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Westsahara: Keine Aussicht auf Selbstbestimmung

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Von: Martin Dahms

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Strand bei Dakhla: Ein Boot, mit dem Schlepper Menschen zu den Kanaren bringen wollten, ließen die Behörden verbrennen. Nun spielen dort Kinder.
Strand bei Dakhla: Ein Boot, mit dem Schlepper Menschen zu den Kanaren bringen wollten, ließen die Behörden verbrennen. Nun spielen dort Kinder. © Mosa‘ab Elshamy/dpa

Seit 47 Jahren hält Marokko die Westsahara besetzt. Die meisten Saharauis, die dort ursprünglich lebten, hausen in Algerien in riesigen Lagern. Der Westen hat die Seiten gewechselt.

Dakhla (sprich: Dach-la) ist „Marokkos aufregendstes Reiseziel“. In Dakhla „trifft die Sahara das Meer“. Dakhla ist „die Perle des Südens“ mit „einigen der atemberaubendsten Landschaften Marokkos“. Wem das noch nicht reicht, den reizt vielleicht Ende September das „Into the Wild“-Festival: „Dance somewhere different.“ DJs aus Afrika und Europa machen den Soundtrack zum Fest, unter ihnen Tama Sumo aus Berlin und Âme aus Karlsruhe. Vorher oder nachher kann man sich bei Yoga unter freiem Himmel selbst finden oder Kitesurfen oder zu einem Wüstentrip starten. Die Nächte verbringt man in schicken, aber „understated“ Strandbungalows, nachdem man „Dakhlas berühmte Austern“ probiert hat. So möchte Afrika-Urlaub sein.

Wer aus dem Hotel auf die Straße geht, sieht vielleicht Gruppen junger Afrikaner, die ihre gesamte Habe in einem Rucksack mit sich tragen. Sie warten auf den Anruf, der ihnen sagt, wann ihr Boot Richtung Gran Canaria aufbricht. Die Überfahrt kostet sie in etwa so viel wie die Urlauber:innen der „Into the Wild“-Trip; sie können sich aber nicht so sicher sein, ob sie lebend ankommen und ob sich am Ziel ihre bescheidenen Träume verwirklichen: die von einem besseren Leben.

Wen die Urlaubenden keinesfalls treffen werden, sind die früheren Bewohner:innen Dakhlas, die heute in Flüchtlingslagern im algerischen Tindouf leben, 900 Kilometer nordöstlich von hier, unerreichbar. Dort ist die Wüste nicht atemberaubend, sondern so unbewohnbar wie der Mond. Es leben aber trotzdem an die 175 000 Menschen dort, von der Welt vergessen, nicht erst seit dem Ukraine-Krieg.

Die wenigsten der Saharauis, die in Tindouf leben, kennen die alte Heimat aus eigener Anschauung

Tama Sumo aus Berlin und Âme aus Karlsruhe, die Tourist:innen, die zu ihren Rhythmen tanzen, die jungen Männer auf dem Weg nach Gran Canaria und die 175 000 in Tindouf sind alle Figuren in einem geostrategischen Spiel, dessen Regeln sie nicht kennen. Das Spiel heißt: Wem gehört die Westsahara? Nur eine Regel haben alle – zum Beispiel die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock – gelernt: Wer das Wort „Selbstbestimmung“ sagt, fliegt raus. Also wird hier eher selten davon gesprochen.

Auf der schmalen Halbinsel, auf der heute Dakhla liegt, hissten spanische Truppen einst, am 4. November 1884, eine spanische Flagge und schufen dort einen Stützpunkt, den sie Villa Cisneros nannten. Wenig später beschloss die spanische Regierung, den Teil der afrikanischen Küste, der in etwa der Küstenlinie der heutigen Westsahara entspricht, unter ihren „Schutz“ zu nehmen. Das Protektorat sollte 91 Jahre währen. Ende 1975, in den letzten Tagen der Franco-Diktatur, wollte Spanien die Wüstenkolonie ihren damals 75 000 Einwohner:innen übergeben, doch kam Marokko dem mit einem unbewaffneten, aber keineswegs friedlichen „Grünen Marsch“ von 350 000 Personen zuvor, die die einstige Spanische Sahara zu einem Teil Marokkos machen sollten. 47 Jahre später lässt sich sagen: mit Erfolg. Auch wenn die UN die Westsahara noch immer als „Nicht selbstverwaltetes Gebiet“ führt.

