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Juli 2019: Protest gegen Rassismus nach Schüssen auf einen Eritreer in Wächtersbach.
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Juli 2019: Protest gegen Rassismus nach Schüssen auf einen Eritreer in Wächtersbach.

Mitte-Studie

„Wer sich für Demokratie einsetzt, erlebt Hass“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Sozialpsychologin Beate Küpper über die widersprüchlichen Einstellungen der Mitte, die Wirkung rechter Parolen und Gefahren für die Demokratie.

Frau Küpper, in den 1970er Jahren drehte Alexander Kluge den Film „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Heute jedoch scheinen sich alle nach der Mitte zu sehnen.

Ganz offenbar. 80 Prozent der Menschen hierzulande fühlen sich als Mitte. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: In der Mitte ist es warm und sicher. Da fühlt man sich normal und kann leichter mit dem Finger auf diejenigen zeigen, die man als nicht dazugehörig betrachtet.

Aber wer ist denn die Mitte?

Wissenschaftlich lässt sich die Mitte über verschiedene Kriterien definieren. Da ist zum einen die politische Positionierung. Ihre eigenen politischen Ansichten verorten rund 60 Prozent selbst „genau in der Mitte“. Wobei diejenigen links der Mitte einen leichten Überhang gegenüber denen rechts der Mitte haben. Dann gibt es die sozioökonomische Definition von Mitte als Mittelschicht, da geht es um die Frage des Einkommens. Die Mitte lässt sich aber eben auch ganz einfach als die breite Bevölkerung verstehen und adressieren.

Die Mitte ist also eine höchst heterogene Kategorie. Hat sie überhaupt einen inneren Kern?

Stimmt, die Mitte ist sehr heterogen. Sie ist aber auch – deswegen hat die Ebert-Stiftung diesen Titel für ihre Bevölkerungsumfrage gewählt – ein beliebter Ort für einen Großteil der Menschen. Und die werden trotz ihrer Heterogenität auch von außen als Mitte angesprochen und umkämpft, zum Beispiel von der Politik. Gerade weil der Begriff so vage ist und sehr unterschiedliche Menschen einschließt. Gleichzeitig ist die Mitte auch ein verbindender Terminus, der den Angesprochenen das Gefühl gibt, so zu sein wie viele andere.

Das Mitte-Label ist so beliebt, weil es Durchschnittlichkeit verspricht?

Was lässt sich mit Mitte assoziieren? Da wo ich bin, ist es o. k. So wie ich lebe, so wie ich bin, ist es richtig, ist es normal. Meine Einstellungen und Positionen sind in Ordnung. Ich bin damit auch nicht in Gefahr, von anderen als Außenseiter betrachtet zu werden. Und wie bereits erwähnt, ist es in der Mitte warm und sicher. Denken Sie nur mal an eine Antilopenherde, da wollen auch alle in die Mitte. Das alles schwingt in dem Begriff mit.

Ist sie deswegen für die Politik so attraktiv?

Genau, wenn Politiker die Mitte ansprechen, erreichen sie ganz viele Menschen und geben ihnen gleichzeitig das Gefühl, etwas gemeinsam zu haben, im Prinzip die Gesellschaft zu sein. Zudem vermittelt der Begriff: So wie ihr seid, ist es in Ordnung, das ist die Normalität. Auch deswegen geht die AfD mit dem Begriff Normalität in die Bundestagswahl ...

... und redet davon, Volkspartei werden zu wollen. Was zwangsläufig zu der Frage führt, wie wichtig denn der Mitte unsere demokratischen Werte sind.

Der Mitte wird quasi automatisch zugesprochen, dass sie demokratisch denkt. Und das nimmt sie auch für sich in Anspruch. Entsprechend reagieren Teile der Mitte auch empört auf die Mitte-Studie. Gleichzeitig ist damit auch die Hoffnung verbunden, die Mitte sei ein Garant und Stabilisator für die Demokratie. Deswegen ist ein Ziel der Mitte-Studie, herauszufinden, wie es tatsächlich um die demokratischen Einstellungen bei denen geht, die sich selbst als Mitte bezeichnen.

Beate Küpper ist Sozialpsychologin, sie hat eine Professur für Soziale Arbeit in Gruppen- und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach. Sie arbeitet zu Diversität und Integration sowie gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Sie war Mitglied im 2. unabhängen Expertenkreis Antisemitismus, im Beirat des Bündnises für Demokratie und Toleranz und im Stiftungsrat der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Was ist dabei herausgekommen?

