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FR vom Juni 1967

Widersprüche über Tod Benno Ohnesorgs

Kripo: Schüsse in Notwehr / Student am Hinterkopf getroffen / 44 Verletzte

Sich widersprechende Berichte gibt es über die schweren Zusammenstöße, bei denen am Wochenende in West-Berlin der 26jährige Student Benno Ohnesorg getötet wurde. Die Vorfälle hatten sich vor der Deutschen Oper an der Bismarckstraße und in den umliegenden Straßen abgespielt. Anlaß war die Anwesenheit des Schahs bei einer Galavorstellung von Mozarts "Zauberflöte". Über 2000 Personen hatten sich versammelt, darunter mehrere hundert meist jugendliche Demonstranten. Ein Polizeiaufgebot von annähernd 1000 Mann sicherte die Staatsgäste ab. Die Demonstranten bildeten Sprechchöre und warfen mit Eiern, Tomaten, Farbbeuteln und Rauchkerzen. Ein Polizist wurde von einem Stein getroffen. Die Absperrungen waren jedoch so sicher gebaut, daß sie von der Menge nicht durchbrochen werden konnten. Einzelpersonen, die sie überkletterten, wurden jeweils sofort festgenommen.

Nach 20 Uhr, als der Schah mit seinem Gefolge in der Oper war und die Vorstellung angefangen hatte, begann die Polizei, mit Knüppeln gegen die Zuschauer und Demonstranten vorzugehen. Später kamen auch Wasserwerfer zum Einsatz. Die Polizei begnügte sich aber nicht damit, die Bismarckstraße zu räumen, sondern verfolgte die Menge in die Nebenstraßen hinein. Nach zahlreichen Zeugenaussagen schlugen Polizisten in Uniform und in Zivil brutal auf junge Leute ein, auch als diese am Boden lagen, und traktierten auch Mädchen mit Fußtritten und Gummiknüppeln. Journalisten berichten, daß auch sie selbst "um ihr Leben" laufen mußten.

Den tragischen Höhepunkt erreichte das Vorgehen der Polizei auf einem Parkplatz unter einem auf Pfeilern stehenden Neubau. Dort hinein sollen einzelne Demonstranten von Beamten in Zivil und in Uniform getrieben und mißhandelt worden sein. Andere Demonstranten oder Zuschauer sind den Verfolgten offenbar zur Hilfe gekommen und ihrerseits gegen Beamte handgreiflich vorgegangen.

Der Kriminalbeamte, der am Freitagabend mit einem Schuß aus seiner Dienstpistole den Studenten Benno Ohnesorg tödlich getroffen hatte, gab am Sonntag nach seiner Entlassung aus einem Krankenhaus eine Darstellung des Vorfalls. Er sei von acht bis zwölf Demonstranten auf einen auf einer Seite offenen Hof abgedrängt worden, wo er mit Faustschlägen und Fußtritten angegriffen worden und mehrere Male gestürzt sei.

Angesichts der drohenden Haltung der Demonstranten habe er zunächst einen und, da die Demonstranten nicht von ihm abgelassen hätten, einen zweiten ungezielten Warnschuß abgegeben, nicht zuletzt auch deswegen, weil zwei der Demonstranten Messer in der Hand gehalten hätten. Wie die Kripo bekanntgab, ist ihr die Identität der an dem Vorfall beteiligten Studenten noch nicht bekannt. Erste Vermutungen, wonach es sich bei der tödlichen Kugel um einen Querschläger gehandelt habe, hätten sich nicht bestätigt. Welcher von den beiden Schüssen den Studenten Ohnesorg getroffen habe, sei nicht bekannt. Nach Aussagen mehrerer Zeugen jedoch fielen die Schüsse zu einem Zeitpunkt, als die Polizei den Raum beherrschte und die jungen Leute zu entkommen versuchten.

Die Polizei behauptete zunächst, Ohnesorg sei einer der Rädelsführer gewesen, doch wurde dies später nicht aufrecht erhalten. Dieser Version steht auch die Aussage der Witwe entgegen, wonach der im Grunde unpolitische Ohnesorg überhaupt zum erstenmal an einer politischen Veranstaltung teilgenommen habe. Das Ehepaar Ohnesorg war erst seit kurzem verheiratet; die Frau erwartet ihr erstes Kind. Ohnesorg studierte im siebten Semester Germanistik und Romanistik; er war früher Dekorateur gewesen und kam auf dem Zweiten Bildungsweg zur Universität. Seine Studienleistungen sollen ausgezeichnet gewesen sein.

Erst am Samstagvormittag gab die Polizei zu, daß Ohnesorg einem Kopfschuß erlegen ist. Vorher war die Rede von Schlagverletzungen. Der Schuß sei gegen 20.30 Uhr in der Krummen Straße nahe der Oper von einem Kriminalbeamten abgegeben worden, der sich in äußerster Bedrängnis befunden habe, "als er bei der Durchführung einer vorläufigen Festnahme von Demonstranten lebensgefährlich angegriffen worden war". Doch scheint festzustehen, daß Ohnesorg am Hinterkopf getroffen wurde, was sich mit der Theorie von seiner Beteiligung an einer Angriffshandlung schlecht verträgt. Außerdem gab es bei den Tumulten nach Angaben der Polizei 44 Verletzte, von denen 20 Polizisten, die übrigen Demonstranten oder Schaulustige sind.

