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Realist und Stachel im Fleisch der eigenen Regierung: Grünen-Politiker Werner Schulz ist tot

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Von: Martin Benninghoff

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Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz ist am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Schloss Bellevue gestorben.
Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz ist am Mittwoch bei einer Veranstaltung in Schloss Bellevue gestorben. © Hendrik Schmidt/dpa

Der Grünen-Politiker und Ex-DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz ist mit 72-Jahren überraschend gestorben – dabei war er noch lange nicht fertig. Ein Nachruf.

Ausgerechnet am 9. November, ausgerechnet in Schloss Bellevue. Dass Werner Schulz also ausgerechnet an diesem Tag, an diesem Ort gestorben ist, deuten manche als hochsymbolischen Schlusspunkt hinter ein bewegtes Leben, das sich um die deutsche Teilung und Wiedervereinigung gedreht hat. Die Tragik dahinter verschwindet allerdings hinter all dem Pathos: Schulz war mit 72 Jahren noch nicht fertig, auch wenn er längst nicht mehr als aktiver Politiker in den Talkshows saß oder seine Parteifreundinnen und Parteifreunde bei den Grünen piesackte, weil die wiedermal allzu stromlinienförmig agierten.

Wobei: Schulz gehörte nie zu denen, die parteiinterne Opposition als Selbstzweck schätzten. Auch wenn Kontrahenten wie Joschka Fischer das anders sahen und dafür sorgten, dass Schulz über die Stelle des parlamentarischen Geschäftsführers der Bundestagsfraktion nicht mehr hinauskam – und selbst die verlor. Als Kritiker von Fischer und Kanzler Gerhard Schröder blieb er aber parlamentarischer Stachel im Fleisch der rot-grünen Regierungsjahre. Später, 2009, ging er ins Europaparlament, übrigens abermals als partiell in der eigenen Partei isolierter Quergeist (nicht -denker), der es geschafft hatte, die Delegierten durch eine fulminante Rede zu überzeugen.

Zum Tod von Grünen Politiker: Schulz warnte als einer der ersten vor Putin

Zu dem Zeitpunkt war das frühere Lebensthema des Ex-DDR-Bürgerrechtlers, die Repression im östlichen Deutschland und die Teilung der beiden Staaten, längst ersetzt worden durch ein anderes, das ihn bis zu seinem Todestag umtrieben hat: die russische Aggression. Schulz gehörte zu den frühen Warnern vor Wladimir Putins wahren Absichten. 2014 schrieb er, dass Russland der einzige Staat im früheren Ostblock sei, der komplett „vom Geheimdienst übernommen worden“ sei. Viele hielten das für maßlos übertrieben, Schulz focht das nicht an. Er warnte weiter vor Putins Machtclique, die den Tschetschenien-Krieg vom Zaun gebrochen hatte, und warb dafür, die sicherheitspolitischen Bedenken der osteuropäischen Staaten, von Polen bis zur Ukraine, nicht zu ignorieren.

Das Zitat stammt aus einem Offenen Brief, den Schulz geschrieben hat, nachdem er aus einer Politik-Talkshow des damaligen ARD-Moderators Günther Jauch kurzfristig ausgeladen worden war. Damals gehörte ich zur Redaktion, und solche Veröffentlichungen interner Redaktionsabläufe, von wem auch immer, wurden gefürchtet. Das Dokument ist in mehrerer Hinsicht erhellend, weil es einen Mann zeigt, der sich nicht in erster oder auch zweiter Linie in seiner Eitelkeit verletzt fühlt.

Nachruf auf Werner Schulz: Ex-Bürgerrechtler war ein inhaltlich Getriebener

Die Sache ist schlichter: Er fühlt sich seiner Möglichkeiten beraubt, all die Inhalte vor einem Millionenpublikum loszuwerden, die er zur damaligen Ukraine-Krise nach der russischen Annexion der Krim unbedingt loswerden musste. Schulz war ein inhaltlich Getriebener, nicht frei von Verbissenheit, der seine gut begründeten und nicht maßlosen Kritiken der russischen Expansionspolitik danach seitenweise begründete.

So beschrieb er minutiös, wie sich die deutschen Abgeordneten bei der Rede Putins im September 2001 hätten einlullen lassen von dessen psychologischen Tricks: „Nach etwa fünf Minuten sprach Putin plötzlich deutsch und alle nahmen erleichtert die Kopfhörer ab und waren wie verzaubert, dass dieser Mann so gut unsere Sprache beherrscht“, beschreibt er den Moment, der heute noch herhalten muss, wenn Beobachterinnen und Beobachter die angebliche Wandlung Putins vom Paulus zum Saulus argumentativ untermauern wollen.

Zum Tod von Werner Schulz: Dass er das Ende des Kriegs nicht mehr erlebt, ist bitter

Schulz beschreibt im Weiteren, wie Russland unter dem Begriff der Eurasischen Union eine „Reintegration im postsowjetischen Raum“ betreibt und sich zunehmend, mit der Hilfe deutscher Überweisungen und politischer Schützenhilfe, als „strategische Rohstoffmacht“ ausrichtet.

Kurz vor seinem, wie wir jetzt wissen, Lebensende, erhielt Schulz noch den Deutschen Nationalpreis 2022. Laudator war der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, der seinen früheren Bürgerrechtler-Kollegen als „unermüdlichen Streiter für eine Politik der demokratischen Werte“ würdigte. Er sei in einer von „zum Teil hasserfüllten und Fakten leugnenden Debatten geprägten Zeit Vorbild für Sach- und Realitätsbezug“. Der Geehrte hatte allerdings wenig Lust, nur auf sein Leben als Ex-Bürgerrechtler und Ex-Abgeordneter im Bundestag und Europaparlament zurückzublicken: „Der Krieg in der Ukraine ist ein Krieg, der uns alle bedroht“, kommentierte er später. Ein Satz, der über seinen Tod am 9. November hinausreicht. Dass er das Ende des Krieges, vor dem er stets gewarnt hat, nicht mehr erlebt, ist bitter. (Martin Benninghoff)

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