Chinas, Europas, der USA, Indien und Japans richtete Putin auch ein russisch-afrikanisches Gipfeltreffen ein, zuletzt vor drei Jahren in Sotschi, wo sich nicht weniger als 43 Staatsoberhäupter des Kontinents einfanden. Die Afrikapolitik des russischen Präsidenten konzentriert sich dabei auf das Aufzeigen des Versagen des Westens – sowohl beim Kampf gegen die Armut wie beim Scheitern im „Kampf gegen den Terror“. Für Letzteres bietet Russland den Einsatz der „Wagner-Gruppe“ an: eine Söldnertruppe, die eher mit Menschenrechtsverbrechen als mit militärischen Erfolgen auf sich aufmerksam gemacht hat. Abgesehen von Militärregimen wie in Mali oder dem Sudan und von gescheiterten Staaten wie der Zentralafrikanischen Republik hält sich Russlands Einfluss in Afrika jedoch in Grenzen.

Überraschend eindeutig hat sich die Afrikanische Union (AU) von Moskaus „Invasion“ in der Ukraine distanziert. Das wird den Kontinent allerdings nicht davor schützen, einmal mehr zum Kollateralopfer zu werden. Putins Krieg katapultiert die Energie- wie die Lebensmittelpreise in die Höhe – und die Industriestaaten werden wieder wesentlich mehr Geld für Rüstung als die Entwicklung anderer Erdteile ausgeben. „So wird der Kampf gegen die Armut, die Pandemie, die weltweite Ungerechtigkeit und die sich anbahnende Klimakatastrophe in einem entscheidenden Jahr wieder verschoben“, klagt der „Daily Maverick“. (Johannes Dieterich)

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