Junger Perser wollte Schah "lächerlich machen"

Er bekannte, daß er den Wagen des Schahs lediglich in einen Unfall habe verwickeln wollen. Sprengmittel habe das ferngelenkte Fahrzeug nicht enthalten. "Bei den Proben hat es immer funktioniert. Als die Kolonne des Schahs erschien, war ich aber doch zu aufgeregt und habe zu spät gestartet", sagte er zum Nichtgelingen seines Anschlages. Nach den Worten des Persers war der Wagen ordnungsgemäß geparkt. Durch die Fernsteuerung wurde er dann gestartet und von ihm auf die Fahrbahn gelenkt. Zur gleichen Zeit wurde auch ein Tonband in Bewegung gesetzt, von dem über einen Lautsprecher Parolen gegen den Schah ertönen sollten. Anscheinend hatte der junge Mann aber das falsche Tonband aufgelegt; denn nach Angaben des untersuchenden Polizeikommissars erklang fröhliche Musik aus dem Lautsprecher des führerlosen Autos, so daß Passanten, die von der Polizei später als Augenzeugen vernommen wurden, dadurch erst auf das wie von Geisterhand bewegte Auto aufmerksam wurden.

SHB fordert den Rücktritt von Albertz

Welche Maßnahmen der Bundesvorstand des SHB vorschlagen wird, war am Sonntag noch offen. "Wo Demokraten erschlagen werden, ist es nicht mehr weit, bis die Demokratie erledigt ist", erklärte der SHB-Vorsitzende Linde in einer Stellungnahme zu dem Tod des Kommilitonen und den Vorgehen der Berliner Polizei. Eine Aussprache zwischen dem SHB und dem SPD-Parteivorstand über den Vorfall sei bisher noch nicht möglich gewesen. Eine Stellungnahme des SPD-Parteivorstandes war am Sonntag nicht zu erhalten.

Aus allen Teilen der Bundesrepublik trafen inzwischen Beileids- und Solidaritätstelegramme der Jugendorganisationen und Studentenvertretungen in Berlin ein. Verschiedentlich wurde vorgeschlagen, am Tag der Beerdigung Ohnesorgs nicht in die Vorlesungen zu gehen. Das Verhalten der Berliner Universitäts-Rektoren, die harte Disziplinarmaßnahmen angekündigt hatten. wurde ebenfalls kritisiert.

Spontane Kollekte für Ohnesorgs Witwe

Die Studentenorganisationen kündigten an, während des Begräbnisses des Studenten Trauerstille zu halten und in Trauerzügen gegen den, wie es heißt, "Akt des Polizeiterrors und die Tötung unseres Kommilitonen" zu protestieren. Die Organisationen riefen die Universitäten der Bundesrepublik auf, sich diesem Schritt einheitlich anzuschließen. Wie aus Studentenkreisen verlautete, soll Ohnesorg am Mittwoch in seiner Heimatstadt Hannover bestattet werden. Die Studentenvertretungen mehrerer Hochschulen der Bundesrepublik wollen an diesem Tage zu einer Sternfahrt nach Hannover aufrufen. Der Aufruf wurde vom Verband Deutscher Studentenschaften, der Evangelischen Studentengemeinde in Deutschland, der Humanistischen Studentenunion, dem Liberalen Studentenbund Deutschlands, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, dem Sozialdemokratischen Hochschulbund, der World University Service und von den Studentenausschüssen der Universitäten Bonn, Frankfurt, Gießen, Heidelberg, Marburg, Mainz, München und Tübingen unterzeichnet. Verantwortlich für den Aufruf zeichnet der Sozialistische Deutsche Studentenbund.

Während des Universitäts-Gottesdienstes der Johann-Gutenberg-Universität in Mainz am Sonntag rief der praktizierende Theologe Professor Otto von der evangelisch-theologischen Fakultät spontan zu einer Kollekte zugunsten der Witwe des erschossenen Studenten Ohnesorg auf, die bei den 60 Anwesenden 220 Mark erbrachte. Scharfe Angriffe kamen von der Redaktion der Studentenzeitschrift "Nobis". In einem Flugblatt heißt es: "In Berlin werden jetzt nicht nur an der Mauer Menschen erschossen. In Ost-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In West-Berlin herrscht Demonstrationsverbot. In Ost-Berlin gibt es eine Einheitspresse, in West-Berlin gibt es eine Einheitspresse. In Ost- und in West-Berlin ist nur gestattet, was die Polizei erlaubt. In Ost-Berlin erklärt man sich mit dem Nationalisten Nasser solidarisch, in West-Berlin mit dem Monarcho-Faschisten Reza Pahlevi. In Ost-Berlin wird unterdrückt, was dem Magistrat nicht paßt. In West-Berlin wird unterdrückt, was dem Senat nicht paßt. In Ost-Berlin, in West-Berlin. Berlin bleibt Berlin."

Aus der FR-Sonderausgabe von Anfang Juni 1967

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