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Ein Gebäude im Frankfurt-Gallus. Hier steht der Server, auf dem Islamistenvideos lagen.
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Ein Gebäude im Frankfurt-Gallus. Hier steht der Server, auf dem Islamistenvideos lagen.

Terrorfilme aus Frankfurt

Werbung fürs Mudschaheddin-Paradies

Der Krieg in Afghanistan ist weit weg. Doch auch von einem Internetserver in Frankfurt aus sollen Islamisten Terror-Botschaften rund um die Welt verbreitet haben. Gestern schaltete der Serverbetreiber die Seiten ab. Das BKA ermittelt.

Von Stefan Kunze und Matthias Niewels

Die Klassiker zur Anwerbung für den Heiligen Krieg am Hindukusch in deutscher Sprache fehlten nicht: „Boden der Ehre“, „Soldaten Allahs“ oder „Sterben, um zu leben“ – Filme, die Terrororganisationen weltweit verwenden, waren auch auf der über einen Frankfurter Server verbreiteten Homepage der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ (IBU) zu sehen. Bis der Serverbetreiber dem grausamen Schauspiel gestern ein Ende bereitete.

Vorher warben hier unzensiert angebliche deutsche Islamisten dafür, ihnen nach Afghanistan zu folgen. So begrüßte der angeblich aus Bonn stammende Mounir C. Neuankömmlinge: „Ich freue mich, neue Gesichter zu sehen.“ In blumiger Sprache warb er für das Paradies für Mudschaheddin.

Filme in Deutsch waren aber die Ausnahme. Die Seite der IBU war auf usbekisch in kyrillischer Schrift verfasst. Zahlreiche Filme zeigten „Operationen“ unverhüllt als Gotteskrieger auftretender Menschen. Erbeutete Waffen, Granaten, amerikanische Nachtsichtgeräte hielten die Kämpfer sekundenlang vor die Kamera ? Seriennummer und Schriftzug „Made in USA“ sollten schließlich gut zu lesen sein. „Kämpfer“ posierten vor Leichen und brennenden Militärfahrzeugen – zum Beispiel vor zerstörten „Dingos“, einem gepanzerten Fahrzeug, wie es die Bundeswehr in Afghanistan einsetzt. Es gab auch Filme, die haarscharf demonstrieren, wie Verräter geköpft werden.

Verbreitung über Deutschland

Damit ist seit Mittwoch 15.59 Uhr Schluss. Zumindest auf der Homepage, die über den Frankfurter Server des Netzwerkanbieters Netdirect lief. Nachdem der Kölner Stadt-Anzeiger den Betreiber darüber informiert hatte, wer sich seine Dienste zunutze macht, wurde die Seite sofort vom Netz genommen. Geschäftsführer Wiethold Wagner: „Wir können nur Stichproben vornehmen. Es ist technisch unmöglich, alle Inhalte zu überwachen.“

Einen Internet-Experten, der nicht namentlich genannt werden will, überrascht es nicht, dass die IBU von der Bundesrepublik aus Propaganda betreibt: „Deutschland ist mit seiner Infrastruktur eine ideale Basis für alle, die große Datenmengen schnell im Internet verbreiten wollen.“ Die deutschen Webhoster werben mit klimatisierten Räumen, unterbrechungsfreien Stromversorgung, Zugangskontrolle und Videoüberwachung. Innerhalb weniger Minuten lassen sich große Datenpakete – Filme von 100 Megabyte Umfang – herunterladen.

Niemand verirrt sich zufällig auf solche Propaganda-Seiten. Nur wer einen Tipp bekommt oder gezielt sucht, konnte sie finden. Wie der Server in Frankfurt bestückt wurde, ist nicht bekannt. Klar ist, dass die riesigen Datenmengen nicht über ein veraltetes Modem geschickt werden können. Wahrscheinlicher scheint, dass die Filme auf Festplatten, DVDs oder USB-Sticks nach Europa gebracht wurden und hier hochgeladen wurden. Erklärtes Ziel war es zudem, die Filme zu verbreiten. „Bitte herunterladen“, diese Aufforderung stand neben den Videos. So gibt es eine wahre Flut terroristischer Werbung im Internet. Die Rede ist von mehr als 400 Seiten, die allein der Bundesnachrichtendienst überwacht.

