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Widersprüche im Fretterode-Prozess

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Von: Joachim F. Tornau

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Nachdem sie im April 2018 zwei Fotografen im Landkreis Eichsfeld verfolgt und mit Gegenständen verletzt haben sollen, wirft die Staatsanwaltschaft zwei mutmaßlich Rechtsextremen schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vor.
Nachdem sie im April 2018 zwei Fotografen im Landkreis Eichsfeld verfolgt und mit Gegenständen verletzt haben sollen, wirft die Staatsanwaltschaft zwei mutmaßlich Rechtsextremen schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vor. © Swen Pförtner/dpa

Mehrere Zeugenaussagen belasten Neonazis, die Journalisten überfallen haben sollen.

Im sogenannten Fretterode-Prozess um den brutalen Angriff von Neonazis auf Journalisten in Thüringen bricht die Verteidigungslinie der Angeklagten immer mehr in sich zusammen. Am Dienstag vernahm das Landgericht in Mühlhausen mehrere Augenzeug:innen der Auseinandersetzung, bei der zwei heute 29-Jährige aus Göttingen, die über die extrem rechte Szene recherchieren, im April 2018 schwer verletzt wurden.

Laut Anklage sollen Nordulf H. und Gianluca B. – zwei Männer aus dem nächsten Umfeld des einflussreichen Neonazi-Kaders Thorsten Heise – die beiden Journalisten nach einer Autoverfolgungsjagd mit einem Traktorschraubenschlüssel, einem Baseballschläger und einem Messer attackiert haben. Außerdem sollen sie die Kamera geraubt haben, mit der die Journalisten zuvor an Heises Anwesen im westthüringischen Dorf Fretterode fotografiert hatten. Die Angeklagten beteuern dagegen, sie hätten sich gegen ihre Widersacher, in denen sie gewaltbereite Antifa-Aktivisten erkannt haben wollen, lediglich verteidigt.

Als „bedrohlich“ beschrieb ein Zeuge das Auftreten der Neonazis

Nordulf H. will nur deshalb mit dem Schraubenschlüssel auf das Auto der Journalisten losgegangen sein, weil die ihn kurz zuvor gezielt zu überfahren versucht hätten. Von diesem angeblich lebensgefährlichen Überfahrversuch hat keiner der Zeug:innen etwas gesehen. Stattdessen schilderten sie, wie die Angeklagten ihren Opfern mit dem Auto den Weg abgeschnitten hätten und dann, beide vermummt und mit Schlaggegenständen bewaffnet, auf das Fahrzeug zugerannt seien.

Als „bedrohlich“ beschrieb ein Zeuge das Auftreten der Neonazis. Ein anderer hatte zwar auch einen Baseballschläger in der Hand eines der beiden Journalisten gesehen, „aber in defensiver Haltung, nach hinten weggehalten“, wie er betonte. Der Journalist selbst hatte angegeben, Gianluca B. die Schlagwaffe entwunden zu haben.

Mit dem Schraubenschlüssel den Schädel gebrochen

Trotzdem habe er nicht verhindern können, dass ihm der Rechtsextreme danach noch mit dem Schraubenschlüssel den Schädel gebrochen habe. Für diesen Hieb gibt es allerdings offenbar keine Zeug:innen, ebenso wenig wie für die Messerstiche gegen den zweiten Journalisten und den Raub der Kamera. Alle Männer und Frauen, die das Gericht geladen hatte, waren nur zufällig am Tatort vorbeigefahren.

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