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Schlüsselfigur der radikalen Neonazi-Szene: Thorsten Heise, vor dessen Haus die Hetzjagd auf die Journalisten begann.

Gewalt gegen Journalisten

Wenn Neonazis jagen

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Nach der brutalen Attacke Rechtsextremer gegen Journalisten in einem kleinen Dorf in Thüringen könnte bald Anklage erhoben werden. Was hat Neonazi Thorsten Heise mit der Attacke zu tun?

Das Haus von Thorsten Heise ist das größte und schönste in Fretterode. Es liegt mitten in dem thüringischen Dorf, auf einer kleinen Anhöhe gleich hinterm Kriegerdenkmal, wie es sich für einen stellvertretenden NPD-Vorsitzenden und international vernetzten deutschen Neonazi gehört. Durch das schmiedeeiserne Tor führt eine Auffahrt hoch zu dem alten Gutshaus, vorbei an einem steinernen Denkmal, das die Abzeichen der Leibstandarte SS Adolf Hitler und der 12. SS-Panzerdivision Hitlerjugend trägt.

Das Grundstück im Eichsfeld war Ende April Ausgangspunkt eines brutalen Überfalls von Neonazis auf zwei Göttinger Journalisten. Nach einer Verfolgungsjagd schlugen und stachen zwei Angreifer auf die zwei ein, verletzten sie schwer und raubten ihnen die Kamera. Die Thüringer Polizei hat ihre Ermittlungen zu dem Überfall, der bundesweit für Aufsehen sorgte, jetzt abgeschlossen. Anfang 2019 will die Staatsanwaltschaft Mühlhausen entscheiden, ob sie Anklage erhebt. Vorher erhalten alle Beteiligten Akteneinsicht und können sich äußern.

Der Tatvorwurf der Polizei lautet auf schweren Raub in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Für eine Tötungsabsicht oder auch nur einen bedingten Tötungsvorsatz – hierbei zielt der Täter nicht darauf, das Opfer zu töten, nimmt aber dessen möglichen Tod bei seinem Angriff billigend in Kauf – hätten sich nach den Ermittlungen der Polizei „keine objektiven Anhaltspunkte“ ergeben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Göttinger Rechtsanwalt Sven Adam, der die Überfallopfer vertritt, sieht das anders. „Wer mit einem Messer blindwütig durch eine eingeschlagene Autoscheibe nach einem Menschen sticht, muss damit rechnen, dass er ihn so schwer verletzt, dass der Angegriffene tödlich verletzt wird“, sagt er.

Verbindungsfigur zwischen der Kameradschaftsszene und NPD

Gleiches gelte für den Angreifer, der einem anderen mit einem schweren Schraubenschlüssel auf den Kopf schlägt. Das Gericht werde prüfen müssen, „ob nicht doch ein bedingter Tötungsvorsatz bei den Tatverdächtigen vorliegt“.

Zu dem Überfall war es am 29. April gekommen. An diesem Tag hielten sich Malte und seine Journalistenkollege Julius (Namen geändert) auf der öffentlichen Straße vor Heises Grundstück auf. Sie hatten einen Hinweis erhalten, dass an diesem Tag ein Treffen von führenden Neonazis bei Heise stattfinden sollte. Der mehrfach vorbestrafte Heise, der 1999 aus Niedersachsen nach Thüringen in die 130-Seelen-Gemeinde Fretterode gezogen ist, gilt als derzeit einflussreichste Verbindungsfigur zwischen der Kameradschaftsszene in Deutschland und der NPD, die er mit anderen rechtsextremen Parteien zu einer radikalen rechten Volksfront zusammenschweißen will.

Am Ende fließt Blut

Malte und Julius, die seit Jahren die Neonazi-Aktivitäten im Raum Niedersachsen-Thüringen recherchieren, wollten die anreisenden Nazikader für Recherchezwecke fotografieren. „Anderthalb Stunden passierte aber nichts, dann kam plötzlich jemand von Heises Grundstück, sprang über den Zaun und lief um unser Auto herum“, erzählt Malte. Sie hätten den Mann fotografiert, der daraufhin in das Haus zurücklief. Kurz darauf hätten sie das Feld geräumt. Die Journalisten fuhren mit ihrem Auto davon, doch sie kamen nicht weit. Am Ortsausgang blockierte ein schwarzer Wagen die Straße. Zwei Männer sprangen heraus, vermummt. „Sie rannten auf unser Auto zu und hatten einen langen Schraubenschlüssel und einen Baseballschläger dabei“, erinnert sich Malte. „Wir fuhren rückwärts, aber einer der beiden rannte hinter unserem Auto her.“ Schließlich gelang es ihnen, davonzufahren. Aber der schwarze Wagen hatte sie schnell eingeholt.

Die Flucht endete schließlich in einem Straßengraben. Das Auto der Verfolger hielt an, die beiden Insassen sprangen heraus und näherten sich den Journalisten. Geistesgegenwärtig hatte Malte die Speicherkarte zuvor aus der Kamera genommen und sie in seinem Strumpf versteckt. Darauf waren Fotos eines der beiden Angreifer. Die Neonazis zerstachen die Reifen, zerschlugen die Scheiben des Autos und sprühten Pfefferspray in das Wageninnere. Julius, der aus dem Auto flüchtete, wurde mit einem etwa 40 Zentimeter langen Schraubenschlüssel niedergeschlagen und zog sich eine heftig blutende Platzwunde am Kopf zu. Malte war im Auto geblieben. Der zweite Angreifer hatte es auf die Kamera abgesehen, die im Auto lag. Mehrmals stieß er mit einem langen Messer, wie es sie in Outdoor-Läden gibt, nach dem Journalisten, traf ihn schließlich im Oberschenkel. Dann griff er sich die Kamera und raste mit dem Komplizen davon.

Bei den Angreifern soll es sich nach den Ermittlungen der Polizei um Gianluca B., der dem NPD-Landesvorstand Niedersachsen angehört, und einen der Söhne Heises handeln. Beide Tatverdächtige sind auf freiem Fuß. B. agierte bei einem Nazitreffen auf Heises Grundstück am 8. November sogar als Ordner und Ansprechpartner der Polizei. An diesem Tag hatte Heise den 96-jährigen Kriegsverbrecher Karl Münter als Referenten eingeladen. Rund 120 Neonazis aus ganz Deutschland und dem Ausland waren zu dieser Veranstaltung angereist. Der frühere SS-Mann Münter hatte im April 1944 an dem Massaker im französischen Ascq mitgewirkt, bei dem eine SS-Einheit 86 Zivilisten erschoss.

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