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Wer – wie unser Autor – aus schwer erreichbaren Kriegsgebieten berichten will, ist manchmal auf die Unterstützung von Hilfswerken angewiesen. Hier ein Symbolfoto aus dem ostkongolesischen Urwald, wo es immer wieder zu Kämpfen kommt.
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Wer – wie unser Autor – aus schwer erreichbaren Kriegsgebieten berichten will, ist manchmal auf die Unterstützung von Hilfswerken angewiesen. Hier ein Symbolfoto aus dem ostkongolesischen Urwald, wo es immer wieder zu Kämpfen kommt.

Analyse

Wichtiger als die Wahrheit

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
    schließen

Wenn Presseleute mit Hilfswerken kooperieren, kann es passieren, dass die Ziele der Organisation denen der Zeitung in die Quere kommen – mit Folgen. Eine Analyse von Johannes Dieterich.

Man könnte ihr Verhältnis als „Freindschaft“ bezeichnen. Journalist:innen und Mitarbeitende internationaler Hilfsorganisationen sind sich genauso vertraut wie suspekt: Sie scheinen aus demselben Holz geschnitzt zu sein, suchen etwas gegen das Unrecht dieser Welt zu tun, begeben sich dazu auch in scheußliche Regionen und wollen am liebsten als Erste dort sein, weil sie sich dann besonders wichtig vorkommen. Sie tragen abgewetzte Kleidung, stehen pausenlos unter Strom und trinken abends viel Bier, um in den Schlaf fallen zu können.

Dermaßen nah sind ihre Berufe verwandt, dass sie ihre Tätigkeitsfelder mühelos austauschen können. Aus einem Journalisten wird im Handumdrehen das Mitglied einer Hilfsorganisation, ebenso rasch greift eine Hilfswerkerin zum Notizblock oder zur Kamera, um sich als Berichterstatterin zu betätigen. Oft arbeiten die Weltverbesserer:innen eng zusammen: Weil die Journalistin auf die ausgezeichnete Logistik der Hilfs-Profis angewiesen ist, während sich der Helfer von den Geschichten des Korrespondenten wichtige Öffentlichkeitsarbeit verspricht.

Immer wieder kommt es auch vor, dass Hilfsorganisationen Journalist:innen zu Reisen in ihr Tätigkeitsgebiet einladen – in der Erwartung, dass die Korrespondentenberichte das Spendenvolumen vermehrten. Eine derartige Kooperation muss nicht unbedingt korrupt sein, sagen wir Journalistinnen und Journalisten: Solange unsere Freiheit über Inhalt und Ausrichtung der Geschichten gewahrt bleibt. Allerdings wollen auch die Hilfswerker:innen nicht auf jeden Einfluss über das Geschriebene verzichten: Schließlich hat ihre Organisation die Reise bezahlt. Spätestens hier fängt der feindselige Teil der Freindschaft an.

Kürzlich zerstritt ich mich mit der dritten Hilfsorganisation während meiner Korrespondententätigkeit. Ihre Namen interessieren in diesem Zusammenhang nicht: Es soll hier um die systemische und nicht persönliche Dimension der Freindschaft gehen.

Mein erster Krach ereignete sich vor fast zwanzig Jahren im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC). Dort suchte eine Hilfsorganisation eine verwilderte Straße durch den Urwald wieder befahrbar zu machen und sah in ihrer lobenswerten Tätigkeit eine passende Gelegenheit, die Trommeln für sich rühren zu lassen. Mir kam die Geschichte aus einem etwas anderen Grund gelegen: An der Straße entlang konnte man bestens den chaotischen ostkongolesischen Konflikt auffädeln. Die Trasse wurde alle paar Kilometer von einer anderen Konfliktpartei kontrolliert – Regierungssoldaten, Rebellentruppen oder Dorfmilizen. Man musste nur die Straße entlang fahren und immer mal wieder kurz anhalten, um mit den Leuten zu reden, und schon ist die Geschichte im Kasten. Das sagt sich zumindest so leicht.

In Wahrheit stellt sich schnell heraus, dass dem Mitarbeiter des Hilfswerks, der das Gefährt seiner Organisation chauffiert, vor allem an der baldigen Ankunft am Ziel unserer Reise gelegen ist: Der Baustelle am Ende der Straße im Urwald. Erinnerungen an unsere Abmachung, immer mal wieder anzuhalten, begegnet er mit dem Hinweis auf die lauernden Gefahren: Mit den Milizionären hier oder den Rebellen dort sei eine Kontaktaufnahme aus Sicherheitsgründen komplett ausgeschlossen. Nach mehreren Stunden Fahrt halten wir endlich an einem Militärposten an, wo ich einem Unteroffizier eine Frage stelle, die in den Augen des Hilfswerkers die gesamte Tätigkeit seiner Organisation im Ostkongo gefährdet.

