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Ein aufbegehrender Pensionär und die aggressive Reaktion der Polizei in Nantes am Samstag.

Frankreich

Wenn die Rente wütend macht

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Frankreichs Regierung will das schwer durchschaubare Konstrukt aus diversen Kassen und Sonderregelungen vereinfachen – das Volk hat was dagegen.

Edouard Philippe bleibt ungerührt. Die Millionenwut vom Donnerstag kann den französischen Premierminister vom Reformkurs fürs Rentensystem so wenig abbringen wie die landesweiten Proteste am Wochenende: die Gelbwesten in Paris, in Toulouse und in Straßburg, die Antifa in der Hauptstadt, der schwarze Block in Nantes, die bunt zusammengewürfelten Protestzüge in Marseille, die Tränengasschwaden landauf, landab. „Wenn wir die Reform jetzt nicht durchziehen, wird es später nur viel brutaler“, sagte der Philippe laut der Zeitung „Le Monde“am Samstag.

Aber was soll da eigentlich wie reformiert werden? Und warum scheint das so viele auf die Straßen zu treiben? Ein Überblick;

Genau betrachtet  gibt es nicht ein französisches Rentensystem – es ist vielmehr aufgeteilt in 42 unterschiedliche Rentenkassen für die diversen Berufsgruppen. So existieren Kassen für die Angestellten privater Unternehmen, für die in der Landwirtschaft Beschäftigten sowie für Selbstständige. Dann gibt es noch die Spezialkassen für Beamte oder Angestellte im öffentlichen Dienst wie bei der Staatsbahn SNCF oder den Pariser Verkehrsbetrieben RATP, aber auch für bestimmte Freiberufler, darunter Anwälte. Die Komplexität vergrößert sich noch durch komplementäre Kassen, die an manche Arbeitnehmer Zusatzrenten überweisen.

Das reguläre Renteneintrittsalter  liegt derzeit für die meisten Berufstätigen – abgesehen von jenen, die von Sonderregelungen profitieren – bei 62. In manchen Fällen besteht die Möglichkeit, früher in Rente zu gehen, etwa bei besonders beschwerlicher Arbeit, im Militär, bei einer langen Karriere oder im Fall einer Behinderung. Um regulär die Vollrente zu erhalten, muss allerdings je nach Alter zwischen 41 Jahren und neun Monaten und 43 Jahren eingezahlt worden sein. Ab einem Alter von 67 Jahren bekommen Franzosen automatisch die volle Rente. Das durchschnittlich Renteneintrittsalter liegt in Frankreich bei 60,8.

Die Höhe der Pension  wird derzeit berechnet, indem man dafür bei Angestellten der Privatwirtschaft ihre 25 Jahre mit dem besten Einkommen heranzieht, bei Beamten die letzten sechs Monate vor der Verrentung. Von diesem Referenzeinkommen erhalten Angestellte 50 Prozent und Staatsdiener 75. 2017 lag die Rente im Durchschnitt bei 1422 Euro, wobei sie für Frauen deutlich niedriger ausfiel als für Männer. 2018 wies das Rentensystem ein Defizit von 2,9 Milliarden auf.

Das Defizit  betrifft alle Kassen gleich stark, aber im Einzelnen sind manche schlimmer dran als andere. Das hat mitunter auch demografische Gründe. Beispielsweise gibt es bei der SNCF derzeit 143 000 Angestellte, die einzahlen – aber 261 000 Rentner. Das heißt: Auf einen Bahnrentner kommen nur 0,55 aktive Eisenbahner. Bei den Anwälten ist es genau andersrum: Da zahlen rund 67 000 Aktive in eine Kasse für 16 000 pensionierte Juristen ein. In der gesellschaftlichen Gesamtdebatte spielt das Missverhältnis aber keine große Rolle. Es handelt sich zudem nicht wirklich um Querfinanzierung, weil jede der 42 Kassen ihr eigenes Budget hat. Aber natürlich lastet das Defizit letztlich auf dem Staat und allen Steuerzahlern.

Die Rentenkommission  hat errechnet, dass ohne Reform das Minus 2025 bei 7,9 bis 17,2 Milliarden Euro liegen wird – abhängig von der Wirtschaftslage. Mit ihrer Reform will die Regierung nicht nur das schon existente Minus abbauen, sondern sogar bis in rund 25 Jahren eine ausgeglichene Rentenkasse erreichen.

Die Reformpläne  sehen vor, dafür die Lebensarbeitszeit zu erhöhen – allerdings nicht über das Renteneintrittsalter, sondern vielmehr die Einzahldauer für eine vollständige Rente. Außerdem hat Präsident Emmanuel Macron ein Ende der 42 verschiedenen Rentenkassen versprochen, an ihrer statt will er ein für alle geltendes Punktesystem einführen. Der Sonderbeauftragte für die Rentenreform, Jean-Paul Delevoye, schlägt einen Punkt pro eingezahlte zehn Euro vor ebenso wie die Möglichkeit von Bonuspunkten, etwa im Fall von Mutterschaftsurlaub oder der Pflege eines Angehörigen. Auf Basis der während der Karriere angesammelten Punkte soll dann die Höhe der Rente errechnet werden. Die französische Regierung sieht offenbar auch eine Grundrente von 1000 Euro im Monat vor, die allerdings an das Renteneintrittsalter gebunden sein könnte.

Viele Franzosen  befürchten Nachteile durch die Reform, geringere Pensionsansprüche und längere Lebensarbeitszeit. Tatsächlich hätten Beamte durch eine veränderte Berechnung ihrer Ansprüche Nachteile. Profitieren könnten dagegen Mütter, Bauern und andere Geschäftstreibende, deren Pension derzeit oft unterhalb der künftig garantierten Minimalrente von 1000 Euro im Monat liegt. Zwar werden die Sonderkonditionen bestimmter Berufsfelder immer wieder kritisiert und laut Umfragen ist auch ein Großteil der Bevölkerung für eine Reformierung dieses undurchsichtigen und komplexen Systems – aber gleichzeitig überwiegt die Angst des Einzelnen vor Veränderung der derzeitigen und künftigen Lebenslage.

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