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Westpapuas langer Kampf für die Eigenständigkeit

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Papuanische Studierende protestieren am 60. Jahrestag der Unabhängigkeit von den Niederlanden gegen die indonesische Staatsmacht.
Papuanische Studierende protestieren am 60. Jahrestag der Unabhängigkeit von den Niederlanden gegen die indonesische Staatsmacht. © Imago

Wir schauen nach Westpapua: In der indonesischen Provinz wehrt sich die indigene Bevölkerung gegen eine Reform, die sie von ihrem rohstoffreichen Land zu verdrängen droht.

In Südostasien sind die Nachrichten inzwischen fast schon zur Gewohnheit geworden: Gewaltausbrüche im indonesischen Teil Neuguineas – in Westpapua. Erst im Juli meldete die Agentur Reuters wieder einen tödlichen Angriff in der Region, die seit Jahren um ihre Unabhängigkeit von Indonesien kämpft. Im aktuellen Fall starben mindestens neun Menschen im abgelegenen Hochlandgebiet von Nduga, weitere Personen wurden verletzt. Laut Polizei sollen bewaffnete Separatisten für das Attentat verantwortlich gewesen sein.

Der Angriff folgte auf Demonstrationen der indigenen Bevölkerung, bei denen die indonesische Polizei hart durchgegriffen haben soll. Die Menschen waren auf die Straße gegangen, da Jakarta die Aufteilung der Region umorganisieren will und aus bisher zwei Provinzen fünf machen möchte. Die indonesische Regierung behauptet, dass mehr Verwaltungseinheiten Fortschritt brächten und öffentliche Dienstleistungen verbesserten, doch Kritiker:innen mahnen an, dass die Region auf diese Weise nur weiter militarisiert und damit stärker kontrolliert und überwacht werden soll.

Der Angriff im Juli war der tödlichste seit 2018

Die Menschenrechtsanwältin Veronica Koman von Amnesty International kritisiert, die Einrichtung der drei neuen Provinzen würde zu mehr nicht-indigenen Bewohner:innen führen. Die Neuankömmlinge würden die Region besiedeln und die eigentliche indigene Bevölkerung in ihrem eigenen Land „weiter ins Abseits drängen“. Genau gegen diesen „Siedlerkolonialismus“ wollten sich die bewaffneten Kämpfer Papuas wehren. In einer Erklärung hätten die Kämpfer geschrieben, dass sie „aus der Notlage der Aborigines in Australien gelernt“ hätten und kämpfen wollten, bevor es zu spät sei.

In Komans Augen hätte die indonesische Regierung in Jakarta den Angriff im Juli, laut der Anwältin der tödlichste seit 2018, voraussehen können. Zudem seien noch vor Ankündigung der neuen Aufteilung Hunderte zusätzliche Streitkräfte entsandt worden. Doch trotz der militärischen Präsenz würden immer mehr Zivilpersonen in den bewaffneten Konflikt verwickelt. „Eine friedliche Lösung in Papua war noch nie so dringlich wie im Moment“, sagte sie.

Westpapua wurde vor rund 60 Jahren von den Niederlanden im Zuge der Dekolonialisierung an Indonesien abgetreten. 1969 stimmten Repräsentanten Westpapuas im sogenannten „Act of free Choice“ zu, dass Westpapua weiterhin zu Indonesien gehören solle. Im Nachhinein kamen jedoch Gerüchte ans Tageslicht, wonach die Vertreter der Ureinwohner:innen mit ihrem Leben und dem Leben ihrer Familien bedroht worden seien, damit sie für Indonesien stimmten.

Ausländische Medien haben kaum Zutritt in Westpapua

Seit Jahren kommt es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen in der rohstoffreichen indonesischen Provinz, die den Westteil der Insel Neuguinea nördlich von Australien bildet. Der Osten ist Teil des eigenständigen Landes Papua-Neuguinea. Dass man international verhältnismäßig wenig von dem Konflikt in Westpapua hört, liegt nicht nur am weltweiten Fokus auf dem Krieg in der Ukraine, sondern auch daran, dass ausländische Medien kaum Zutritt in Westpapua haben und selbst lokale Journalisten wie Victor Mambor immer wieder bedroht werden. Die Menschenrechtsanwältin Koman glaubt zudem, dass auch eine „rassistische Voreingenommenheit der internationalen Gemeinschaft“ damit zu tun haben könnte, dass der Konflikt am anderen Ende der Welt gerne übersehen wird. Über Schwarze werde eben weniger berichtet, meint sie.

