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Ein stremggläubiger Jude betet vor der Klagemauer in Jerusalem.
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Ein stremggläubiger Jude betet vor der Klagemauer in Jerusalem.

Israel

Wenn ultraorthodoxe Juden aussteigen

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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In Israel leben ultraorthodoxe Juden in einer Welt für sich. Von den Jungen denkt jeder Zehnte an einen Absprung. Aber der persönliche Preis ist hoch und die Landung im säkularen Leben selten weich.

Es ist noch nicht lange her, dass Lea ein Doppelleben führte. In der Ausgehszene in Downtown Jerusalem ließ sie sich im sexy engen Outfit blicken. Aber wo immer sie hinging, tief in ihrer Tasche war ein braver wadenlanger Rock verstaut. Irgendwo auf dem Heimweg in das strikt religiöse Ramat Schlomo, eine Siedlung im Ostteil der Stadt, fand dann die Verwandlung statt. Lea streifte den züchtig weiten Rock über die Röhrenjeans und schlüpfte in eine langärmelige, hochgeschnittene Bluse, die Ellbogen und Schlüsselbeine verdeckt. Zumindest nach außen hin entsprach sie damit der sittsamen Haredit – der gottesfürchtigen jüdischen Frau. Dabei waren ihr persönlich die Ultraorthodoxie und deren penible Kleidungsvorschriften ziemlich egal. Lea Yefet wahrte den Schein nur ihrer Familie zuliebe. „Ich wollte sie vor bösem Klatsch der Nachbarn bewahren“, sagt die 23-Jährige.

Bis Lea vor einem Monat bei der Mutter auszog, um nach eigener Fasson zu leben. „Sie haben es wahrscheinlich alle kommen sehen“, sinniert sie im Rückblick und meint ihre geschiedenen Eltern, ihre Lehrer, die vertrauten Gesichter aus Ramat Schlomo. Ihr Bruch mit der reglementierten Welt der Strengfrommen vollzog sich schleichend. Der erste Knacks geschah, als sie mit 16 Jahren von der religiösen Mädchenschule flog, weil sie mit einem Jungen gesprochen hatte. „Alles, was du tust, wird kontrolliert“, erinnert sich Lea an diese Zeit. „Aber du bist in der Pubertät, empfindest etwas für den Sohn der Nachbarn und keiner sagt dir warum.“ So schickte man sie zum Vater nach Safed, der in der tiefreligiösen Stadt im Norden Israels als Rabbiner tätig ist. Kraft seiner Stellung gelang es ihm, eine neue Schule für Lea zu finden, die rebellische Tochter. Aber auch da ging es im Unterricht hauptsächlich darum, wie eine anständige Frau sich anzuziehen habe. „Damit sie ja keinem Mann den Kopf verdreht, und er womöglich all die Thora-Verse vergisst, die er gelernt hat“, merkt Lea spöttisch an.

Sie muss selber über ihre Worte lachen – das erste Mal während unseres Gesprächs im „Hillel“, einem Treffpunkt für Aussteiger aus der verschlossenen Welt der Strenggläubigen. Der Verein nennt sich schlicht Hillel, weil sein Zentrum in der Hillel-Straße, mitten in West-Jerusalem, liegt. Seine Türen stehen all jenen offen, die in einem ihnen unbekannten, säkularen Leben Fuß fassen wollen. Damit es sich nicht ganz so einsam anfühlt, wenn man plötzlich auf sich allein gestellt ist. Auch Lea hat mit ihrer Mutter inzwischen „null Kontakt“. Mit dem Vater telefoniert sie sporadisch. Dass er noch mit ihr spricht, ist keinesfalls selbstverständlich. In der Regel verstößt die ultraorthodoxe Gemeinschaft Mitglieder, die vom Glauben abfallen. Selbst die eigene Familie bricht oft die Beziehung vollends ab, als ob der oder die Abtrünnige für sie gestorben seien. Freitagsabends, wenn religiöse Juden den Beginn des Sabbat feiern, ist der Gemeinschaftsraum im Hillel daher meist proppevoll. Dann rücken sie alle zusammen beim Abendessen, tauschen sich aus und bisweilen spielt einer auf dem Klavier. Aber manche schauen auch während der Woche vorbei, so wie Lea, die auf dem Sofa zwischen zwei jungen Männern hockt und mit ihnen auf die Schnelle ein paar Thunfischdosen und Fertigsalate aus dem Supermarkt löffelt.

