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Podium: Gudrun Kramer (GIZ), Tobias Schwab (FR), Imam Husamuddin Meyer und Masood Karokhail (The Liaison Office).

FR-Forum Entwicklung

Wider den satanischen Staat

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Beim Forum Entwicklung sprechen Experten aus der Jugend- und Entwicklungsarbeit über Nahost-Krise. Zu Gast sind die Entwicklungshelferin Gudrun Kramer, der Imam Husamuddin Meyer und Masood Karokhail, der Direktor der Hilfsorganisation „The Liason Office“

Jordanien gilt als „Schweiz das Nahen Ostens“. Das Nachbarland Israels und Syriens ist aber auch das „Flüchtlingslager der Region“. Die Entwicklungshelferin Gudrun Kramer kennt die Lage dort gut, und sie glaubt, dass Deutschland Lehren aus in Jordanien gemachten Erfahrungen ziehen kann.

Als dort nach Beginn des syrischen Bürgerkrieges 2011 Hunderttausende Flüchtlinge über die Grenze kamen, habe es – wie jetzt hierzulande – eine große Welle der Hilfsbereitschaft gegeben, berichtete sie am Dienstagabend auf dem „Forum Entwicklung“ in Frankfurt, das von FR, hr-info, und der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) veranstaltet wurde. „Aber nach einem halben Jahr begann es zu kippen“, sagte Kramer. Die Gründe: Die Mietpreise seien wegen der hohem Nachfrage nach Wohnraum gestiegen, die Konkurrenz um Jobs ebenso, da viele Flüchtlinge auch illegal arbeiteten, zudem sei die Gewaltbereitschaft in und um die Flüchtlingslager gestiegen, gerade auch unter Jugendlichen.

Auch in Deutschland dürfe man sich nicht darauf verlassen, dass der „Anfangsimpuls des Helfens“ automatisch weiter trägt, sagte die GIZ-Projektleiterin, die Flüchtlingsarbeit in Palästinenserlagern in Jordanien, Libanon und Palästina leistet. Die Hilfe müsse dauerhaft organisiert werden, um potenzielle Konflikte zu entschärfen. Kramer rückte dabei die Dimensionen zurecht: Die Lage gerade in Jordanien sei weitaus dramatischer als die in Deutschland. Von den sechs Millionen Einwohnern ist die Hälfte Flüchtlinge – zwei Millionen Palästinenser, die zum Teil seit 65 Jahren in Lagern wohnen, und inzwischen eine Million Syrer. Deutschland mit seinen über 80 Millionen Einwohnern wird 2015 rund 800 000 Flüchtlinge aufnehmen – das ist knapp ein Prozent der Bevölkerung.

„Wenn das Leben extrem wird“ lautete der Titel der Frankfurter Veranstaltung, die – kein Wunder angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise – mit rund 200 Teilnehmern sehr gut besucht war. Es ging vor allem um die Frage: Wie kann es gelingen, junge Menschen vor einer Radikalisierung durch islamistisches Gedankengut zu bewahren?

Kramer war eine von drei Experten, die über ihre Präventionsarbeit im In- und Ausland dazu berichteten. Die GIZ-Expertin schilderte eindringlich, wie gerade unter den Jugendlichen in den Lagern angesichts hoher Arbeitslosigkeit, häufiger Gewalterfahrungen, überfüllter Schulen und fehlender Freizeitangebote die Perspektivlosigkeit um sich greife: „Es fehlt jedes Selbstwertgefühl, der Sinn im Leben.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Masood Karokhail gemacht, ein Afghane, der früher für Unilever arbeitete und heute Direktor der Hilfsorganisation „The Liason Office“ ist. Im Frankfurter Saalbau Südbahnhof berichtete er über die aktuelle Lage in seinem Land. Die Gefahr, dass Jugendliche sich radikalisierten, sei auch dort groß.

Dass es möglich ist, etwas dagegen zu setzen, zeigt die GIZ. Sie unterstützte zum Beispiel im „Husn Camp“ in Jordanien eine Gruppe von 15 Jugendlichen bei dem Projekt, die tristen Häuser des Lagers, die die Zelte ersetzt haben, anzustreichen. Der Erfolg bestand nicht nur darin, dass 1800 Häuser inzwischen bunt statt grau sind. Die Jugendlichen gewannen auch Selbstvertrauen, sie spürten, „dass sie etwas können“, wie Kramer sagte. Sieben von ihnen bekamen durch die Aktion sogar einen festen Job. Auch in Kabul gibt es, so Karokhail, Ansätze, mit spezieller Jugendarbeit Alternativen zu vermitteln.

Ganz anders geartet ist die Arbeit von Husamuddin Meyer. Der aus Talkshows bekannte Hesse mit seinem üppigen grauen Bart ist einer der wenigen Imame, die in Deutschland als Gefängnisseelsorger arbeiten – obwohl bundesweit rund 20 Prozent der Gefangenen Muslime sind. Auch sein vordringlichstes Ziel ist es, muslimische Jugendliche vor einer Radikalisierung zu bewahren. Tatsächlich wurden viele von den rund 730 Dschihad-Kämpfern, die laut Verfassungsschutz bisher aus Deutschland nach Syrien, Irak oder Afghanistan zogen, um sich dort etwa dem „Islamischen Staat“ anzuschließen, während einer Haftstrafe auf diesen Weg gebracht. „Viele junge Muslime haben nur eine geringe religiöse Bildung“, weiß Meyer, der als Horst Martin Meyer im Odenwaldstädtchen Groß-Biberau geboren wurde, konvertierte und nun an den JVA in Wiesbaden und Rockenberg (Wetterau) tätig ist. Und das sei das Einfallstor für bereits radikalisierte Mitgefangene, die sie dann missionierten – und aus ihnen „Zeitbomben“ machten.

Meyer fordert, an jedem Gefängnis müsse es muslimische Seelsorger geben, die den Jugendlichen den „wirklichen“ Islam vermittelten, der Morde und Attentate verbiete. So wie es evangelische und katholische gibt, die vom Staat finanziert werden. Sonst werde der „Islamische Staat“, der in Wirklichkeit ein „satanischer Staat“ sei, noch mehr Zulauf bekommen.

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