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Aus 207 Metern Höhe schauen Gäste des Restaurants im Fernsehturm auf die Stadt hinunter.

Deutsche Einheit

Platz der Einheit

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50 Jahre Fernsehturm, 30 Jahre Mauerfall: Auf dem Berliner Alexanderplatz zeigen sich die Widersprüche der vereinten Hauptstadt.

Am schönsten sei es dann, wenn die Stadt verschwindet. Wenn Berlin verschluckt ist, kein Alexanderplatz, kein Marzahn, kein Neukölln, kein Potsdamer Platz, kein Zoo, keine Charité und keine Volksbühne. Kein Ost und kein West. Wenn der Arbeitsplatz von Cornelia Ast über den Wolken liegt und die Sonne den Schatten des Fernsehturms auf die weiße Watte wirft. Cornelia Ast leitet in 207 Metern Höhe das Restaurant im Berliner Fernsehturm.

Unten der Alex, Berlins belebtester, wenn auch nicht beliebtester Platz. 360 000 Menschen pro Tag steigen hier um, Regionalzüge, S-Bahnen, Straßenbahnen, drei U-Bahn-Linien kreuzen sich hier. Direkt vor dem Fernsehturm Touristen auf Segways, ein Fernsehteam, E-Scooter im Weg, Bettlerinnen und der Gestank nach Pisse, das Parfüm des Alex.

Vor 50 Jahren baute die DDR hier die Zukunft. Nachdem die Kriegstrümmer weggeräumt und der Autoverkehr vom Platz verbannt worden war, sollte Ost-Berlin am Alex zur Weltstadt der DDR werden. Mit Wolkenkratzer, Kaufhaus, Brunnen, Weltzeituhr und vor allem dem Fernsehturm, der auf Geheiß von Staats- und Parteichef Walter Ulbricht mitten in die Stadt gepflanzt wurde. „Nu, Genossen, da sieht man’s ganz genau: Da gehört er hin“, soll Ulbricht den Planern beschieden haben. Zehn Monate zu spät, vier Mal so teuer wie geplant – also für Berliner Verhältnisse mehr als perfekt – wurde der Turm am 3. Oktober 1969 für geladene Gäste eröffnet. Das allgemeine Publikum durfte dann am 7. Oktober, zum 20. Republikgeburtstag, mit den zwei Fahrstühlen auf die 203 Meter hohe Aussichtsterrasse und ins 207 Meter hohe Restaurant. Bis zur Spitze des Turms werden 368 Meter gemessen. Die DDR hatte den Größten. Und das war auch von jeder Hauptverkehrsstraße des Westteils aus unübersehbar.

Und Ost-Berlin, die „sozialistische Metropole“ im Werden, hatte auch das zweitgrößte – das 123 Meter hohe „Interhotel Stadt Berlin“, das heute unter „Park Inn“ firmiert. Im Oktober 1969 stand der Rohbau, zwei Jahre später war es vollendet. Architekt Roland Korn hat sich auf den Bauzeichnungen in die große weite Welt geträumt – auf dem Papier umkreisen das Hotel keine Trabant-Kleinwagen, sondern US-amerikanische Straßenkreuzer. Heute stehen Reisebusse in langen Reihen vor dem Hotel, das bald ein Nachbar-Hochhaus bekommen wird, der Bauplatz ist schon eingezäunt. Vielleicht wird der Alex dann wirklich einmal der Platz einer Metropole, nur eben keiner sozialistischen mehr.

Familie Bettelhäuser aus Nordhessen macht Fotos unter der beleuchteten Weltzeituhr, es ist ein kühler Abend, die Ausläufer des ersten Herbststurms pfeifen noch über den Alex Richtung Oder. „Von Ost-Berlin spüre ich hier nichts mehr“, sagt Vater Tino, der ein kleines bisschen enttäuscht ist, weil er nicht auf den Fernsehturm durfte –geschlossen wegen Jubiläumsvorbereitungen. Von der Weltzeituhr hatte Sohn Hannes gehört, von dem futuristischen Aufsatz aus sich drehenden Planeten und den eingravierten Ortsnamen aller Zeitzonen, von Anchorage bis zu den Marquesas.

