US-Wahlkampf im Netz

Wenn Roboter die Wahl entscheiden

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Soziale Medien beeinflussen stark die politische Willensbildung. Das wissen die Demokraten und Republikaner und setzen auf Facebook und Co. Die Daten der Wähler sollen in Stimmen verwandelt werden.

Der Aufschrei war groß: Als Facebook-Mitarbeiter einem Online-Magazin berichteten, dass die Trend-Themen auf der Plattform manipuliert und dabei konservative Inhalte unterdrückt würden, forderten Republikaner und auch der Handelsausschuss des US-Senats Aufklärung. Immerhin suchen 44 Prozent der US-Bürger in sozialen Medien nach journalistischen Inhalten. Facebook feuerte die Mitarbeiter – und verkündete: „Unsere Untersuchung hat keine Hinweise von systematischer politischer Befangenheit offenbart.“ Die Trend-Themen sind seitdem in der Hand von Algorithmen, eine redaktionelle Bearbeitung gebe es nicht mehr, so der Netzwerk-Gigant.

Die „Washington Post“ hat die Funktion seit ihrem Neustart beobachtet und stellt ihr jetzt ein vernichtendes Urteil aus: Speziell in den ersten Wochen hätte man Verschwörungstheorien, veraltete und gefälschte Nachrichten in der Liste gefunden. Aktuelle Themen seien häufig sehr spät aufgegriffen worden. Die redaktionellen Mitarbeiter, die Facebook entlassen hatte, seien eine Art „Korrektiv“ gewesen. Das fehle nun, moniert die „Washington Post“.

Auch an anderer Stelle sind Facebook-Algorithmen aktiv: Sie schneiden die Inhalte, die ein Nutzer angezeigt bekommt, auf dessen Interessen zu. Was das im Kontext des US- Wahlkampfs bedeuten kann, zeigt eine Visualisierung des „Wall Street Journal“. Die Zeitung stellt einen „roten“ und einen „blauen“ Facebook-Feed nebeneinander, einer speist sich aus Nachrichtenquellen, die als konservativ gelten, der andere Feed besteht aus Inhalten liberaler Quellen. Die unterschiedlichen Sichtweisen stehen sich so gegenüber, wie es ein einzelner Facebook-Nutzer wohl niemals sehen würde – der Betrachter entkommt der „Filterblase“ für einen Moment. Über eben diese „Filterblase“ im Wahlkampf hatte sich US-Präsident Barack Obama bereits im Frühjahr beschwert: „Republikaner und Demokraten hören nur noch auf Personen, mit denen sie bereits übereinstimmen“, sagte der Präsident in einem Interview.

Unterschiedliche Wege der Kandidaten

Als Kandidat für den Posten hatte Obama seinerzeit Erfolg mit dem Einsatz von Datenanalyse und sozialen Medien im Wahlkampf – und auch Hillary Clinton und Donald Trump setzen nun auf das Internet. Beobachter gehen davon aus, dass im Clinton-Team Big Data zum Einsatz kommt. Offiziell äußert sich ihr Stab dazu nicht. Die Auswertung von Daten soll jedoch unter anderem bei der Entscheidung helfen, welche potenziellen Wähler einen Hausbesuch oder einen Telefonanruf von einem demokratischen Wahlhelfer erhalten. Im Wahlkampf 2012 sollen durch die Datenanalyse mehr Wähler überzeugt worden sein als durch andere Werbemaßnahmen – auf der Seite von Donald Trump dürfte Datenanalyse trotzdem kaum eine Rolle spielen. In einem Interview erklärte der republikanische Kandidat bereits vor seiner Nominierung, er halte den Anteil der Datenanalyse an Obamas Sieg für überschätzt.

Vielleicht gehen die beiden Kandidaten deshalb in den sozialen Netzwerken unterschiedliche Wege. Trumps Twitter-Account ist berühmt-berüchtigt, dort schimpft und beleidigt er und versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Gleichzeitig sorgt eine Armee von Twitter-Bots – Hunderttausende soll es geben, schätzen Experten – dafür, Pro-Trump-Inhalte zu verbreiten und Hillary Clinton anzugreifen. Bots sind automatisch laufende Programm, hinter einer vermeintlichen Trump-freundlichen Nachricht steht also kein Mensch, sondern eine Software. Wer sie in welchem Interesse einsetzt, ist unklar.

Geld für TV-Werbespots gibt das Wahlkampfteam von Trump dagegen kaum aus – im Gegensatz zu Hillary Clinton, deren Fernsehspots auch auf Youtube gut ankommen. Besonders gelobt wird das demokratische Team für Werbespots, die Trumps eigene Worte nutzen, um ihm den Spiegel vorzuhalten.

Für die unterschiedlichsten sozialen Netzwerke werden Clintons Wahlkampfthemen von einem Team aufbereitet. So startet ganz aktuell ein Messenger-Bot für Facebook, der den Nutzern helfen soll, sich für die Wahl zu registrieren. Ein anderes Programm soll potenziellen Wählern echte Donald-Trump-Zitate auf die Handys schicken – der Populist soll so mit seinen eigenen Worten entlarvt werden.

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