Die meisten Saharauis – die Bewohner:innen der Westsahara – flohen ins algerische Tindouf, wo sie und ihre Nachkommen in gewaltigen Flüchtlingslagern von der Mildtätigkeit der Weltgemeinschaft leben. Die wenigsten von ihnen kennen die alte Heimat aus eigener Anschauung. Nur gut 30 000 der heute knapp 175 000 Lagerbewohner sind älter als 50 Jahre; gut 65 000 sind Kinder und Jugendliche unter 18. Tindouf ist ihre unheimliche Heimat.

Karte der Westsahara.
Karte der Westsahara. © FR

Die Falle

Am 24. Juni , einem Freitag, um 6.30 Uhr bekamen die spanischen Grenzposten in Melilla einen Anruf von ihren marokkanischen Kolleg:innen: „Sie sind unterwegs. Wir versuchen sie aufzuhalten.“ Genau das erwarten Spanien und der Rest Europas von Marokko, und hauptsächlich deswegen lassen sie Marokko die Besetzung der Westsahara durchgehen: damit es die Migrant:innen von Europa fernhält. An jenem Freitag endete der Versuch in einer nie gesehenen Tragödie: Mindestens 23 junge Männer, vornehmlich aus dem Sudan, starben.

Die marokkanischen Grenzer ließen die rund 1700 Menschen an diesem Morgen, statt sie aufzuhalten, in eine Falle laufen, ob mit Absicht oder aus Planlosigkeit, ist unklar. Das Ziel des Zuges war eine seit zwei Jahren geschlossene Grenzstation im Süden Melillas, in die viele hinein-, aber nur wenige wieder herauskamen. Während zwei Männer das Tor zur spanischen Seite aufzusprengen versuchten, kam von hinten marokkanische Polizei mit Tränengas und Gummiknüppeln. In der Enge stürzten Dutzende Menschen übereinander, erstickten oder wurden niedergetrampelt.

Spaniens Premier Pedro Sánchez machte „die Mafias, die mit Menschen handeln“, für die Tragödie verantwortlich. Und er lobte die marokkanische Gendarmerie, die mit den spanischen Sicherheitskräften kooperiert habe, „um diesen gewaltsamen Angriff abzuwehren“. Später taten ihm diese Worte leid. mad

Zur Serie

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der 13. Folge am Montag, 5. September, beschreibt Jamil Chade, wie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Indigene brutal vertreiben lässt, damit sie der Ausbeutung der Natur nicht im Wege stehen.

fr.de/imschatten

In Dakhla, dem früheren Villa Cisneros, leben heute Marokkaner:innen, gut 100 000, und einige wenige Saharauis, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, oder deren Nachkommen. 1991 rief der UN-Sicherheitsrat eine „Mission für die Organisation eines Referendums in der Westsahara“ (Minurso) ins Leben, die es bis heute gibt. Nur ein Referendum hat es nie gegeben und wird es auch nicht geben, weil Marokko das verhindert. Anfang 2000 hatte die Minurso gut 86 000 saharauische Stimmberechtigte für das geplante Referendum ausgemacht; Marokko wollte aber noch 130 000 Marokkaner:innen, die inzwischen in der Westsahara lebten, abstimmen lassen. Seitdem dauert die Idee des Referendums nur noch in dem „R“ von Minurso an.

Saharauis wie diese traditionell gekleidete Frau leben kaum noch in der Westsahara.
Saharauis wie diese traditionell gekleidete Frau leben kaum noch in der Westsahara. © Mosa‘ab Elshamy/dpa

Der Moment, als die Weltgemeinschaft beschloss, den Saharauis den Rücken zu kehren und ihnen statt Hoffnung nur noch Brot zu geben, lässt sich ganz gut festmachen: Das war die UN-Sicherheitsratssitzung vom 30. April 2007. Mit der Resolution 1754 entschied der Sicherheitsrat damals, einen Vorschlag der Befreiungsfront Polisario, welche die Interessen der Saharauis vertritt, „zur Kenntnis zu nehmen“. Einen Vorschlag Marokkos, jeden Gedanken an ein Referendum ad acta zu legen und der Westsahara stattdessen eine gewisse Autonomie innerhalb des marokkanischen Staates zu gewähren, nahm das Gremium ebenfalls zur Kenntnis, begrüßte ihn aber zugleich als „ernsthafte und glaubwürdige Anstrengung, den Prozess einer Lösung näherzubringen“. Es war die Anerkenntnis des Rechts des Stärkeren. Niemand wollte für die Westsahara in den Krieg ziehen.