Ich hatte die Truppenstärke des hier stationierten Armeeteils wissen wollen. Hastig werden die Presseleute ins Fahrzeug zurückbeordert, wo ich versprechen muss, im weiteren Verlauf der Reise keine Fragen mehr zu stellen – andernfalls werde die Reise unverzüglich abgebrochen. Sie kam schließlich doch noch zum planmäßigen und unblutigen Ende: Eine Geschichte kam dabei allerdings nicht heraus, zwischen Hilfsorganisation und Korrespondent herrscht seitdem Eiszeit.

Ein – zugestanden – krasser Vorfall, spätere Zusammenstöße verliefen subtiler. Etwa, als ich von einem Freund zur Berichterstattung eingeladen wurde, der in einem für Journalist:innen kaum zugänglichen Land für eine Hilfsorganisation tätig war. Seine Organisation riss sich fast ein Bein aus, um meine Reise möglich zu machen. Zunächst ging auch alles nach Plan: Ich schrieb über den Hunger und wie unerschrocken das Hilfswerk diesen bekämpft. Dann stolperte ich allerdings noch über eine weitere Geschichte: Wie mein Freund den Wirkungsbereich seiner Organisation auf ein von „Terroristen“ kontrolliertes Gebiet auszudehnen sucht. „Schließlich leben dort auch Menschen“, sagt der Freund.

Die Geschichte über seine Kontaktaufnahme mit dem „Terrornetzwerk“ löste in der Zentrale des Hilfswerks Entsetzen aus. Nicht ihres Duktus’ wegen: Die Aktivitäten des Freunds und seiner Organisation wurden als vorbildlich beschrieben. In meinen Augen stellte das Hilfswerk damit eindrucksvoll seine Unabhängigkeit von den Bullies der internationalen Politik und der Freund seine operative und diplomatische Fähigkeit unter Beweis. Das sahen die Funktionär:innen des Hilfswerks allerdings anders. Für sie wurde hier „viel zu detailliert“ aus dem Nähkästchen der Organisation geplaudert. Befürchtet wurde wohl außerdem, dass sich die in der Geschichte beschriebene Annäherung an die weltweit geächtete „Terroristengruppe“ nachteilig aufs Spendenaufkommen auswirken könnte. Jedenfalls müsse der Text unverzüglich aus dem Netz verschwinden, forderte das Hilfswerk: Andernfalls stehe sowohl die Arbeit der Organisation wie das Leben ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Spiel.

Wann immer es eng wird, holen die Hilfswerke ihre Droh-Keule aus der Tasche. Das Problem mit derlei Bedrohungsszenarien ist: Man kann ihnen nicht widersprechen. Wer will schon die Gefahrenanalyse der Einsatzprofis bezweifeln oder gar das Leben eines ihrer Mitarbeiter für die Veröffentlichung eines Textes riskieren?

Ihr Totschlagargument kommt spätestens dann zum Einsatz, wenn die Organisation ihr Interesse gefährdet sieht. Wie kürzlich wieder, als ein Mitarbeiter eines weiteren Hilfswerks aus einem katastrophalen und fast unzugänglichen Krisengebiet zurückkehrt. Seine Pressestelle bietet ein „Hintergrundgespräch“ an: Der Mann habe viel zu erzählen, heißt es. Das stellt sich als zutreffend heraus: Der Mann ist von dem, was er gesehen hat, derart beunruhigt, dass er auch der Nennung seines Namens zustimmt – weil sein Bericht dadurch eine größere Verbreitungschance erhält. Was er weiß, sollen möglichst viele wissen.

In seiner Empörung muss der Hilfswerker das etwas andere Interesse seiner Organisation vergessen haben. Die ist – sowohl aus hehren ethischen wie aus weniger edlen finanziellen Gründen – darauf bedacht, auch künftig in dem Krisengebiet tätig sein zu können. Die kritischen Worte, die der Mann gegen eine der dortigen Kriegsparteien im Interview fand, könnten die Arbeit des Hilfswerks gefährden, hieß es in den Büro-Stuben der Organisation: Und von dieser hänge das Leben Zigtausender von Menschen ab. Gewiss ist die Wahrheit auch für dieses Hilfswerk ein hohes Gut. Es gibt jedoch noch höhere. Also muss auch diese Geschichte schleunigst aus dem Internet verschwinden: „Oder ist Ihnen egal, wenn wegen Ihres Textes Menschen sterben?“

Vielleicht ist der journalistische Anspruch, neben der Lesbarkeit der eigenen Texte nur der Wahrheit verpflichtet zu sein, sowohl anmaßend wie naiv – auch in diesem Aufsatz entdecken Findige womöglich Fehler. Doch wer als Journalistin oder Journalist ohne den Anspruch auf Wahrheit antritt, sollte lieber den Griffel hinlegen – und sich den Pressestellen von Regierungsbehörden, Konzernen oder auch Hilfswerken anschließen. Denn dort gibt es wichtigere Maßstäbe als die Wahrheit: Machterhalt und Umsatz, die Regierungslizenz oder das Spendenaufkommen. Zur Erreichung dieser Ziele können Journalist:innen durchaus hilfreich sein. Aber Vorsicht: Sie sind so unzuverlässig wie schlecht trainierte Spürhunde, die plötzlich mitten im Feld eine andere Fährte aufnehmen.

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