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In Stein gemeißelt: Ian Gillan (links) während seiner Sturm- und Drang-Phase auf dem Cover des Albums "Deep Purple In Rock". Rechts neben ihm: Ritchie Blackmore, Jon Lord, Roger Glover und Ian Paice.

Deep Purple

Wenn man sich unsterblich fühlt

40 Jahre Deep Purple - das ist auch die Geschichte von ewigem Streit. Ian Gillan und David Coverdale waren die Stimmen der Rocklegende. Wir haben mit beiden gesprochen: über Nostalgie, Ego-Kriege und alternde Rock-Machos.

Mr. Gillan, Blueslegende John Lee Hooker grunzte mit fast 80 noch "I'm in the mood for your love" - und bekam den Grammy. Auf der Tour zu 40 Jahre Deep Purple singen Sie jeden Abend wieder "Come on baby, drive me crazy". Finden Sie es unfair, dass man sowas bei alten Rockern peinlich findet?

Ian Gillan: Ich hatte meine Midlife-Crisis zum Glück schon mit Ende 40. Da habe ich noch gegrübelt, wie man in meiner Zunft in Würde altert. Ich bin jetzt 63 und sehe es entspannter. Ich weiß, dass ich nicht mein ganzes Leben lang Lieder über schnelle Autos und Frauen schreiben kann. Heute haben wir unsere Musik erweitert. Seit Ritchie Blackmore durch Steve Morse ersetzt wurde, ist Purple eklektischer geworden, ein Mix aus Blues, Jazz, Klassik, Folk, Swing. Die düstere Zeit der Ego-Kriege und internen Grabenkämpfe ist vorbei.

Mr. Coverdale, kann ein Rockstar überhaupt in Würde altern?

David Coverdale: Ich bin das zuletzt gefragt worden, als Led Zeppelin sich vor einem Jahr für ihr Konzert in London wiedervereint haben - weil ich ja mit deren Gitarrist Jimmy Page 1993 ein gemeinsames Album eingespielt habe. Und die Led-Zep-Reunion war die beste Antwort: Solche Aufregung, solche Spannung und Aufmerksamkeit gibt es sonst nur bei tragischen Ereignissen, wie Hurrikanen oder Terroranschlägen. Dort sorgten einfach nur vier fantastische Musiker, die gemeinsam ihre Musik spielen wollten, dafür. Ich sah keinen, nicht mal den nörgelndsten, zynischsten Journalisten, der heimgegangen ist und gesagt hat: "Meine Güte, sind die alt geworden!"

Sie wollen also mit 80 noch Ihren Hit "I'm a lover hunter" singen?

Coverdale: Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber ich werde die Liebe in ihren immer breiter werdenden Aspekten erkunden und besingen. Vielleicht schreibe ich dann - in Anlehnung an unsere Hits - Songs wie "Slow and easy please", "Help me make it through the night" oder "I wish I could slide it in" (lacht). Im Ernst: Ich bin politisch sehr interessiert, aber ich hielt ein Rockkonzert nie für eine angemessene Plattform dafür. Gott schütze Bono - das ist sein Gig.

Es gibt ja noch andere Themen als entweder Sex oder Politik.

Coverdale: Ich bin ein Poet. Ich feiere die Liebe. Schon immer! Viele Leute halten meine Texte für sexistisch, dabei sollten sie nur sexy sein. Ich spreche über die Liebe - auf allen Ebenen. Ich habe vor Jahren aufgehört, dagegen anzukämpfen.

Obszöne Texte, nackte Frauen auf den Covern, Ihre Sexposen auf der Bühne: das wurde Ihnen nicht peinlich, als Sie Großvater wurden?