„Ein unabhängiger saharauischer Staat ist keine realistische Option“, entschied Donald Trump

Das ist so geblieben. Es waren die USA, die im Dezember 2020 ihre Westsaharapolitik auf die Füße stellten und sich laut zu sagen trauten, was alle anderen bis heute hinter verquälten Formulierungen verstecken. „Die Vereinigten Staaten erkennen an, dass das gesamte Gebiet der Westsahara Teil des Königreiches Marokko ist“, beschied Donald Trump im vorletzten Monat seiner Präsidentschaft. „Ein unabhängiger saharauischer Staat ist keine realistische Option.“

Die Erklärung war ein Schock – oder hätte es sein müssen, wenn der Rest der Welt nicht längst beschlossen hätte, sich keineswegs für die Rechte der Saharauis starkmachen zu wollen. Im März dieses Jahres folgte Marokkos nördlicher Nachbar Spanien unter seinem sozialistischen Regierungschef Pedro Sánchez dem einst vom Sicherheitsrat eingeschlagenen Weg. Er nannte Marokkos Autonomieplan für die Westsahara die „ernsthafteste, realistischste und glaubwürdigste“ Basis für eine Lösung des Konflikts. Die Polisario kommentierte: „Spanien hat beschlossen, sich der marokkanischen Erpressung zu ergeben.“ Aber nicht nur Spanien. Als die deutsche Außenministerin Baerbock am Donnerstag vergangener Woche in Rabat ihren marokkanischen Kollegen besuchte, benutzte auch sie die Zauberworte: Der Autonomieplan sei eine „ernsthafte und glaubwürdige Bemühung Marokkos und eine gute Grundlage, um zu einer Einigung beider Seiten zu kommen“. Nur der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, zugleich früherer spanischer Außenminister, hatte zwei Tage zuvor in einem Fernsehinterview gewagt, auch einmal wieder die „Selbstbestimmung des Volkes der Westsahara“ ins Gespräch zu bringen, worauf ihn Marokko mindestens für die nähere Zukunft als Gesprächspartner ausschloss.

Dakhla soll ein Tourismus-Hotspot werden, so will es die marokkanische Regierung.
Dakhla soll ein Tourismus-Hotspot werden, so will es die marokkanische Regierung. © Mosa‘ab Elshamy/dpa

Marokko belohnt Europa mit Kooperation in der Antiterror- und der Antimigrationspolitik

Das Wohlverhalten der handzahmen Europäer:innen belohnt Marokko mit Kooperation in der Antiterror- und der Antimigrationspolitik (siehe nebenstehende Infobox). Aus Dakhla brechen jetzt weniger Boote mit Migrant:innen als im Vorjahr gen Kanaren auf, und Marokko lässt nicht mehr so viele migrationswillige Menschen in die spanischen Nordafrikaexklaven Ceuta und Melilla. Nur Algerien, das sich als Schutzmacht der Saharauis begreift, zahlt es Spanien heim und hat dem Land den Gashahn abgedreht und alle anderen Geschäftsbeziehungen beendet, seit Sánchez sich auf marokkanische Linie begeben hat.

47 Jahre marokkanische Besatzung haben in der Westsahara Fakten geschaffen. In Dakhla zeigt König Mohammed VI., was er kann: Er lässt dort gerade einen Tiefsee- und einen Fischereihafen bauen und einen Marinestützpunkt. Bald sollen in der Wüste Tomaten in Gewächshäusern blühen. Eine 1000 Kilometer lange, gut ausgebaute Fernstraße aus dem südmarokkanischen Tiznit ist so gut wie fertig. Und die Zahl der Hotelbetten in Dakhla soll bis Ende nächsten Jahres von heute knapp 2000 auf 6000 steigen. Als ideale Ruhestatt für DJs, Kitesurfer, Yogis und andere Gäste.

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