Keinem dieser Drei ist anzusehen, dass sie vor kurzem noch als ultraorthodox galten – am allerwenigsten Lea, die wie ein modischer Punk mit Vorliebe Schwarz trägt, dazu kurze hochgebauschte Haare und diverse Ringe in den Ohrläppchen. Sie ist mittlerweile in einer Wohngemeinschaft untergekommen, jobbt in einer Humus-Bar und belegt Kurse in Malerei, Fotographie und Video-Art an der Kunstakademie Bezalel. „Ich probiere alles aus“, sagt Lea. Feste Zukunftspläne hat sie nicht, aber jede Menge Ideen und einen unbändigen Lebenshunger. Sie schwärmt vom freien Dasein an den Stränden im Sinai, von weißem Sand, Rotem Meer und dramatischen Wüstenbergen. Sechs Mal hat es sie schon in dieses irdische Paradies gezogen. Jair Hass, Sozialarbeiter im „Hillel“, vernimmt es mit Sorge. Die meisten Israelis würden heutzutage aus Angst vor Terroranschlägen keinen Fuß auf die ägyptische Halbinsel setzen. Aber die ehemals Ultraorthodoxen, weiß Hass aus jahrelanger Erfahrung, nehmen viel mehr Risiken bedenkenlos in Kauf.

Ihr altes Leben war von hunderten Geboten und Verboten durchdrungen. Im neuen Leben gibt es keine Eltern oder anerkannte Autoritäten, die sagen, was zu tun ist, die abraten oder warnen. „Gerade am Anfang leiden viele unter dieser Leere“, sagt Hass, ein gemütlicher, rundlicher Typ, der mit allen schnell warm wird. „Auf einmal ist die Familie weg, der wichtigste Bezug im Leben, und es fühlt sich an, als ob man Selbstmord begangen hätte.“ Laut einer Studie hegen vierzig Prozent der Ex-Frommen tatsächlich Selbstmordgedanken. In der Vergleichsgruppe jener, die säkular oder traditionell religiös aufwuchsen, sind es nur sechs bis zwölf Prozent. Vor zwei Jahren sorgte gar eine Selbstmordwelle unter den Aussteigern für Schlagzeilen. Nachdem sich sieben ehemals Strengfromme in nur 18 Monaten umgebracht hatten, versprach die israelische Regierung Finanzhilfe für ein Auffangprojekt von Hillel. Seit 2015 trägt sie zur Hälfte die Kosten einer Mehrzimmerwohnung, in der Männer wie Frauen in den ersten vier Monaten nach Austritt aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft Zuflucht finden können.

Es ist ja längst kein Randphänomen mehr. Einer Erhebung des staatlichen Statistikbüros zufolge denkt in der Altersgruppe der 18 bis 25-jährigen Haredim, wie die schläfengelockten Juden genannt werden, jeder Zehnte an Ausstieg. Das liegt vor allem daran, dass das Internet selbst Oberfrommen heimliche Einblicke in die faszinierende Welt draußen, jenseits der Einflusssphäre des Rebbe, des Gemeinderabbiners, ermöglicht. „Vor 15 Jahren schlich sich ein junger Ultraorthodoxer in die Bibliothek, wenn er etwas über weltliche Dinge erfahren wollte. Heute hat er den Zugang zur ganzen Welt in der Tasche“, sagt Hass und tippt auf sein Smartphone. Es gibt zwar auch beim Handy die koschere Variante, die diverse Funktionen unterdrückt. Aber wem fällt schon auf, wenn man nebenher ganz diskret ein unkoscheres Zweitphone benutzt?

Es klingt paradox: Immer mehr Israelis bekennen sich als ultraorthodox. Aber auch die gegenläufige Tendenz steigt merklich an. 175 Neuaussteiger registrierte die Organisation Hillel allein im Vorjahr. Noch vor Jahren waren es höchstens Einzelfälle. Die Hotline im Hillel, an die sich Religiöse auch anonym wenden können, steht selten still. Erteilt werden praktische Ratschläge. „Wir diskutieren nicht mit den Leuten, ob es Gott gibt“, meint Jair Hass. „Wir reden mit ihnen, wie man selbstständig lebt.“ Denn im normalen Alltag klar zu kommen, einen Beruf auszuüben, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, das ist die eigentliche Herausforderung. In den Religionsschulen wird den Ultraorthodoxen weder Englisch noch Mathematik beigebracht. Das gilt für die Jungs, die sich in der Jeschiwa fast ausschließlich den Talmud-Studien widmen, noch mehr als für die Mädchen.