Coverdale: Nein, so überlege ich mir das nicht. Whitesnake gibt keine Warnhinweise an Eltern. Ich bin heute in der glücklichen Lage, für die dritte oder vierte Generation von Rockfans zu spielen. Aber wenn ich manchmal Zehnjährige im Publikum sehe, denke ich: "Bitte! Nicht! Lasst sie noch nicht zuhören!" Wenn ich die Bühne betrete, verstärke ich David Coverdale ums Zehnfache - und greife mir eben auch mal in den Schritt. Was das Alter angeht, denke ich aber, dass die Leute sich daran gewöhnt haben, dass die Kerle in den großen Bands heute Ende 50, Anfang 60 sind. Keiner erwartet, dass wir aussehen wie mit 20 - sondern dass wir immer noch mit Leidenschaft die großen Songs spielen. Musiker mögen alt werden und Images wirken irgendwann amüsant, aber Songs können für immer leben.

Mr. Gillan, Sie tönten Anfang der 70er noch: Wenn es gut läuft, halten wir bis Ende des Jahres durch. Jetzt sind Sie 40 Jahre dabei. Komisch, sich so geirrt zu haben?

Ian Gillan: So falsch lag ich ja nicht. Deep Purple haben damals irrsinnig oft die Besetzung gewechselt, ich selbst war zweimal draußen, kehrte dreimal zurück. Als ich das sagte, zur Zeit unserer größten Erfolge, dachte ich wirklich, das hält nicht länger als ein Jahr. Wenn man jung ist, fühlt man sich unsterblich. Wir hatten diesen aberwitzigen Erfolg, waren umgeben von Leuten, die uns nur sagten, was wir hören wollten. Wir hatten mehr Geld, als gut für uns war - aber keinerlei Lebenserfahrung. Die meisten von uns haben sich einfach nur blöd benommen.

Was ist Ihre liebste Erinnerung an die Zeit mit Deep Purple?

Gillan: Die an meinen ersten Auftritt mit Purple, im August 1969 in London. Es waren keine 50 Leute da, aber es war ein magischer Abend. Ich erinnere mich genau, wie ich zu Roger Glover am Bass rübersah, der mit mir neu in die Band gekommen war, und sagte: "Das ist es!" Ich hatte Tränen in den Augen, es war unglaublich. Wir hatten plötzlich diese unkontrollierbare Energie - unseren Rhythmus, ein irres Tempo. Da waren Ritchie Blackmore und Jon Lord, die sich mit ihren Soli duellierten - wir spielten uns in die Stratosphäre.

Mehr als einmal sind Sie beim Wiedereintritt in die Atmosphäre fast verglüht. Und wenn ein Bandmitglied ausgebrannt war - wie Sie selbst -, holte sich der Rest schnell und erbarmungslos neue Musiker. Sie selbst wurden von Blackmore gedemütigt, rausgeworfen, zurückgeholt. Wie hält man das aus?

Gillan: Diese rasenden Streits während der Tour waren in der Tat fürchterlich. Es gab oft keine Gespräche untereinander - so dass eben keine Band mehr auf der Bühne stand, sondern nur noch fünf Individualisten, die sich gegeneinander abmühten.

Blackmore soll Ihrer Frau einmal backstage einen Eimer Wasser an den Kopf geworfen haben. Sie selbst wurden ständig von ihm gepiesackt, weil Sie die hohen Töne nicht mehr schafften.

Gillan: Ich will das alles nicht mehr kommentieren. Es war oft schrecklich, aber es liegt lange zurück. Manchmal wundere ich mich aber schon, dass ich überhaupt wieder aufgetaucht bin. Als ich meine Solo-Platten machte, wurde ich gefragt, ob ich nicht für den Rest des Lebens im Schatten von Deep Purple stehen würde. Ich sagte: Nein, ich werde im Licht von Deep Purple stehen. Alles, was ich erreicht habe, habe ich dem Glück zu verdanken, zu Deep Purple gestoßen zu sein.

David Coverdale: So geht es mir auch. Ich bin den Jungs unglaublich dankbar für die Möglichkeit, die sie mir damals eröffneten. Als ich mich auf eine Anzeige hin als Ians Nachfolger bewarb, war ich ja ein reiner Quereinsteiger. Ich sang in Rockbands meiner Heimatregion, aber das war eine ganz andere Liga. Ich hatte noch nie etwas aufgenommen, war jungfräulich auf der großen Bühne. Einem so jungen Kerl eine so große Chance zu geben, zeugt von Mut und echter Größe. Gott segne sie dafür.