Freiheitskämpfer

Benny Wenda ist einer der bekanntesten Männer Westpapuas. Der Soziologe und Politologe kämpft seit Jahren für die Unabhängigkeit der Region. Er war es, der 2004 die „Free West Papua Campaign“ ins Leben rief. Wenda erlebte als Kind in den 1970ern die Grausamkeiten der indonesischen Besatzer am eigenen Leib: Bei einem Bombenangriff auf sein Dorf kamen Familienmitglieder ums Leben. Er selbst wurde so schwer am Bein verletzt, dass er bis heute nicht normal gehen kann.

Seine Familie versteckte sich über Jahre vor den indonesischen Soldaten im Dschungel. Als sie schließlich in ihr Dorf zurückkehrten, wurde Wenda als einheimisches Kind in der Schule häufig als „dumm“, „schmutzig“ und „primitiv“ dargestellt. Je mehr Grausamkeiten und Rassismus Wenda jedoch miterleben musste, umso mehr formte sich der Wille in ihm, eine Führungsrolle in der eigenen Gemeinde wahrzunehmen und sich für die Unabhängigkeit der Region einzusetzen. Während des „papuanischen Frühlings“ – einer politisch toleranteren Periode – sah es kurzzeitig so aus, als würde ihm das gelingen.

Doch Anfang der 2000er begann das indonesische Militär erneut, mit voller Härte gegen Separatist:innen vorzugehen. Wenda wurde 2002 verhaftet und wegen eines angeblichen Angriffs auf eine Polizeistation und zwei Geschäfte vor Gericht gestellt. Er selbst hat seine Beteiligung stets abgestritten. Im Oktober des gleichen Jahres gelang ihm jedoch die Flucht nach Großbritannien, wo er und seine Familie politisches Asyl erhielten. bark

Zur Serie:

Die vergessenen Konflikte: In dieser Serie lenken wir den Blick auf Regionen und Länder, die im Schatten stehen, in denen Mächtige gezielt unter dem Radar agieren und für sich ausnutzen, dass der Fokus der Weltöffentlichkeit auf dem Krieg in der Ukraine liegt. Sie treiben Krisen voran, schüren Missstände, schränken Menschenrechte ein.

In der sechsten Folge am Donnerstag, 11. August, berichtet Korrespondent Stefan Scholl, wie die Menschen in der usbekischen Teilrepublik Karakalpakstan gegen eine Verfassungsreform protestiert haben, die ihnen das Recht auf eine Loslösung vom Zentralstaat entzogen hätte.

In dem lokalen Konflikt stehen sich das indonesische Militär und die Unabhängigkeitsbewegungen gegenüber – die „West Papua National Liberation Army“ (TPNPB) sowie die „Free Papua Movement“ (OPM). Letztere kämpfen für ein freies und von Indonesien unabhängiges Westpapua. Dafür werden sie von der indonesischen Regierung inzwischen nicht mehr nur als Separatisten, sondern als Terroristen eingestuft.

Die „Morning Star“-Flagge steht für die Eigenständigkeit Westpapuas. Goh Chai Hin/afp
Die „Morning Star“-Flagge steht für die Eigenständigkeit Westpapuas. © AFP

Grundsätzlich schwebt die Angst der Menschen vor einer Eskalation der Gewalt ständig wie ein Damoklesschwert über ihnen. Angriffe erfolgen nicht nur vonseiten der Unabhängigkeitskämpfer. Auch die indonesischen Soldaten gehen immer wieder mit unverhältnismäßiger Härte gegen die indigene Bevölkerung vor: Bereits 1977/78 war es im Baliem-Tal und 1998 auf der Insel Biak zu Massakern an der einheimischen Bevölkerung gekommen. Ein verstörender Vorfall Anfang 2021 ist ebenfalls symptomatisch für die volatile Situation in der Region: Damals war ein indonesischer Soldat von separatistischen Kämpfern im zentralen Hochland erschossen worden.