„Ich wusste nicht mal, wie ich eine simple Gleichung lösen sollte“, erzählt Yossi Klar. „Ist ganz schön hart gewesen, damit im Alter von 20 anzufangen.“ Drei Jahre ist das her, heute engagiert sich Yossi bei der Gruppe „Out for Change“, die Haredim-Aussteigern in Ausbildungsfragen hilft, und hat vor, selbst Medienwissenschaft und Politik zu studieren. Sein Weg bis dahin war lang. „Als ob man sich ganz langsam in kaltes Wasser wagt“, sagt Yossi. Mit 14 Jahren plagten ihn erste Zweifel, „ob die strenge Lehre der Ultraorthodoxen genau das ist, was Gott will“. Er verschlang Bücher, schaute sich Filme an, entdeckte per Facebook, dass er  nicht der einzige war, dem die Antworten der Rabbiner nicht reichten. Mit 16 Jahren erkannte er, dass die fromme Welt nicht die seine ist. Mit 18 Jahren kehrte er von einer Europareise ohne Kippa, das Kopfkäppchen gläubiger Juden, zurück. Yossi Klar beschoss, erst mal drei Jahre zur Armee zu gehen.

Viele Haredim-Aussteiger suchen Halt im Militärdienst, von dem die meisten Jeschiwa-Studenten in Israel befreit sind. Auch Jossis Freund Jonathan Harel, 26, meldete sich zu den Streitkräften, nachdem er in der Welt der Thora schon früh für sich keinen Sinn entdeckt hatte. „Ich wollte ein produktives Mitglied der Gesellschaft werden“, erzählt Jonathan, ein lässiger Typ mit Drei-Tage-Bart und enormen Ehrgeiz. Doch dies gestaltete sich schwerer als gedacht. „Um die Haredim ins Arbeitsleben zu holen, organisiert der Staat Extrakurse. Aber wenn du keine Kippa mehr trägst, kommst du da nicht rein“, sagt Jonathan. Nicht nur er findet das diskriminierend. „Out for Change“ unterstützt eine laufende Sammelklage ehemaliger Ultraorthodoxer gegen den Staat wegen vorenthaltener Bildungschancen.

Es brauchte mehrere Anläufe, bis Jonathan eine Schule fand, in der er in einer Klasse für Drop-outs die Hochschulreife nachholen konnte. Inzwischen studiert der Sohn einer orientalisch-jüdischen Familie Jura an der Bar-Ilan-Universität und lebt mit seiner Katze zur Miete in einem Souterrain-Apartment in Kirjat Ono. Sein Ausstieg aus dem Leben der „Gottesfürchtigen“ scheint sich zu einem Einstieg in eine berufliche Karriere zu entwickeln. Jonathan grinst. Seiner Mutter wäre immer noch lieber, er wäre Rabbiner geworden. Dabei waren die Eltern ursprünglich nicht strengfromm. Aber sie stammten aus einer irakischen und libyschen Einwandererfamilie und wollten unbedingt in Israel einer starken Gemeinschaft angehören. „Es hat ja seine Vorteile, als Haredi in einer Blase zu leben“, sagt Jonathan sarkastisch. „Wenn du ein Problem hast, fragst du den Rabbi. Ansonsten ist alles geregelt, wann ein Segen zu sprechen ist und was man vor und nach dem Sex tun muss.“

Nein, er wünsche sich nicht in schwachen Stunden dorthin zurück, sagt Jonathan bestimmt. „Das einzige was ich vermisse, ist meine Familie.“ Nur, in ihrer einstigen Form gibt es sie nicht mehr. Von seinen sieben Geschwistern definieren sich drei als strikt religiös und vier eben nicht. Der gewohnte Zusammenhalt ist weg. Auch wenn sie die Kontakte nicht ganz aufgegeben haben, klaffen zwischen ihnen Welten. Damals, als er im Alter von 16 Jahren den Sprung in ein neues Leben wagte, fürchtete auch Jonathan mitunter, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nichts von dem, was für die israelische Mehrheit selbstverständlich ist, war ihm vertraut. „Mir war alles unbekannt, ihr Essen, ihre Getränke, ihr Slang.“ Ein Stamm in Afrika hätte für Jonathan kaum exotischer sein können. Nicht mal bei den Werbespots begriff er, worauf sie anspielten. Umgekehrt eckte seine altmodische Ausdrucksweise, durchsetzt mit biblischen Begriffen, bei den hippen Gleichaltrigen an. „Ich musste sogar lernen, wie man mit einem Mädchen redet“, gesteht Jonathan. Und selbst, als er es konnte, stieß er an Grenzen. Seine letzte Freundin sei derart säkular gewesen, „dass ich nichts von meiner Vergangenheit mit ihr teilen konnte.

Die Ex-Freundin ist ausgezogen, die unzähmbare Katze, die er vor einem Jahr vor dem Tod bewahrt hat, geblieben. „Ich bin angekommen in meinem Leben“, blinzelt Jonathan beim Spaziergang in die Sonne. „Und ich habe genug Selbstvertrauen, meinen eigenen Weg zu gehen.“

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