Ein wenig Wirkung hat die Arbeit der Geheimdienste dennoch: Am 28. August beschwerte sich etwa die „Islambrüderschaft“ auf ihrer Seite, dass die „verfluchten Kaffer“, also die Ungläubigen, ihre Internetseiten sperrten. Aber: „Je öfter die Feinde Allahs unsere Channels löschen, umso häufiger werden wir die Videos verbreiten.“ Umgekehrt nützen die Seiten den Ermittlern. Als Thomas U., alias Hamza al-Majaari, Anfang September am Istanbuler Flughafen festgenommen wurde, war das auch ein Ergebnis der Internet-Propaganda der IBU. Thomas U. hatte sich da als Mudschaheddin zu erkennen gegeben.

BKA hatte die Seite im Visier

Die Internetseite der IBU war den deutschen Behörden nach eigenen Angaben bekannt. „Die Aktivitäten der IBU im Internet sind bei uns ein Thema. Mehr können wir dazu im Augenblick nicht sagen“, erklärte ein Sprecher des Bundeskriminalamtes. Dass die Seite vom Netz genommen wurde, dürfte die Arbeit der Ermittler nicht behindern: Netdirect-Geschäftsführer Wagner will ihnen alle gespeicherten Inhalte zur Verfügung stellen.

Die nun gesperrte Internetseite scheint zu der im September 2007 aufgeflogenen „Sauerlandgruppe“ aus vier jungen Islamisten eine Verbindung zu haben. Die Sauerlandgruppe wurde zwar der „Islamischen Jihad Union“ (IJU) zugerechnet, doch die soll laut Sicherheitsbehörden eine Splittergruppe der IBU sein.

Laut hessischem Verfassungsschutz wurde die „Islamische Bewegung Usbekistan“ (IBU) wahrscheinlich 1998 im Norden Afghanistans gegründet, wo die beiden Länder an einander grenzen. Die Zielsetzung der IBU soll vor allem den Sturz des usbekischen Präsidenten Islam Karimov beinhalten. Nachdem Kämpfer der IBU im Sommer 2000 bis kurz vor die Hauptstadt Taschkent vordrangen, sollen der IBU laut Verfassungsschutz durch das Eingreifen der US-Truppen in Afghanistan 2001 starke Verluste zugefügt worden sein. Nun sollen sich Kämpfer der Organisation vor allem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aufhalten. Bei Kampfhandlungen mit der pakistanischen Armee im August 2009 soll der Führer der IBU, Tahir Juldaschew, getötet worden sein.

Im Zuge einer im Oktober 2009 begonnenen Offensive der pakistanischen Armee wurde die IBU laut Verfassungsschutz so geschwächt, dass es an Führungspersonal mangeln dürfte. Juldaschew selbst sei kurz vor seinem Tod in einem deutschsprachigen Propagandavideo der IBU aufgetreten. Der Film stand auch auf der nun geschlossenen Seite.

Die vier Islamisten der Sauerlandgruppe hatten vor Gericht eingeräumt, in Deutschland Autobombenanschläge auf US-Soldaten geplant zu haben. Darunter war auch Adem Yilmaz aus dem hessischen Langen, der im März dieses Jahres zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, Attila Selek erhielt fünf und die beiden als Redelsführer ausgemachten Fritz Gelowicz und Daniel Schneider zwölf Jahre Gefängnisstrafen.

Darüber hinaus wurde laut Verfassungsschutz im Januar 2010 ein weiterer Islamist wegen Unterstützung der IJU zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

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