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Solaranlage in Palm Springs: Kalifornien ist längst zum Magneten für die grüne Industrie geworden.

Klimaschutz

"Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit"

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Wissenschaftler Stefan Rahmstorf spricht über die Folgen von Trumps Politik für den Klimaschutz und den Aufbau von Gegendruck.

US Präsident Trump hat ein Dekret unterzeichnet, mit dem er wesentliche Teile der US-Klimapolitik rückgängig machen will. Das Signal steht auf Rückkehr zu fossilen Brennstoffen wie Kohle. Welche Folgen befürchten Sie für die Welt?
Das ist zurzeit noch etwas schwer einzuschätzen. Denn es hängt davon ab, was Trumps Dekret am Ende bewirken kann, ob tatsächlich wieder in Kohle investiert wird. Ich glaube eher, dass die Investoren, zum Beispiel auch die Autobauer, in den USA wissen, in welche Richtung sich die Zukunft entwickelt. Es ist einfach sinnlos, auf die Technologie des 19. und 20. Jahrhunderts zurückzugehen. Weltweit wird bereits jetzt mehr in erneuerbare Energien als in Kohle investiert. Diese rasante Entwicklung ist inzwischen ein Selbstläufer. 86 Prozent der im vergangenen Jahr in der EU hinzugekommenen Stromerzeugungskapazitäten stammen aus den erneuerbaren Energien.

Aber nehmen wir an, Trumps Pläne gehen wirklich auf. Was passiert dann mit dem Klima?
Schon jede Verzögerung, die er beim Klimaschutz bewirken könnte, wäre schlimm. Denn wir haben sehr wenig Zeit. Wenn wir die Erderwärmung deutlich unterhalb von zwei Grad stoppen wollen, wie das im Pariser Abkommen ja vereinbart wurde, müssen wir die Kohlendioxid-Emissionen vor dem Jahre 2050 weltweit auf Null herabsenken. Das heißt, wir müssen sehr rasch das Energiesystem umbauen. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Da kann jedes Zaudern bedeuten, dass wir es nicht schaffen, deutlich unter dieser Zwei-Grad-Grenze zu bleiben.

Welche Folgen hätte das?
Wir sehen ja bereits jetzt die Auswirkungen der Erderwärmung von etwa einem Grad, die wir hinter uns haben. Wir beobachten eine deutliche Zunahme von Extremwetterereignissen. Ein Beispiel ist etwa der sogenannte Jahrhundertsommer 2003 mit Hitzerekorden von weit über 40 Grad Celsius, der in Europa 70 000 Menschenleben gekostet hat. Oder auch die schlimmste Dürre in der syrischen Geschichte in den Jahren bis 2011. Die Austrocknung des Mittelmeerraums insgesamt ist eine seit langem von den Klimamodellen robust vorhergesagte Folge der globalen Erwärmung. Und wir stecken da mittendrin. Der Meeresspiegel steigt immer weiter. Wir sind dabei, den grönländischen Eispanzer zu destabilisieren, der allein genug Eis enthält, um den globalen Meeresspiegel um sieben Meter anzuheben. Und als Meeresforscher möchte ich gerne noch auf eine weitere Folge hinweisen: Wir befinden uns ganz akut im vierten großen Korallensterben. Wenn wir noch Teile der Korallenriffe der Welt retten wollen, dann wird das nur gehen, wenn wir deutlich unter der Zwei-Grad-Grenze bleiben.

Trump und seine Anhänger leugnen, dass es einen durch Menschen verursachten Klimawandel überhaupt gibt. Befürchten Sie, dass sich solch eine Haltung weiter ausbreiten könnte – auch auf andere Politiker der Welt?
Es ist natürlich erschütternd und unverantwortlich, dass in der Trump-Administration die Leugner des anthropogenen Klimawandels entscheidende Positionen besetzen. Das heißt, dass sie vor wissenschaftlich gesicherten Tatsachen den Kopf in den Sand stecken und dass kurzfristige Lobby-Interessen offensichtlich Vorrang haben gegenüber den Interessen der Menschen. Ich denke allerdings nicht, dass das auf andere Länder ansteckend wirken wird. Denn die offene Diskussion darüber, welche Interessen hinter diesem Abstreiten des menschlichen Einflusses auf das Klima stecken, öffnet ja auch vielen Menschen die Augen.

Trump greift auch die kritische Klimaforschung selbst an, vor allem in der nationalen Umweltbehörde EPA. Deren Budget soll um ein Viertel reduziert, die Mitarbeiterzahl um ein Fünftel gekürzt werden. Was bedeutet das für die Klimaforschung weltweit?
Mir sind bisher nur die angekündigten Budgetkürzungen für die EPA bekannt. Es wird natürlich befürchtet, dass auch die Budgets von anderen Forschungseinrichtungen gekürzt werden, die eine entscheidende Rolle spielen, zum Beispiel die Nasa mit ihren Programmen zur Klimamodellierung und zur Erdbeobachtung durch Satelliten, oder die Wetter- und Ozeanografie-Behörde NOAA, mit der wir auch eng zusammenarbeiten. Die Vereinigten Staaten sind einfach nach wie vor die Wissenschaftsnation Nummer eins. Sie spielen auch in der internationalen Klimaforschung eine führende Rolle. Und wenn dort erheblich gekürzt wird, dann leiden natürlich die so wichtige Kontinuität von guten Beobachtungsdaten und die Klimaforschung auch in anderen Ländern.

Kann die internationale Wissenschaftsgemeinde hier Gegendruck machen?
Ich hoffe es. Am 22. April soll es in Washington und vielen Städten weltweit den „March for Science“ geben. Ich weiß nicht, inwieweit dies bei der sehr rigiden und wissenschaftsfeindlichen Geisteshaltung der Trump-Administration etwas nützt. Aber ich denke, man sollte auf jeden Fall versuchen, den Protest zum Ausdruck zu bringen.

Werden Sie selbst am Marsch teilnehmen? Es gibt ja auch einen in Berlin.
Auf jeden Fall. Auch bei uns wachsen ja Fake News und anti-wissenschaftliche Tendenzen. Wir müssen für einen rationalen, aufgeklärten Diskurs und eine offene Gesellschaft eintreten, das sind die besten Traditionen Europas.

Interview: Torsten Harmsen

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