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Mit der „Oruc Reis“ suchen türkische Forscher nach Bodenschätzen in griechischen Gewässern. 

Türkei

Wettrüsten für Rohstoffe

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Ankara und Athen streiten über die Nutzungsrechte im Mittelmeer. Zwei von drei Griechen befürchten einen Krieg.

Raketen, Kampfflugzeuge, Fregatten: Wegen des Streits um die Bodenschätze im östlichen Mittelmeer stecken die rivalisierenden Nato-Partner Türkei und Griechenland jetzt Milliarden in neue Waffensysteme. Problematisch könnte der Rüstungswettlauf vor allem für die Griechen werden, hohe Verteidigungsausgaben waren eine Ursache der jüngsten Schuldenkrise.

In der vergangenen Woche saßen sie in Athen wieder einmal an einem Tisch: Diplomaten Griechenlands und der Türkei verhandelten über „vertrauensbildende Maßnahmen“. Das Ritual, mit dem die beiden „Erbfeinde“ ihre Beziehungen entspannen und militärische Konfrontationen vermeiden wollen, geht auf eine Vereinbarung aus dem Jahr 1988 zurück. Viele Dutzend Gesprächsrunden hat es in den vergangenen 32 Jahren gegeben, aber ein Durchbruch blieb bisher aus. Derzeit sind die Beziehungen wegen der Rivalitäten um die Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer besonders angespannt. Während die Delegationen tagten, flogen allein am Mittwoch acht türkische F-16-Kampfjets ungemeldet durch die griechische Luftverkehrskontrollzone (FIR) über der Ägäis. Mitunter donnern die türkischen Piloten im Tiefflug über griechische Inseln.

Der Streit um die Hoheitsrechte und Wirtschaftszonen in der Ägäis spitzt sich weiter zu. Die Türkei beansprucht Bodenschätze in Seegebieten, die nach den Regeln der UN-Seerechtskonvention zu Griechenland und Zypern gehören. Eskortiert von Einheiten der türkischen Kriegsmarine, ist das türkische Forschungsschiff „Oruc Reis“ in den umstrittenen Gewässern unterwegs.

Laut einer Umfrage fürchten zwei von drei Griechen, dass es zu einem Krieg mit der Türkei kommen könnte. Keine ganz unberechtigte Sorge, denn der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu bekräftigte kürzlich, die Türkei werde ihre Ansprüche notfalls mit militärischen Mitteln durchsetzen. Staatschef Recep Tayyip Erdogan rüstet entsprechend massiv auf. Nach der Bestellung der russischen Luftabwehrraketen S-400 liebäugelt er jetzt mit der Beschaffung russischer Kampfflugzeuge. Parallel dazu treibt Erdogan den Aufbau einer eigenen Rüstungsindustrie voran. Das Land soll waffentechnisch autark werden, so die Vorgabe des Staatschefs.

Ingenieure der Staatsfirma Turkish Aerospace arbeiten am ersten türkischen Kampfflugzeug TF-X. Auch die Kriegsmarine baut Erdogan zügig aus. Auf der Gölcük-Werft bei Istanbul baut die Türkei gemeinsam mit Thyssen Krupp Marine Systems sechs U-Boote der Klasse 214. Acht Korvetten, vier Fregatten und zehn Landungsschiffe sind bereits vom Stapel gelaufen. 2021 will die Türkei auch ihren ersten Flugzeugträger in Dienst stellen, die „TCG Anadolu“.

Die türkische Rüstungsoffensive bringt die Griechen in Zugzwang. Sie haben nur etwa halb so viele Panzer, Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge wie die Türkei. Athen will deshalb nachzurüsten.

Die Griechen verhandeln mit Frankreich über die Lieferung von zwei Fregatten des Typs Belharra. In diesen Wochen beginnt zudem die Modernisierung der 84 F-16-Kampfflugzeuge. Athen prüft auch die Beschaffung von amerikanischen F-35-Tarnkappenbombern. Sie sollen Griechenland die Lufthoheit über der Ägäis sichern.

Der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas bestätigte jetzt die Pläne zur Beschaffung der Flugzeuge – „unter der Bedingung, dass dies finanziell möglich ist“. Ein großes Fragezeichen, denn eine F-35 kostet an die 100 Millionen Dollar, nicht eingerechnet Bewaffnung, Training und technische Infrastruktur.

Für Griechenland, dessen gesamter Verteidigungshaushalt rund 5,3 Milliarden Dollar umfasst, geht es um einen gewaltigen Kraftakt: Allein die beiden Fregatten werden auf 2,4 Milliarden veranschlagt. Die F-16-Modernisierung kostet knapp eine Milliarde. Das ist viel Geld für ein Land, das sich gerade erst von einer sehr schweren Finanzkrise erholt.

Das Wettrüsten mit der Türkei war einer der Gründe des Schuldendesasters. Im letzten Vorkrisenjahr 2009 erreichten die Rüstungsausgaben 9,1 Milliarden Dollar. Unter dem Druck der internationalen Geldgeber musste Athen den Militäretat bis 2013 auf die Hälfte reduzieren. Inzwischen steigen die Ausgaben aber wieder. In Relation zu seiner Wirtschaftskraft gibt Griechenland mit 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Geld für das Militär aus als jedes andere Nato-Land außer den USA. Ein neuer Rüstungswettlauf mit der Türkei könnte die gerade erst geschaffte Konsolidierung der Staatsfinanzen wieder gefährden.

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