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Wer kann, flieht vor dem Armeedienst in Russland

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Von: Stefan Scholl

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Eine beschädigte Werbefläche für den Militärdienst in St. Petersburg.
Eine beschädigte Werbefläche für den Militärdienst in St. Petersburg. © afp

Aus der Teil-Mobilmachung in Russland wird offenbar eine reguläre. Inzwischen haben mindestens 600 000 Männer das Land verlassen – aus Angst eingezogen zu werden

Kass hat die Figur eines Preisringers, große sanfte Augen und erzählt den neuesten Witz: „Anruf aus dem Militärregistrierbüro: ,Sie haben morgen früh um sieben hier zu sein!‘ ,Ich kann nicht, mir fehlen beide Beine und ein Arm.‘ Antwort: ,Kein Problem, wir machen ja nur teilweise mobil‘.“ Kasbolat Bajkulow, Eventmanager und Blogger aus Sankt Petersburg, kurz Kass, grinst. Aber sein Grinsen sieht nach Galgenhumor aus.

Am 21. Februar rief Wladimir Putin in Russland die Teilmobilmachung aus, für Kass und Millionen anderer Russen begann ein neues Leben. Verteidigungsminister Sergej Schoigu behauptet, man wolle insgesamt 300 000 Mann unter Waffen stellen, offenbar werden aber mehr einberufen.

Angeblich 200.000 Mann in zwei Wochen einberufen

Laut Schoigu zog man in den ersten zwei Wochen in 53 Regionen mehr als 200 000 Reservisten ein, unklar, wie viele in den übrigen 32 Regionen. Und die Behörden der Regionen Rostow, Kursk und Woronesch kündigen schon eine zweite Mobilisierungswelle an.

Forbes.ru schreibt unter Berufung auf Kremlquellen, 600 000 bis eine Million Russen hätten das neue Kasernenhofrussland bereits verlassen. Putins Sprecher Dmitri Peskow spricht von einer Ente, nennt aber auch keine genauen Zahlen. Und niemand weiß, wie viele Tausenden sich in der Heimat vor Militärregistrierungsbüros verbergen. Die Mobilmachung hat das Land wie ein Naturereignis heimgesucht ein katastrophales.

Selbst Journalisten werden festgenommen

Millionen private und kommerzielle Pläne, auch wirtschaftliche Existenzen haben sich erledigt. „An einem Tag verlierst du dein Leben, deine Projekte, deine Freunde“, erklärt Kass. Der 35-Jährige landete 2014 wegen Kokainbesitzes für vier Jahre hinter Gitter. „Für mich ein Deja vu. Ich war in einem kleinen Gefängnis und bin jetzt in ein viel größeres geratet.“

Das Youtube-Video zeigt Dutzende Demonstranten, sie haben sich untergehakt, mit dem Rücken zum Schaufenster. „Sehen Sie, die Leute haben eine Kette gebildet“ Kriger steht im Vordergrund des Bildschirms und kommentiert. „Sie skandieren weiter.“ Die Menschen rufen rhythmisch: „Kein Krieg, kein Krieg!“, einige Sekunden dröhnt die Fußgängerzone am Arbat vor Pazifismus, dann erscheinen die ersten Greiftrupps der Einsatzpolizei. „Die Polizeibeamten wollen die Menschenkette sprengen, bearbeiten einzelne Personen“, ruft Artjom Kriger, Reporter des Online-Kanals Sota. „Sie ringen mit einem Mann im roten Anorak, bekommen ihn nicht in den Griff“.

Männer, die gegen die Einberufung demonstrieren, werden gleich zur Militärdienstprüfung vorgeladen.
Männer, die gegen die Einberufung demonstrieren, werden gleich zur Militärdienstprüfung vorgeladen. © afp

Kriger bestellt einen Milchkaffee. „Ich bemühe mich als Reporter um möglichst viel Objektivität“, der Amateurfußballer studiert Sport auf Lehramt. „So wie ein Sportkommentator“, er lächelt. Aber am 21. September halfen weder Objektivität noch gelbe Presse-Weste oder Journalistenausweis. Kriger wurde rechtswidrig wegen Teilnahme an einer nicht genehmigten Kundgebung festgenommen, für acht Tage eingesperrt, ein Berufungsrichter ließ ihn nach fünf Tagen wieder frei.

Wie alle männlichen Festgenommenen erhielt er auf der Polizeiwache als erstes eine Vorladung für das Militärbüro.

Wer demonstriert, wird gleich zur Tauglichkeitsprüfung vorgeladen

„Sie haben alle vorgeladen, mit ihrem Wehrpass im Militärregistrierbüro zu erscheinen.“ Aber Kriger, 21, will den Befehl nicht ernst nehmen. Er sei Student, habe nie gedient, besitze also keinen Wehrpass. Er glaubt, die Staatsorgane wollten den Demonstranten Angst machen: „Ihr habt gegen die Mobilmachung demonstriert, also kriegt ihr Arrest und die Vorladung dazu.“

In der Praxis schicken die Registrierungsbüros ungediente oder untaugliche Männer oft wieder nach Hause. Aber laut dem Portal novayagazeta.eu wurde in der Region Swerdlowsk ein 59-jähriger Arzt mobilisiert, der an Hautkrebs leidet. Und die Russen misstrauen ihrer Obrigkeit traditionell. Die männliche Einwohnerschaft mehrerer Dörfer in Karelien und im Ural ging nach dem Beginn der Mobilmachung mehr oder weniger komplett in die Wälder, Beeren sammeln oder jagen.

