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Das minderjährige Opfer einer Genitalverstümmelung in Uganda. Die unmenschliche Praxis ist längst in Europa angekommen.
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Das minderjährige Opfer einer Genitalverstümmelung in Uganda. Die unmenschliche Praxis ist längst in Europa angekommen.

Genitalverstümmelung

„Wer nicht mitmacht, hat versagt“

  • Nadja Erb
    vonNadja Erb
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Die Terre-des-Femmes-Aktivistin Idah Nabateregga spricht im Interview mit der FR über gefährliche patriarchale Traditionen.

Frau Nabateregga, Sie von Terre des Femmes schlagen Alarm, weibliche Genitalverstümmelung werde zunehmend auch in Deutschland zum Problem. Wie das?
Die Zahl der Betroffenen in Deutschland steigt drastisch. Wir gehen inzwischen davon aus, dass über 48 000 Frauen und mehr als 9300 gefährdete Mädchen hier leben.

Aber in Deutschland ist die Beschneidung doch verboten?
Viele Betroffene kommen aus Ländern, in denen Genitalverstümmelung sehr häufig ist wie Somalia, Eritrea, Äthiopien, Sudan und anderen. Die Frauen kommen entweder schon verstümmelt nach Deutschland. Oder sie fliegen nach Paris oder Amsterdam, um das machen zu lassen. Oder die Eltern fahren mit ihren Kindern über die Ferien ins Heimatland, und lassen sie dort beschneiden. Es ist zwar noch kein Fall einer in Deutschland durchgeführten Verstümmelung bekannt geworden, doch es gibt sie.

Ist das Ausmaß den Menschen in Deutschland überhaupt bewusst?
Manchen sicherlich, aber viele denken immer noch, das ist nur ein Problem im weit entfernten Afrika. Deshalb ist es so wichtig, dass die Öffentlichkeit das Thema aufgreift. Wir dürfen nicht weggucken, sondern müssen lernen, damit umzugehen.

Wie kann man denn die Betroffenen schützen?
Wir bei Terre des Femmes arbeiten eng mit den praktizierenden Communitys zusammen, zum Beispiel über das von uns konzipierte und koordinierte EU-geförderte Programm „Change Plus“. Dabei werden Multiplikatorinnen geschult, damit sie in ihren Communitys Aufklärungsarbeit über die schrecklichen Folgen der Beschneidung leisten können. Viele Betroffene wissen zum Beispiel gar nicht, dass Genitalverstümmelung in Deutschland gesetzlich verboten ist, als Körperverletzung angesehen wird und man dafür im Gefängnis landen kann.

Welche Hilfe erhoffen sie sich von staatlicher Seite?
Er muss Aufklärung leisten. Für betroffene Frauen sollen kompetente Beratungsstellen flächendeckend gesichert werden. Für Fachpersonal wie PädagogInnen, ÄrztInnen, Hebammen und PolizistInnen muss das Thema weibliche Genitalverstümmelung zur Ausbildung gehören. Institutionen und Behörden in Deutschland müssen angemessen auf jeden Hinweis aus der Bevölkerung reagieren. Die medizinische und psychologische Nachbehandlung muss den Frauen als Kassenleistung ohne Zuzahlung möglich sein. Wichtig ist auch, dass die Menschen außerhalb der Communitys sensibel mit dem Thema umgehen und die Betroffenen nicht wie Kranke oder Aussätzige behandeln. Lehrer können das Thema in den Lehrplan aufnehmen oder in Projektworkshops behandeln, damit die Kinder und Jugendlichen auch wissen, wie sie damit umgehen, wenn beispielsweise eine Freundin betroffen ist. Die Mädchen sind oft doppelt traumatisiert.

Wie das?
Sie haben zuerst die grausame Verstümmelung erfahren und müssen dann erleben, dass sie von ihren deutschen Mitschülern und Bekannten ausgegrenzt werden, wenn die das mitbekommen. Diese Mädchen und Frauen brauchen Beratung, Anleitung, manchmal sogar medizinische Hilfe. Aber vor allem brauchen sie Verständnis. Es ist wichtig, sich in die Frauen hineinzuversetzen.

Auch in die Frauen, die von Opfern zu Täterinnen werden und ihre eigenen Kinder verstümmeln lassen?
Aber ja. Es gibt unglaublich viele Gründe, warum Frauen das mitmachen. Viele tun das aus Liebe. Sie wollen nicht, dass ihre Kinder von ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Sie haben Angst, dass ihre Töchter unbeschnitten keinen Ehemann finden.

Welche Rolle spielen denn Frauen bei der Tradierung dieser Praktiken?
Oft sind die Frauen Entscheidungsträger, wenn es um die weibliche Sexualität geht. Sie geben die Traditionen an ihre Töchter und Enkelinnen weiter, oft ohne nachzudenken oder das zu hinterfragen. Die Verstümmelung fügt sich ein in das Bild, das die meisten Frauen von sich haben: Dass sie eine Nebenrolle spielen in der patriarchalen Gesellschaft und sich den Männern unterwerfen müssen. Auch alle Beschneiderinnen sind Frauen, einige verdienen damit sehr gut, haben einen wichtigen gesellschaftlichen Status und bestreiten ihren Lebensunterhalt damit.

Wieso ist es für die Frauen, die ja selbst Opfer sind, so schwer, dieses Schicksal ihren Töchtern zu ersparen?
Sie kennen es ja nicht anders. Die Verstümmelung soll die Frauen treu und jungfräulich erhalten, daran glauben sie. Auch religiöse Motive und Aberglaube werden oft mit diesen Praktiken verknüpft. Die Frauen sind also mit der Überzeugung aufgewachsen, dass etwas Schlimmes passiert, wenn sie sich gegen diese Kultur wenden.

Sie fürchten also nicht nur die Ablehnung der Tochter, sondern die Ausgrenzung der ganzen Familie?
Natürlich. Diese Überzeugung wird doch von der ganzen Gesellschaft getragen, in Ägypten, in Somalia sind die Raten bei über 90 Prozent. Wer da nicht mitmacht, hat als Eltern versagt und ist eine Schande für die Gemeinschaft. Die Praktiken sind auch oft eng verknüpft mit einem Initiationsritus – wer ihn nicht besteht, kann kein vollwertiges, erwachsenes Mitglied der Gesellschaft sein. Für die Familien bedeutet das, dass sie am gemeinschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen können. Das geht so weit, dass niemand mehr mit ihnen redet, dass sie sogar Orte öffentlichen Lebens wie Krankenhäuser, Bäder, Märkte meiden müssen.

Solche Muster zu durchbrechen, ist sicher unheimlich schwierig. Wie kann das gelingen?
Nur über die Zusammenarbeit mit den einzelnen Communitys, die Verhaltensänderungen müssen von innen kommen. Es geht schließlich um ein Tabuthema. Man muss sich den Kontext genau anschauen – was sind die vorherrschenden Gründe für die Verstümmelung, wann wurde verstümmelt, wer sind die Entscheider oder MachthaberInnen und Amtsträger. Sie als MultiplikatorInnen gegen weibliche Genitalverstümmelung zu gewinnen, ist wichtig. Sie sind die Schlüsselpersonen, damit es langfristig zu einer Verhaltensänderung in der gesamten Community kommt.

Wie wichtig ist der Grad der Integration der Betroffenen für Ihre Arbeit?
Das spielt natürlich eine Rolle. Durch Integration kann man auch leichter negative kulturelle Normen abgeben. Sprache, Bildung, Ausbildung und Erwerbstätigkeit sind hierzu der Schlüssel.

Interview: Nadja Erb

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