Es geht um Morde, Belästigung und willkürliche Verhaftungen

Als die Sicherheitskräfte sich auf die Suche nach seinem Mörder machten, schossen sie bei der Befragung von Dorfbewohner:innen einem jungen Mann in den Arm und zerschmetterten seinen Knochen. Seine Brüder begleiteten ihn in eine Klinik. Doch dort wurden die drei Männer laut einer der Ehefrauen gefoltert und getötet. Die Agentur Reuters, die über den damaligen wie auch den aktuellen Vorfall berichtete, zitierte damals Ravina Shamdasani, eine Sprecherin des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte, mit den Worten, dass sie weiterhin „glaubwürdige Berichte über den exzessiven Einsatz von Gewalt durch Militär und Polizei“ in der Region erhielten. Es geht um Morde, Belästigung und willkürliche Verhaftungen.

Auch ein Bericht von Amnesty International aus dem vergangenen Jahr schockierte: So sammelten die Menschenrechtsaktivist:innen zwischen Februar 2018 und August 2020 47 Berichte über rechtswidrige Tötungen durch indonesische Sicherheitskräfte in der Region – mit insgesamt 96 Opfern.

Präsident Joko Widodo (r) 2019 in Westpapua. AFP PHOTO / INDONESIAN PRESIDENTIAL PALACE
Präsident Joko Widodo (r) 2019 in Westpapua. © AFP

Wenige Monate später war dann der Tod eines hochrangigen indonesischen Polizeichefs der nächste Auslöser für gewaltsame Auseinandersetzungen. Der Polizeichef kam bei einer Schießerei mit den Separatisten ums Leben. Der Indonesier hatte sich in der Region aufgehalten, um den gewaltsamen Tod von zwei Lehrern und einem Jugendlichen zu untersuchen, die von den Rebellen ermordet worden sein sollen, weil sie angeblich indonesische Spione waren. Der Tod des Indonesiers schlug in der Hauptstadt Jakarta hohe Wellen. Indonesiens Präsident Joko Widodo sagte damals lokalen Medien, er habe den Sicherheitskräften befohlen, „alle Rebellen zu jagen und zu verhaften“, während ein weiterer hochrangiger Regierungsvertreter, Bambang Soesatyo, sagte, sie sollten alle „zuerst vernichtet“ werden. Über Menschenrechtsfragen könne man später sprechen.

Fachleute machen die Politik von Indonesiens Präsident Joko Widodo für die Eskalation verantwortlich

Lanikwe, die Leiterin eines örtlichen Frauenvereins, beschrieb der britischen Zeitung „The Guardian“ damals, wie sehr die Situation die Bevölkerung beeinträchtigt habe. In ihrer Region waren damals Tausende vertrieben worden: „Fünf Dörfer flohen in den Dschungel. Kliniken und Schulen wurden vom Militär übernommen. Soldaten sind überall. Wir leben in einem Kriegsgebiet“, schilderte sie damals die Lage.

Als wesentlichen Grund für die sich wiederholende Eskalation des Konflikts nennen Fachleute die Politik des indonesischen Präsidenten Joko Widodo. „Er glaubt, dass die wirtschaftliche Entwicklung den papuanischen Nationalismus übertrumpfen wird“, hieß es einer Analyse im akademischen Magazin „The Conversation“ im Mai vergangenen Jahres. Doch aus Jakarta anberaumte Projekte heizten den Konflikt nur immer weiter an, so das Magazin. Ein Beispiel dafür sei der Bau einer Autobahn, die das Innere von Papua „erschließen“ solle. Doch wo der Präsident wirtschaftliche Entwicklung sehe, sähen die Einheimischen lediglich „mehr Soldaten, mehr Holz- und Bergbauunternehmen und mehr indonesische Siedler“.

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