Männer verstecken sich, meiden ihre Wohnorte

Russland hat einen neuen Untergrund oder genauer Halbuntergrund. Mütter und Ehefrauen diskutieren in WhatsApp-Gruppen, ob die Datscha oder Verwandte in Stawropol Fahnenflüchtigen mehr Sicherheit bieten. Der Moskauer Fitnesslehrer Igor versteckt sich in der Wohnung einer Freundin und verhandelt mit seinem Chef: Er möchte kündigen und schwarz weiterarbeiten, sonst kann man ihn am Arbeitsplatz einberufen.

Und der Unternehmer Kirill aus der Moskauer Vorstadt Chimki hat mit einem Bekannten im Militärregistrierbüro ausgehandelt, dass man seinen 22-jährigen Sohn, einen Jura-Studenten, zwei Monate nicht behelligt. „Bis dahin kriegen wir ihn aus dem Land.“

„Ich kann meine Kinder nicht im Stich lassen.“

Krigers Vorladung lief am vergangenen Donnerstag aus, ohne, dass er sich auf dem Militäramt hat blicken lassen. Man wisse ja nie, sagt er. Nicht dass er doch in einem Bus zur Kaserne lande ...

Auch der Petersburger Kass wohnt jetzt nicht unter seiner Meldeadresse, obwohl er Ungedienter ist. „Die Polizei und die Militärregistrierbüros sind wirklich durchgedreht“, sagt er. „In Dagestan und Tschetschenien packen sie Leute auf offener Straße und zerren sie ins Auto.“ Kass fährt nach Möglichkeit keine U-Bahn mehr, wegen der Überwachungskameras.

Artjom Gritschtschenkow vertraut auch nicht auf das die Eintragung „zeitweise untauglich“ in seinem Wehrpass. Der 25-Jährige ist Geschichtslehrer am Moskauer Cambridge-Lizeum. Drei Kollegen an der teuren Privatschule haben schon eine Vorladung, seine Mutter würde ihn gerne zu Verwandten nach Deutschland schicken, aber er will Russland nicht verlassen. „Nicht vor der Sommerferien. Ich kann meine Kinder nicht im Stich lassen.“

Er erzählt von Schülerinnen, die bitterlich weinten, weil ihre Väter eingezogen wurden. Oder weil sie wegen ihres Vaters nach Kasachstan umziehen müssen. „Der Krieg trägt enormen Stress in die Familien, macht Kindheiten kaputt.“

Lieber Gefängnis statt Kaserne

Gritschtschenkow ist groß und schlank, sein dunkler Vollbart makellos getrimmt, er zerpflückt mit Vergnügen die historischen Ungereimtheiten in Wladimir Putins letzter Rede. Eher der Held eines Fitzgerald- als eines Dostojewski-Romans. Aber er sagt, er sei Patriot, ihm tue weh, wenn sein Land einen Krieg verliere. „Nur, wie soll ich die Schüler zu besseren Menschen erziehen, wenn ich unseren ukrainischen Nachbarn nach dem Leben trachte.“

Auch Kass sagt, er werde auf keinen Fall Soldat. „Lieber gehe ich wieder ins Gefängnis.“ Kriger will genauso wenig kämpfen. „Dafür müsste der Feind schon in Russland einfallen.“

Konsum bricht ein

Kriger fürchtet, die Organe hätten ihn auf dem Kicker, aber als TV-Reporter. „Ich stehe vor der Kamera, berichte life zu politischen Themen.“ Vielleicht seien der Arrest und die Vorladung eine Warnung gewesen. Er möchte als Reporter zuerst einmal pausieren.

Die Mobilmachung hat auch Moskaus Konsumwirtschaft noch einmal zugesetzt, der Kundenverkehr in den Einkaufszentren sank um vier Prozent, in den Restaurants um 17 Prozent, in den Fitnessclubs um 25 Prozent.

Putin hat den Gesellschaftsvertrag gebrochen

Kass hatte als Konzertmanager mit großen westlichen Softdrink- und Bier-Marken als Kunden gearbeitet, die sind alle weg. „Eine ganze Generation kreativer Russen wird kaputt gemacht“, findet auch Gritschtschenkow, vor allem Leute zwischen 25 und 35.

Vielleicht aber trifft es aber auch alle Männer zwischen 18 und 60. Ein Bergbaumanager erzählt, die einfachen Kumpel seien zu Dutzenden eingerückt, die Ingenieure aber nach Kasachstan geflohen. „Alle sind Sprengstoffexperten, hätten ganze Pioniereinheiten kommandieren können.“ Russland verliert Köpfe, Reserveoffiziere, Mittelstand. Mit der Mobilmachung habe der Kreml den Gesellschaftsvertrag gebrochen, sagt Grischtschenkow: „Ihr lasst uns in Ruhe, dann lassen wir euch auch in Ruhe.“

Was in Putins Russland passiere, habe solch eine Drehzahl erreicht, dass es nicht mehr lange dauern könne, meint Kass vieldeutig. Die jungen Menschen „kämpfen nicht gegen die Ukraine oder den Westen, sie kämpfen gegen die Wirklichkeit.“

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