Und was ist das Schlimmste, das Ihnen zu Deep Purple einfällt?

Coverdale: Im Grunde steckt - ohne ins Detail zu gehen - das Beste und das Schlimmste aus meiner Deep-Purple-Zeit noch immer in mir. Alles, was ich bis heute auf der Bühne mache, habe ich damals bei Purple gelernt. Diese Zeit hat mich immens geprägt, weil es ein extremer Einstieg war: von Null auf Hundert. Plötzlich spielten Bands wie Chicago, von denen ich eben noch ein einfacher Fan gewesen war, in unserem Vorprogramm! Als ich eingestiegen bin, habe ich erstmal die Platinplatten für Ian entgegengenommen, bevor ich dann meine eigenen bekam. Von Zeit zu Zeit denke ich heute noch: Wahnsinn! Ich war echt bei Deep Purple, in Gottes Namen! Ich habe 70 Millionen Platten verkauft!

Mr. Gillan, als David Coverdale 1973 Ihr Nachfolger wurde, musste er im Gegensatz zu Ihnen auf Tour stets Ihre Hits wie "Highway Star" oder "Smoke On The Water" singen. Wieso haben Sie bis heute nie einen seiner Songs wie "Burn" oder "Mistreated" gesungen - obwohl die auch Welterfolge waren?

Gillan: Als ich Deep Purple erstmals verließ, habe ich mir danach weder "Burn" noch "Stormbringer" angehört. Ich mochte das letzte Purple-Album mit Coverdale, "Come, Taste The Band" - aber es klang nicht mehr nach Deep Purple. Deshalb habe ich nie seine Songs gesungen und werde es auch nicht tun. Als ich Purple damals verließ, war das wie eine Scheidung, sehr schmerzhaft. Purple war wie meine Ehefrau, von der ich mich getrennt habe - da wollte ich nicht durchs Fenster sehen und meine Frau mit diesem anderen Typen sehen. Natürlich ist das kindisch, aber ich glaube, aus dieser Phase bin ich noch immer nicht ganz heraus.

Wäre der 40. Jahrestag der Bandgründung nicht ein schöner Anlass, für einen gemeinsamen Auftritt aller Ex-Mitglieder?

Coverdale: Um ehrlich zu sein, habe ich nur noch Kontakt zu Glenn Hughes, der zu meiner Zeit Bassist bei Purple war. Und neulich habe ich Jon Lord aufs Band gesprochen, der die Band mit gegründet hat und zurzeit in Australien lebt. Ich habe ihm Glück für seinen Auftritt mit dem Adelaide Symphony Orchestra gewünscht, einen Abend "Deep Purple auf Klassik". Mit den anderen stehe ich in keinem Dialog mehr. Leider habe ich auch mit den Jubiläumsveröffentlichungen und -events nichts mehr zu tun. Der damalige Purple-Manager macht das, ohne irgendeinen von uns einzubeziehen. Wir sind alle sehr enttäuscht.

Sie hätten also Lust darauf, die anderen mal wieder zu treffen?

Coverdale: Nein, ehrlich gesagt, habe ich daran kein großes Interesse. Ich bin ich der am wenigsten nostalgische Typ, den ich kenne. Mir ist erst in diesem Jahr klar geworden, dass es tatsächlich schon der 40. Geburtstag von Purple ist. Ich wusste noch, dass es im Sommer 35 Jahre her ist, dass ich bei Purple eingestiegen bin. Es gibt gerade zu viele Jubiläen für mich: Letztes Jahr der 20. Jahrestag des "1987"-Albums von Whitesnake, nun 30 Jahre Whitesnake und 40 Jahre Purple. Ich weiß, das Erbe von Deep Purple gilt in Europa als riesig. Aber mir vergeht die Laune, wenn ich in jedem Interview zuerst danach gefragt werde, was ich Mitte der 70er gemacht habe. Vor allem in Osteuropa gelten Purple als Götter, da werde ich immer als ERstes gefragt: "Ey Dävijd, chow was it widd Diep Pürrrpell?" Da denke ich nur: Meine Güte!

