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Die weißen Blusen der ersten Frauen im Reichstag fielen im Meer der Anzüge auf. Die SPD-Frauen feiern daher in weiß.

100 Jahre Frauenwahlrecht

Wenn Schäuble Männer zu Hausarbeit mahnt

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Der Bundestag feiert den 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts. Forderungen nach einer Quote in den Parteien werden laut.

Weiß ist ein Teil des Plenarsaals an diesem Tag: Weiße Blusen, Jacketts, T-Shirts und Kleider. Die Frauen der SPD-Fraktion haben sich bei der Kleiderfarbe abgesprochen, auch die Ministerinnen leuchten weiß von der Regierungsbank.

Der Bundestag feiert den 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts. Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland erstmals wählen und gewählt werden. 37 Frauen zogen damals in den Reichstag ein, sie stellten neun Prozent der Abgeordneten. Ihre weißen Blusen stachen im Meer der Anzüge hervor.

„Meine Herren und Damen!“, so beginn die ehemalige Fabrikarbeiterin Marie Juchacz damals die erste Rede einer Frau im Reichstag. Das Protokoll verzeichnete Heiterkeit.

Bei der Feierstunde lässt sich neben der weißen Kleidung im Saal verzeichnen, dass aus dem Kabinett Innenminister Horst Seehofer fehlt und vor allem bei Union und AfD ein paar Abgeordnetenreihen leer geblieben sind. Es mag ein Zufall sein, dass Union und AfD die Fraktionen mit dem geringsten Frauenanteil sind. FDP und Grüne haben ihre Frauen alle vorderen Reihen überlassen. Rund 30 Prozent der Abgeordneten sind in diesem Bundestag Frauen, so wenig waren es zuletzt vor 20 Jahren. Und das ist dann auch das Thema, dass sich durch die Reden zieht.

Zwei ehemalige Politikerinnen und Ex-Frauenministerinnen haben die Festreden übernommen: Rita Süssmuth von der CDU und Christine Bergmann von der SPD. Süssmuth, lange eine der wenigen zentralen Frauenfiguren in der CDU und mittlerweile 81 Jahre alt, erzählt, wie sehr Frauen in den 60er Jahren drauf drängen mussten, dass der damalige Kanzler Konrad Adenauer sich bereit erklärte, auch mal eine MinisterIN zu ernennen. Adenauer sei zu erschöpft für Gespräche, so habe man versucht, die Frauen abzuwimmeln. „Ich möchte keine weiteren 50 Jahre warten, bis wir den nächsten Schritt tun“, ruft Süssmuth. „Wer heute annimmt, er könne ohne Frauen in der Welt etwas bewegen, der irrt sich.“ Es gebe das Vorurteil, dass Frauen manches nicht könnten oder wollten. „Wir können das schon“, ruft Süssmuth. „Wenn ihr das auch wollt, können wir noch viel mehr.“ Sie bleibt etwas im Ungefähren, schwingt dafür aber sehr munter eines ihrer Beine, als wolle sie schon mal Schwung holen.

Die Ostdeutsche Bergmann wird konkreter: „Nur dort, wo Parteien eine verbindliche Quote festgelegt haben, finden wir Frauen angemessen berücksichtigt“, sagt sie. „Auch wenn die Diskussion nervt: Mit der Freiwilligkeit sind wir noch nicht so weit gekommen.“ In der ersten Zuschauerreihe klatscht die Frau des Bundespräsidenten, Elke Büdenbender. Es klatschen auch SPD, Grüne und Linkspartei und zahlreiche Frauen der Unionsfraktion. „Es ist an der Zeit, sich ernstlich mit einem Paritätsgesetz zu befassen.“ Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel applaudiert.

Als im Reichstag das erste Mal ein Gesetz zum Wahlrecht der Frauen eingebracht worden sei, sei diese abgelehnt worden, erinnert Bergmann und fügt hinzu: „Unter dem Gelächter der Männer.“ Und sie erinnert das gesamtdeutsche Parlament an den „Gleichstellungsvorsprung“ der DDR. Frauen hätten dort ganz selbstverständlich gearbeitet, auch in technischen Berufen. Erwerbstätige Mütter seien nicht als Rabenmütter begriffen worden. „Das war kein schlechtes Gefühl“, sagt Bergmann. „Die hatte ich an vielen anderen Stellen.“

Wolfgang Schäuble, der Bundestagspräsident aus Westdeutschland, hat zuvor erklärt, dass der Wandel der Geschlechter-Rollenbilder noch andauere. Und dann hat er sich an die Männer gewandt: Unbezahlte Tätigkeiten wie Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege müssten anders aufgeteilt werden. „Das ist eine weithin akzeptierte Erkenntnis, an deren Umsetzung Männer gelegentlich mit Nachdruck erinnert werden müssen.“

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