Die Uhr war vor 50 Jahren eigentlich der reine Wahnsinn, acht Jahre nach dem Mauerbau. Auf dem Alex, dem Platz der sozialistischen Metropole, aber sollte die Teilung vergessen werden. „Viele spürten seit dem Mauerbau die Enge der Stadt, die Anmutung von Weltoffenheit und Weltweite war durch eine Weltzeituhr offensichtlich ein berührender Gedanke“, sagte ihr Schöpfer Erich John, heute 87 Jahre alt. Ironie der Geschichte: Direkt unter der Uhr rumpeln die Züge der U-Bahn-Linie 8 zwischen den West-Berliner Stadtteilen Reinickendorf und Neukölln, die während der Teilung den Alex und den Osten ohne Halt durchquerten.

Die Bettelhäusers stehen, staunen und machen noch ein Foto von der bunten Pracht, daneben blinken die Lichter eines Karussells, von gegenüber schallt die Musik der Oktoberfest-Buden herüber. „Mr Vain“ von Culture Beat mischt sich mit dem österreichischen Identitäts-Barden Andreas Gabalier, Bratwurstgeruch, ein knutschendes Paar neben dem Eingang. Darüber die Leuchtreklamen: Primark, CCC, C&A, Galeria Kaufhof, Salzburger Schmankerlstübchen, Saturn. Der Saturn und die anderen Planeten oben auf der Weltzeituhr drehen sich mit der Uhr in einer Minute einmal rum. Das Restaurant auf 207 Metern Höhe oben auf dem Fernsehturm braucht abends eine Stunde, tagsüber nur eine halbe, damit die eiligen Kaffeegäste die ganze Stadt sehen können.

„Der Alex soll ja einen schlechten Ruf haben“, sagt Tino Bettelhäuser und schlägt symbolisch die Faust in die flache Hand, um all die Prügeleien anzudeuten, die es hier geben soll. „Aber davon merken wir hier nichts.“ Auch die Neuntklässler aus Mülheim an der Ruhr auf Klassenfahrt können nichts schlechtes über den Alex sagen: Alles so schön bunt hier, staunen sie und geben sich gleichzeitig Mühe, wie Großstadt-Ghettokids zu wirken.

Lebhaftes Treiben auf dem Alexanderplatz.

Gegenüber der Weltzeituhr steht der Container der Alex-Wache, hier schieben Tag und Nacht drei Polizisten Dienst. An den Fenstern kleben Plakate: „Achtung! Aufgepasst!“ und „Attention! Watch out!“ steht dort, gewarnt wird vor Taschendieben, Spendensammelbetrug und Hütchenspiel. 400 Körperverletzungen hat die Wache 2019 bereits aufgenommen, im ganzen Jahr 2018 waren es 481. An der Spitze der Delikte steht Ladendiebstahl: 1724 Anzeigen im laufenden Jahr, 2096 im ganzen Jahr 2018. Bei den meisten Delikten ist keine abschreckende Wirkung durch die Wache festzustellen, um die 7000 weist die Statistik pro Jahr aus. „Die Alexwache hat sich bewährt“, teilt die Berliner Polizei auf Anfrage dennoch mit: „Die Resonanz aus der Bevölkerung und insbesondere von den Anrainern vermittelt das Gefühl, dass die Alexwache einen positiven Einfluss auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen auf dem Alexanderplatz hat.“

So sieht das auch Stephan von Dassel, grüner Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte. „Die Wache ist ein Riesen-Vorteil. Der Alex ist jetzt keine Bühne für jugendliche Auseinandersetzungen mehr.“ Die Kriminalitätsstatistik erschreckt ihn nicht: „Das müssen Sie mit 300.000 Besuchern pro Tag in Beziehung setzen.“ Andere Metropolen wären froh über solche Zahlen.

