Mödlareuth im Mai 2013, Einweihung einer Gedenktafel zur Wiedervereinigung des kleinen Dorfes, das teils in Bayern und teils in Thüringen liegt.
+
Mödlareuth im Mai 2013, Einweihung einer Gedenktafel zur Wiedervereinigung des kleinen Dorfes, das teils in Bayern und teils in Thüringen liegt.

Ost-West

Westdeutsche Dominanz

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
    schließen

Seit 27 Jahren profitieren die Eliten der alten Bundesrepublik von der Wiedervereinigung ? schadet das Deutschland?

Frank Richter hat sich in den letzten Jahren immer mal wieder geärgert. Zwar sei der Elitentransfer von West nach Ost nach 1990 nötig gewesen, sagt der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche in Dresden, der vorher Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung war. Problematisch sei jedoch „seine Verstetigung“ – also dass immer neue Westdeutsche kämen. Über deren „gefühlte Dominanz“ müsse gesprochen werden können, „ohne das dies persönlich genommen oder moralisch verstanden wird“, sagt Richter.

Die Sozialwissenschaftler Ronald Gebauer, Axel Salheiser und Lars Vogel haben bei einer Tagung der „Deutschen Gesellschaft“ eine Bestandsaufnahme gemacht, die nun schriftlich vorliegt. Sie kommen darin zu dem Schluss, dass „Ostdeutsche in den meisten Teileliten nach wie vor und selbst in den neuen Bundesländern deutlich unterrepräsentiert“ seien – bei einem „erheblichen Elitenimport aus Westdeutschland“.

In den politischen Eliten halte sich die Unterrepräsentation noch in Grenzen, so die Experten. So stellten die Ostdeutschen in den Landtagen der neuen Länder 80 Prozent der Parlamentarier – bei einem Anteil der Ostdeutschen an der ostdeutschen Bevölkerung von 87 Prozent. Freilich sei Johanna Wanka bisher die einzige Ostdeutsche in einem westdeutschen Landeskabinett gewesen. Krasser sei die mangelhafte Vertretung in der Verwaltung; hier schätzten Experten den Anteil von Ostdeutschen an gesamtdeutschen Spitzenpositionen auf fünf Prozent.

Ähnlich in der Justiz. Unverändert kämen in der ehemaligen DDR lediglich 13,3 Prozent der Richter auch von dort. Von den 22 Hochschulrektoren im Osten seien bloß drei im Osten geboren. Und in den 100 größten ostdeutschen Unternehmen gebe es allein ein Drittel heimische Chefs. Unterdessen beobachten Gebauer, Salheiser und Vogel „die Etablierung sich selbst perpetuierender westdeutscher Netzwerke in Ostdeutschland“ – sprich: Westdeutsche ziehen Westdeutsche nach. Zu guter Letzt sei die Präsenz von Ostdeutschen auf Führungsposten „kein Garant für die Vertretung ostdeutscher Erfahrungen und Interessenlagen“, da sich Ostdeutsche in Elitepositionen oft dem neuen Institutionensystem anpassten.

Doch nicht alle Ostdeutschen ärgern sich über diese Erkenntnisse. Und selbst die, die sich ärgern, tun sich mit Lösungen schwer. Die scheidende Ostbeauftragte Iris Gleicke (SPD) verschickte unlängst eine Pressemitteilung. Darin nahm sie Bezug auf die Tagung der „Deutschen Gesellschaft“ und schrieb: „Es besteht de facto eine Lücke in der Vertretung ostdeutscher Interessen, Sichtweisen und Lebenserfahrungen“.

Dann mahnte sie: „Wer den Osten außen vor lässt, bekommt irgendwann die Quittung. Eine politische und gesellschaftliche Reflexion hierzu unter Beteiligung der Ostdeutschen könnte bereits ein Teil der Lösung sein.“

Frank Richter geht noch weiter und meint: „Warum sollte es etwa im öffentlichen Dienst nicht eine gewisse Quotierung von Menschen mit ostdeutscher Herkunft ähnlich wie bei der Frauenquote geben, gerade in ostdeutschen, aber auch in gesamtdeutschen Zusammenhängen? Solche Landeskinder-Regelungen sind ja gelegentlich schon diskutiert worden.“ Für Eliten sei nämlich „nicht nur Fachkenntnis, sondern auch Kontextwissen“ über die jeweilige Region wichtig. „Das kann im Osten nur von Ostdeutschen geliefert werden.“

Der Theologe Richard Schröder sieht das ganz anders. Zunächst einmal habe der Umzug so vieler Westdeutscher in den Osten nach 1990 dafür gesorgt, dass dessen Transformation relativ reibungslos vonstattengegangen sei und es keine Korruption wie in osteuropäischen Staaten gegeben habe, stellt er fest. Überhaupt ist Schröder der Ansicht: „Man kann Qualifikation nicht durch Herkunft ersetzen.“ Und auch wenn man es wolle, gebe es praktische Hindernisse.

„Wer ist jemand, der in Ostdeutschland geboren wurde und in Westdeutschland studiert hat?“, will er wissen. „Und wer ist jemand, der aus der DDR in den Westen ging und nach dem Mauerfall zurückkehrte? Sind das Ost- oder Westdeutsche?“ Wenn im Fernsehen gefragt werde, „wer beherrscht den Osten?“, entstünden ohnehin „falsche Bilder. Da wird suggeriert, Ost- und Westdeutsche seien verschiedene Ethnien.“

Der einstige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) nimmt eine mittlere Position ein. Er konstatiert einerseits: „Es gibt keine Revolution ohne Elitenwechsel.“ Zudem hätten die Ostdeutschen ab 1990 zumindest in der Politik durchaus wählen können und dabei vielfach zum Beispiel für die Westdeutschen Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf votiert. Wer heute über westdeutsche Dominanz klage, dem entgegne er: „Erinnert Euch!“

Andererseits sieht Thierse kritisch, dass Westdeutsche nach der Wende „ihre Netzwerke mitgebracht“ hätten, und appelliert an die Verantwortlichen: „Bei gleicher Qualifikation sollte man darauf achten, dass Ostdeutsche eine faire Chance erhalten.“ Zugleich setzt der Sozialdemokrat „darauf, dass vor allem in den großen ostdeutschen Städten langsam eine neue Mischung entsteht, sodass die Frage, woher einer kommt, an Bedeutung verliert“.

Eines will Thierse auf keinen Fall gelten lassen: Dass Ostdeutsche derlei strukturelle Probleme als Begründung für die Wahl der AfD hernähmen. Eine solche Begründung halte den Fakten schließlich nicht stand, sagt er. Denn auch führende ostdeutsche AfD-Politiker wie Alexander Gauland, Björn Höcke oder Jens Maier (ein Richter) kämen aus dem Westen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare