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Willy Brandt nahm als Außenminister die Abhängigkeit von sowjetischem Gas in Kauf als gegenseitigen Vertrauensbeweis.

Wirtschaftsbeziehungen

„Wer Handel treibt, schießt nicht aufeinander“

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Geschäfte mit stabilisierender Wirkung: Schon lange bezieht die Bundesrepublik Öl und Gas aus Russland. Ein Rückblick

Wer die Behauptung von US-Präsident Donald Trump, Deutschland sei wegen Gasgeschäften mit Moskau ein Gefangener Russlands, für eine bisher nie da gewesene Ungeheuerlichkeit hält, der täuscht sich. Schon vor Jahrzehnten waren die Energiegeschäfte zwischen der damaligen Sowjetunion und der Bundesrepublik immer wieder Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen Bonn und Washington.

Dabei ging es auch um eine Melange aus politischen und wirtschaftlichen Interessen. Seit Ende der 50er Jahre verhandelten Unternehmen wie der Essener Krupp-Konzern unter seinem Chef Berthold Beitz mit Moskau über die Lieferung von Röhren für Erdgas- und Ölpipelines. Lediglich ein von den USA auf dem Höhepunkt der Berlin- und Kubakrisen 1962 durchgesetztes Embargo der Nato-Staaten gegen die Sowjetunion verhinderte den Ausbau dieser Verträge. Doch in den folgenden Jahren gingen viele westeuropäische Staaten wie die Bundesrepublik auf die Angebote aus dem Osten ein: günstige Öl- und Gaslieferungen gegen Devisen. Das nutzte der Sowjetunion beim Ausbau ihrer – auch militärischen – Infrastruktur und verringerte die Abhängigkeit des Westens von den Erdölproduzenten im Nahen Osten. Als Willy Brandt 1966 Außenminister wurde, nutzte er die politische Dimension dieser Vereinbarungen. Er nahm eine Abhängigkeit von sowjetischem Gas in Kauf als gegenseitigen Vertrauensbeweis, der seine neue Ostpolitik stützte.

Unter seiner Kanzlerschaft begann die Zusammenarbeit in großem Stil: 1970 wurde die Lieferung von jährlich drei Milliarden Kubikmetern Erdgas über einen Zeitraum von 20 Jahren an die Essener Ruhrgas AG vereinbart. Zugleich erhielten die Stahlkonzerne Mannesmann und Thyssen aus Moskau den Auftrag, dafür eine 2000 Kilometer lange Pipeline zu bauen. 1973 war es so weit: Das erste russische Gas wurde in das westdeutsche Netz eingespeist. Mit der DDR gab es ähnliche Abkommen, nur dass sie nicht mit Devisen, sondern mit Investitionen und Arbeitskraft bezahlte. Berühmt wurde die Pipeline „Drushba-Trasse“, deren Bau ein zentrales Projekt der FDJ war.

In Washington verfolgte man diese Entwicklungen mit Misstrauen. Kanzler Helmut Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter gerieten aneinander, Schmidt verbat sich die Einmischung des „Erdnussfarmers“. Ihr Verhältnis galt als zerrüttet. Als sich mit dem Nato-Doppelbeschluss und dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan Ende der 70er Jahre die politischen Spannungen zwischen der Nato und der Sowjetunion verschärften, setzte die Bundesregierung gegen Druck aus den USA weiter auf die stabilisierende Wirkung intensiver Handelsbeziehungen. Kurz nach dem Einmarsch in Afghanistan handelte eine bundesdeutsche Wirtschaftsdelegation in Moskau das bis dahin größte Energiegeschäft aus: Die Verdoppelung der sowjetischen Gasimporte auf 30 Prozent des Gesamtverbrauchs. Den entsetzten Carter bedachte Schmidt mit den Worten: „Wer Handel miteinander treibt, schießt nicht aufeinander.“

Doch auf dem G7-Gipfel 1981 in Ottawa ließ der neue US-Präsident Ronald Reagan das Thema auf die Tagesordnung setzen. Kurz vor dem Treffen kritisierte der Sicherheitsrat der US-Regierung das Erdgas-Röhren-Geschäft zwischen deutschen Firmen und der Sowjetunion scharf. Es bestehe die Gefahr, dass der deutsche Bündnispartner in strategische Abhängigkeit von Moskau gerate.

Die US-Amerikaner verlangten, das neue Abkommen auf Eis zu legen und ins G7-Kommuniqué eine Formulierung aufzunehmen, die nicht nur das Erdgas-Röhren-Geschäft, sondern den gesamten deutschen Osthandel von der Zustimmung Washingtons abhängig gemacht hätte. Die US-Delegation wollte den Passus erzwingen: „Wir werden die Risiken prüfen, dass wir als Folge der Abhängigkeit von östlichen Ressourcen und Märkten verwundbarer werden könnten, und wir werden, wo nötig, Maßnahmen gegen solche Bedrohung einleiten.“ Schmidt stellte klar: „Das kommt nicht in Betracht.“ Er verwies auch auf die riesigen Weizenlieferungen der USA an die Sowjetunion. In Zusammenarbeit mit dem französischen Präsidenten François Mitterand gelang es, diese Passagen deutlich abzuschwächen. Aber die US-amerikanische Kritik blieb bis heute.

Moskau hat sich als verlässlicher Partner in Energiegeschäften erwiesen, die auch schwere politische Krisen überstanden haben und so tatsächlich einen Stabilitätsanker bilden, wie Brandt und Schmidt es sich einst vorgestellt haben. Ein anderes Problem sind freilich die Interessen jener einst zur Sowjetunion zählenden und heute unabhängigen Staaten wie die Ukraine, die sich von dieser Partnerschaft übergangen fühlen.

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