Janine aber ist froh, dass sie in der Spätschicht nicht alleine losziehen muss, sondern dass Marek dabei ist. Zusammen schieben sie die Karren der Stadtreinigung über den Platz. „Der Alex ist unser Wohnzimmer, das machen wir gerne sauber“, sagt die zierliche blonde Frau im orangefarbenen Overall grinsend. „Na ja, im Sommer ist es schon schlimm mit dem Müll.“ Aber der Sommer geht vorbei, genau wie die Spätschicht. Janine und Marek räumen die Karren auf die Ladefläche des Lastwagens. Ab zum Betriebshof, zuvor ein letzter Blick auf ihr aufgeräumtes Wohnzimmer. Sauber oder versifft, mein Alex.

„Es ist schon verdammt kalt hier“, nuschelt Victor Verba in sein Mikrofon, aber natürlich spielt er weiter. „Ich komme aus der Ukraine, und das nächste Lied handelt von unseren Bergen, den Karpaten. Sphärische Klänge seiner verstärkten Akustikgitarre trotzen dem Wind, ein Dutzend Zuschauer ebenso. Ein verwahrloster Mann stellt seine Dose Schloss-Pils ab und tanzt unkontrolliert. Ein schmaler Greis in dünnen Hosen und Bayern-München-Kappe wankt vor den Musiker, halb tanzt und halb fällt er, dann fischt er eine Münze aus seiner Tasche und trifft in der Drehung noch den Gitarrenkasten des Musikers. „Thank you“, haucht Verba ins Mikrofon, der Alte wankt zurück und versucht zitternd, sich einen Zigarillo anzuzünden.

Franz Biberkopf ist lange tot und seine Nachfolger aus den Seitenstraßen des Platzes weggentrifiziert. Aber auf dem Alex zeigt sich Berlin so vielfältig und kaputt, wie es immer war und sein wird. Himmelsrichtung, Herkunft, Hautfarbe und bevorzugte Droge – alles egal. Um die Ecke, in der Unterführung, haben ein paar Obdachlose ein Peace-Zeichen aus Kastanien gelegt und ein Emailleschild hineingestellt. „Deutsches Reich“ steht dort auf schwarz-weiß-rotem Untergrund. Niemand kümmert sich.

Stephan von Dassel, der Bezirksbürgermeister, hätte gerne, dass die Obdachlosen am Alex weniger sichtbar wären, er möchte Lizenzen und Auftrittspläne für die Straßenmusiker ausgeben. Er möchte den Budenzauber von Oktoberfest, Ostermarkt und Weihnachtsmarkt auf 120 Tage im Jahr beschränken, inklusive Auf- und Abbau, damit der Platz nicht immer so vollgerümpelt wirkt. Und er hat Pläne für eine feste Bühne am Rand des Platzes, auf der Theatergruppen und Musiker für ihre Veranstaltungen in der Stadt werben können. Zu guter Letzt würden auch ein paar Spielgeräte nicht schaden Kurz: Er träumt von einem lebendigen, vielleicht auch harmloseren Alex, den nicht ein großer Teil der 360 000 Menschen täglich mit hochgeschlagenem Mantelkragen durcheilt und erst in der Sicherheit von Primark oder DM aufatmet. Lebendig aber ist der Alex schon jetzt. Und in all seinen Widersprüchen vielleicht der wahre Platz der deutschen Einheit.

Die Fragen, wo denn da unten die Mauer zu sehen sei, kommen kaum noch. Die Touristen auf dem Fernsehturm, die Cornelia Ast nach dem Mauerverlauf fragen, werden weniger. Sie wollen das ganze Berlin sehen, Spree, Oberbaumbrücke und Tiergarten, nicht Ost und West. Kaum einer erwartet noch, dass man die Grenze erkennen könnte, den einst tödlichen Streifen mitten durch die Stadt. Die Brachen sind längst bebaut. Das ist auch gut so, sagt Ast. Und natürlich hat sie Recht.

Unten an der Bahntrasse stinkt es wieder nach Pisse. Große weiße Buchstaben leuchten von der Wand des Bahnhofs. Ein Buchstabe bleibt dunkel. „Alexandrplatz“ ist dort zu lesen. Dem Platz der Einheit fehlt das E.

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