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Wenn Salafisten den Dialog suchen

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Von: Eckhard Stengel

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Polizisten patrouillieren in der Innenstadt von Bremen, im Hintergrund der Dom.
Polizisten patrouillieren in der Innenstadt von Bremen, im Hintergrund der Dom. © dpa

Nach dem Terroralarm in Bremen bietet der durchsuchte Moscheeverein "Islamisches Kulturzentrum" Bremen dem Staat überraschend einen Dialog an. Zwei Islamkenner halten das für eine sinnvolle Idee. Der Innensenator will den Vorschlag prüfen.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.“ Gilt das alte Sprichwort auch für den Umgang des Staates mit muslimischen Fundamentalisten, vor allem mit solchen, in deren Umkreis womöglich Gewalttäter verkehren? Aktuell stellt sich diese Frage, nachdem die Polizei kürzlich den Moscheeverein „Islamisches Kulturzentrum Bremen“ (IKZ) durchkämmt hat - auf der vergeblichen Suche nach Maschinenpistolen und Terroristen.

Nach der Razzia empfing der Vereinsvorsitzende Mohammad Omar Habibzada die Presse in seiner Gemeinde, einem Gewerbebau am Rande der Innenstadt, passend zur Verortung des Vereins am Rande der Gesellschaft. Der 37-jährige Diplom-Betriebswirt wies jeglichen Terrorverdacht zurück und beklagte sich über das martialische Vorgehen des SEK - zeigte sich aber auch unerwartet dialogbereit: Er würde Bürgermeister und Kirchensenator Jens Böhrnsen sowie Innensenator Ulrich Mäurer gerne die Hand reichen und mit den beiden SPD-Politikern zum Beispiel darüber reden, warum der Verfassungsschutz den Verein als salafistisch einstuft und seit Jahren überwacht. Dabei träfen sich hier doch verschiedene Glaubensrichtungen.

In der Tat wirkte das IKZ zumindest bei der Pressekonferenz nicht so, als wäre es eindeutig ein Hort von Extremisten. Neben bärtigen Gläubigen mit Kaftan verkehrten dort bartlose Jeansträger. Zu trinken gab es auch westliche Coca-Cola, und in den ausliegenden Islam-Broschüren fanden sich keine Aufrufe zur Bekämpfung von Ungläubigen oder zur Unterdrückung von Frauen.

„Man muss aufpassen, dass man keiner Propaganda erliegt“, warnt allerdings Rose Gerdts-Schiffler, die Sprecherin des Innensenators. Unter Berufung auf den Verfassungsschutz sagt sie, es sei schwer vorstellbar, dass im IKZ auch moderate Strömungen vertreten seien. „Der Verein in seiner Gesamtheit ist dem salafistischen Spektrum zuzurechnen.“

Gewaltbereite und Friedfertige

Zwei von der Frankfurter Rundschau befragte Islamexperten sehen das etwas anders. „So pauschal wäre ich mit diesem Begriff zurückhaltend“, meint Hans-Ludwig Frese, Diplom-Religionswissenschaftler an der Universität Bremen. Immerhin hätten sich die Radikaleren schon vor Jahren abgespalten und einen eigenen Moscheeverein gegründet, der dann 2014 vom Innensenator verboten wurde.

Aber auch wenn man das IKZ als salafistisch einstufe, müsse man zwischen Gewaltbereiten und Friedfertigen differenzieren, mahnt Frese. Er fände es jedenfalls sinnvoll, wenn der Staat Gesprächsangebote von Fundamentalisten „nicht generell ausschlagen würde“. Denkbar wäre zum Beispiel eine Kontaktaufnahme über Vermittler.

„Viele jugendliche Muslime sehen sich ohnehin schon im gesellschaftlichen Abseits und fühlen sich als Opfer von Diskriminierung“, meint Frese. Und diese Selbstwahrnehmung, ob sie nun berechtigt sei oder nicht, könne zu einer Radikalisierung führen. Deshalb sei in vielen Fällen ein Dialog sinnvoller als eine weitere Ausgrenzung.

Das Gesprächsangebot des Vereins sei eine große Chance, findet auch ein Islamkenner aus der Bremer SPD, der nicht namentlich genannt werden möchte. Statt undifferenziert Etiketten aufzukleben, „wäre es wichtig, sich zu öffnen für diese Leute“, meint er. Sonst müsse man damit rechnen, dass „einsame Wölfe, die sich hier nicht willkommen fühlen, einem Rattenfänger nachlaufen und dann wirklich gefährlich werden“.

Doch so kurz vor der Bürgerschaftswahl am 10. Mai dürfte sich kaum ein Politiker trauen, ausgerechnet mit mutmaßlichen Salafisten zu reden. Die Sprecherin des Innenressorts sagt dazu nur: „Wir haben das Gesprächsangebot zur Kenntnis genommen und prüfen es.“

Senator Mäurer suchte bisher lieber die Konfrontation: Mit Blick auf das IKZ behauptete er pauschal, Salafisten lehnten die Demokratie ab, propagierten die Vollverschleierung der Frau und befürworteten ihre körperliche Züchtigung. Habibzada widerspricht dem vehement. „Wir halten uns an deutsche Gesetze“, behauptet er. Und: Manche Frauen in der Moschee seien voll verschleiert, andere nicht. Wer ohne Schleier beten wolle, werde nicht ausgeschlossen. „Das muss sie mit sich selber und mit Gott ausmachen.“

Habibzada bestreitet auch Mäurers Vorwurf, dass der Verein finanziell und ideologisch aus Saudi-Arabien unterstützt werde. Broschüren und Gastprediger kämen zwar zum Teil von dort, aber auch aus anderen Ländern, sagt der IKZ-Chef. Sein Fazit: Mäurer solle lieber direkt mit ihm reden, statt sich nur auf den Verfassungsschutz zu verlassen.

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