Der überwiegende Teil der Mitte hält sich für demokratisch und vertritt auch demokratische Grundhaltungen. Doch es gibt auch antidemokratische Positionen. Zum Teil dürfte dies den Befragten selbst gar nicht bewusst sein, wenn sie beispielsweise der Aussage zustimmen, man könne „im nationalen Interesse nicht allen die gleichen Rechte gewähren“. Oder wenn sie fordern „Muslimen sollte die Zuwanderung untersagt werden“.

Wer kann so eine Haltung vertreten, ohne zu realisieren, dass sie demokratiefeindlich ist?

Es gibt ja auch Befragte, die geächtete Positionen laut vertreten – obwohl sie genau wissen, das sie damit provozieren. Sie widersprechen der sozialen Norm, die da lautet, dass man nicht rechtsextrem ist, nicht antisemitisch, nicht rassistisch. Sie wollen sich so von der Mitte abgrenzen und etwas Besonderes sein. Unsere neue Studie zeigt aber: Es geht darüber hinaus auch um Personen, die sich politisch zwar genau in der Mitte verorten, dann aber deutlich demokratiefeindliche oder rechtsextreme Einstellungen vertreten.

Also geht die Gleichung Mitte = Demokratie nicht auf?

Darauf gibt es zwei Antworten. Der eine Teil dieser Menschen lebt in einer Region, einem sozialen Umfeld, wo diese Einstellungen weit geteilt werden und damit normal erscheinen. Sie kommen deshalb gar nicht auf die Idee, dass sie gar nicht Mitte sein können, weil sie ja – zumindest gefühlt – die Durchschnittsmeinung repräsentieren. Der andere Teil instrumentalisiert den Begriff der Mitte. Nach dem Motto: Dort wo ich bin, ist die Mitte. Diese Strategie zielt darauf ab, die Mitte nach rechts zu verschieben und rechts zum neuen alten „normal“ zu machen.

Ist denn der Begriff der Mitte in unserer enorm zersplitterten Gesellschaft überhaupt noch tragfähig? Jeder möchte doch so besonders wie möglich sein?

Das ist ein extrem interessanter Punkt. In den vergangenen Jahrzehnten ist das Individuum immer wichtiger geworden. Ebenso die eigene Inszenierung als jemand Einzigartiges und der Wunsch, auch so von anderen wahrgenommen zu werden. Das durch die Social-Media-Welt geschickte, perfekt gestylte Selfie ist Ausdruck davon. Es geht dabei nicht nur um die Möglichkeit, sondern auch um den Anspruch individuell zu sein – und der wird natürlich von der Werbung befeuert. Meine Tattoos machen mich besonders, meine Schuhe auch. Aber dann haben alle eben doch die gleichen Schuhe und die gleichen Tattoos. Und wehe, jemand ist abweichend, dann wird er komisch angesehen. So ähnlich lässt sich das Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach Individualität und dem nach Mitte beschreiben.

„Hasskampagnen, Gewalt, rechter Terror und neue rechte Gruppen haben die Mitte der Gesellschaft in den vergangenen Jahren getroffen“, heißt es in der Ankündigung der Studie. Wie ist es mit denen jenseits der Mitte?

Wir betonen die Mitte, weil viele Menschen, die dazu gehören, von dieser Entwicklung ganz unmittelbar betroffen sind. Weil sie als fremd oder als Minderheit betrachtet werden, weil sie schwul, lesbisch oder divers sind, weil sie weiblich sind und den Anspruch auf Gleichstellung haben. Die Mitte ist darüber hinaus auch mittelbar betroffen. Denn diejenigen aus der Mitte, die sich für Demokratie und eine plurale Gesellschaft einsetzen, erleben zunehmend Hass und Bedrohung – sei es in ihrem Beruf, in NGOs oder auch in der Kommunalpolitik. Die Propaganda der letzten Jahre, die Dauerberieselung mit rechtem Populismus, geht an der Mitte nicht spurlos vorbei. Sie ist herausgefordert, aber auch gefordert.

Die Mitte ist im Blick auf Populismus sowohl Brandmauer als auch Einfallstor?

... und Ort der Einsickerung. In unseren Untersuchungen beobachten wir zunehmend Aufweichungen im demokratischen Fundament der Mitte. Wir sehen einen erheblichen Graubereich und ambivalente Einstellungen – statt einer klaren Ablehnung menschenverachtender Positionen.

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