INTERVIEW

"Wichtige Erfahrung"

Karl Lamers zur Islamdebatte

Frankfurter Rundschau: Muss Europa sich jetzt gegenüber den islamischen Ländern selbst verleugnen, um deren Kritik auszuweichen?

Karl Lamers: Gewiss nicht. Aber es muss zur Kenntnis nehmen, dass wir zwar in einer gemeinsamen Welt, aber nicht in derselben Zeit leben. Und dass die Vorstellungen eines Großteils unserer Nachbarn und auch vieler Bürger, die bei uns leben, erheblich von den unseren abweichen. Vielleicht ist das jetzt sogar eine ganz wichtige Erfahrung für Europa. Ich jedenfalls halte es für eine Dummheit und eine bewusste Provokation, dass die umstrittenen Karikaturen in einer dänischen Zeitung veröffentlicht worden sind. Auch der Nachdruck war falsch. Aber jede gewalttätige Reaktion ist unakzeptabel.

Wird nicht selbst diese These von der Ungleichzeitigkeit der Aufklärung schon wieder als Arroganz wahrgenommen? Bedeutet sie nicht tatsächlich: Die islamische Welt hinkt zeitlich hinter uns her?

Unter einem bestimmten Aspekt ist das nun mal so. Aber das ist kein Grund für uns, überheblich zu sein. In anderen historischen Zeiten sind auch wir hintendran gewesen. Wer in einem Punkt an der Spitze der Entwicklung ist, muss das ja nicht in jeder Hinsicht sein. Wir Europäer haben auch Schwächen gegenüber denen, die uns heute kritisieren.

Sie meinen?

Der Zusammenhalt unserer Gesellschaften schwindet, wir haben große Zweifel an uns selbst und alte Gewissheiten schwinden, ohne dass wir genügend neue gewonnen haben.

Bedeutet mehr Zurückhaltung letztlich nicht Selbstzensur?

Ich plädiere grundsätzlich für mehr Zurückhaltung in der Außenpolitik gegenüber Ländern der muslimischen Welt, für deren künftige - gewiss notwendige - Weiterentwicklung wir nicht die Verantwortung übernehmen können. Das hätte nur kontraproduktive Wirkungen, die Beispiele dafür drängen sich ja auf. Rücksichtnahme heißt nicht Selbstzensur. Wir leben nun einmal in dieser einen, zusammenwachsenden Welt, ob es uns passt oder nicht. Mit unserer europäischen Art des Lebens haben gerade wir diese Entwicklung der Welt stark beeinflusst.

Bedeutet Globalisierung nun auch in kultureller Hinsicht das Ende von Souveränität? Inklusive der Souveränität, Pressefreiheit zu garantieren?

Das Recht und die Freiheit, etwas zu dürfen, bedeutet nicht, dass man in jedem Fall Gebrauch davon machen muss. Rücksichtnahme und Verständnis für die Empfindungen anderer ist keine Einschränkung der Pressefreiheit. Aber ganz offensichtlich bedeutet ja Globalisierung Entgrenzung. Die Annahme, innerhalb fester territorialer Grenzen allein zuständig zu sein, wird fortwährend und immer weiter unterhöhlt. Das ist in der Wirtschaft nur besonders deutlich. Die Begegnung der Kulturen ist ein zweites Feld. Dass es dabei nicht zur Feindseligkeit kommt, ist unser aller vitales Interesse.

Was bedeutet es dann konkret, wenn Angela Merkel Dänemark Solidarität zusichert?

Zunächst ist es eine wichtige symbolische Geste, die in der muslimischen Welt auch wahrgenommen wird. Wenn es für die Dänen tatsächlich wirtschaftliche Schwierigkeiten gäbe, was ich nicht für sehr wahrscheinlich halte, müsste das in der Tat wirtschaftliche Solidarität der ganzen Europäischen Union zur Folge haben. Diese Solidarität muss über jeden Zweifel erhaben sein, aber wir sollten auch alle aus dem Vorgang lernen.

Interview: Richard Meng

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