Woher kommt diese Begeisterung?

Ian Gillan: Viele Jugendliche in Osteuropa bekamen damals durch unsere Musik mit, was außerhalb ihrer Länder los war. Sie lernten durch Songs wie "Child In Time", dass es auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs Menschen gab, die von ihrer politischen Führung genauso desillusioniert waren wie sie selbst.

Sie haben in diesem Jahr mit Deep Purple sogar für den russischen Präsidenten im Kreml gespielt. Im Bericht der deutschen "Tagesthemen" grinste Medwedew neben Ihnen wie ein Honigkuchenpferd?

Gillan: Ja, er hat gestrahlt! Er sagte uns, er habe als Jugendlicher ständig Deep Purple gehört - was in der damaligen Sowjetunion nicht erlaubt war. Ich hatte ihn mal bei einem Auftritt in Ost-Berlin getroffen, bevor die Mauer fiel. Er war damals so aufgeregt, mich zu treffen - er zitterte, während er mir erzählte, dass die Polizei mal Purple-Platten bei ihm gefunden hatte und er dafür eingesperrt wurde.

Sein Lieblingssong soll Ihr "Child In Time" sein, wo Sie Zeilen singen wie "See the blind man shooting at the world". Schon seltsam für einen Präsidenten, der auch schon mal einen Krieg führt, oder?

Gillan: Wir hatten bei unserem letzten Treffen leider nicht viel Zeit zu reden. Aber Medwedew ist im Vergleich zu mir ja noch ein junger Kerl, ein Mann den Vierzigern. Und seine Begeisterung für uns war echt. Ich habe schon einige Premiers und Hoheiten getroffen, auf der ganzen Welt, aber Medwedew war schon etwas Besonderes. Er lachte ganz ehrlich. Wahrscheinlich ist er kein so guter Schach- oder Pokerspieler wie Putin.

Hat er Sie nicht gefragt, ob Sie die hohen Töne von "Child In Time" noch treffen?

Gillan: Nein. Aber "Child In time" habe ich in den letzten zehn, zwölf Jahren gar nicht mehr gesungen. Es ist einfach eine zu hohe Stimmlage. Die war schon fast zu hoch für mich, als ich 20 war. Wenn ich es doch versuchen würde, ging es ganz sicher schief, weil ich die ganze Zeit an den Notarztwagen denken müsste, der mich dann ins Krankenhaus bringen würde. Ich kann mir auch nur schwer vorstellen, mit 70 noch da oben zu stehen, und mir jeden Abend so die Seele aus dem Leib zu schreien.

Ritchie Blackmore geht es inzwischen leiser an. Haben Sie ihn mal bei einem seiner Auftritte in einer Burg gesehen - mit Laute, Strumphose und Renaissance-Musik?

Ian Gillan: Nein. Ich habe aber alle seine CDs. Er könnte, was die Aussteuerung seiner Akustikgitarre betrifft, eine bessere Abmischung brauchen. Ein etwas rauerer Sound wäre gut. Aber ich war nie bei einem seiner Gigs, ich möchte ihm nicht den Abend verderben. Wir sind beide älter geworden - ich weiß nicht mal mehr, woher unsere Probleme miteinander kamen.

David Coverdale: Wie ich höre, ist er damit glücklich. Und dadurch wird alles andere egal. Ich habe das Programm nie gesehen, aber ich kann ihn verstehen: Auf meinem iPod habe ich eine fantastische Renaissance-Playlist, ich bin ein großer Fan der Musik des 15., 16. Jahrhunderts. Ich bin mir nur unsicher, ob ich die richtigen Beine für Strumpfhosen habe.

(Interviews: Steven Geyer und Martin Scholz)

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