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Frauen in Bangladesch bekommen mit Kleinkrediten eine Chance, auf eigenen Füßen zu stehen. Manchmal schießen ihre Männer aber wieder quer.
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Frauen in Bangladesch bekommen mit Kleinkrediten eine Chance, auf eigenen Füßen zu stehen. Manchmal schießen ihre Männer aber wieder quer.

Und wenn die Milchkuh stirbt?

Kleinkredite sind eine große Hilfe für die Armen in Ländern der so genannten Dritten Welt, aber sie sind kein Allheilmittel.

Von Ingo Ritz und Peter Dietzel

Bangladesch gilt als Musterland der Kleinkredite: In fast jedem der 87 000 Dörfer kann die Bevölkerung Startkapital zu fairen Zinsen aufnehmen. Über eintausend nicht-staatliche Entwicklungsorganisationen (NGOs) und die von Nobelpreisträger Mohammed Junus gegründete Grameen Bank - deutsch Dorfbank - bieten diese Mikrofinanz-Dienstleistungen an. Das Grameen-Modell ist einer der erfolgreichsten Exportartikel des Landes. Nach Angaben von Grameen hat die Bank 6,6 Millionen Kredit-Kunden. 97 Prozent sind Frauen. Mindestens nochmals die gleiche Anzahl armer Menschen haben Kredite bei NGOs aufgenommen. Doch es reicht nicht, Geld zu verleihen, dieses zurückzuholen, und dann zu glauben, die Dinge hätten sich verändert.

Frauen, die an Spar- und Kreditprogrammen teilnehmen, organisieren sich in Gruppen mit 15 bis 40 Mitgliedern. Auf ihren regelmäßigen, meist wöchentlichen Treffen spart jedes Mitglied zwischen zwei und 15 Cent. Das Sparen ist verpflichtend. Der Kredit gebenden Institution gibt das die Sicherheit, dass es sich um eine zuverlässige Kundin handelt. Die Ersparnisse bilden eine Rücklage für Notzeiten und Eigenkapital für Investitionen.

Kapital ist für die arme Bevölkerung auf dem freien Markt unvorstellbar teuer

Wenn eine Gruppe vier Monate gespart hat, erhalten die ersten Mitglieder Kredite. Anfangs liegen sie zwischen 15 und 50 Euro. Die Frauen investieren zum Beispiel in mehrere Hühner für 15 Euro oder in eine Milchkuh für 50 Euro. Eier oder Milch werden verkauft und bringen die erwünschten Einnahmen. Innerhalb eines Jahres muss der Kredit zurückgezahlt werden. Der Zinssatz liegt real bei 22 bis 28 Prozent. Wenn dies gelingt, erhält die Frau den nächsten Kredit. Mit jedem neuen Kredit kann dessen Höhe steigen, auf bis zu 300 Euro. Jede Teilnehmerin bringt zum Gruppentreffen ihr Sparbuch mit, in dem alle Ersparnisse und Rückzahlungen eingetragen werden.

Zentrales Element für die hohe Rückzahlungsquote, die bei der Grameen Bank 2006 nach deren Angaben 98 Prozent beträgt, ist der Gruppendruck: Wenn eine Frau nicht zurückzahlt, erhalten die anderen in der Gruppe keinen Kredit.

Wer benachteiligte Frauen in den Dörfern fragt, was sie am nötigsten brauchen, erhält meist eine eindeutige Antwort: Kredite. Kapital ist für die arme Bevölkerung knapp und unvorstellbar teuer: Geldverleiher nehmen 20 Prozent Zinsen pro Monat! Geschäftsbanken haben kein Interesse an den Frauen. Erstens können sie die üblichen Sicherheiten nicht nachweisen. Zweitens sind die Beträge, die sie leihen möchten, viel zu niedrig. Doch Kapital wird benötigt: Es gibt im ländlichen Bangladesch relativ risikoarme Investitionsmöglichkeiten, die eine hohe Rendite erwirtschaften.

Kleinkredite haben die Situation von hunderttausenden Frauen verbessert: Neben Reis steht jetzt öfter Gemüse und sogar Fisch oder Ei auf dem Speiseplan der Familie. Ein Arztbesuch wird möglich und der Bau einer Toilette. Mehr Kinder gehen zur Schule. Frauen erwähnen häufig auch, dass sie weniger von ihren Ehemännern geschlagen werden. Denn diese befürchten, dass in der Kredit-Gruppe darüber gesprochen wird.

Viele Frauen haben deutlich an Selbstwertgefühl gewonnen. Wer eine Gruppe unmittelbar nach deren Gründung besucht und dann fünf Jahre später wieder, ist meist höchst erstaunt: schüchterne Frauen sind zu einer selbstbewussten Gemeinschaft zusammengewachsen, die Unrecht und ihre Forderungen und Ziele klar benennt.

Doch Unterdrückung lässt sich nicht ohne weiteres durch Zugang zu Kapital aufbrechen. Oft erhält die Frau den Kredit. Der Ehemann investiert ihn. Und die Frau haftet. Auch dann, wenn der Mann das Einkommen für sich behält. Nicht selten erhöhen Männer den psychischen Druck auf ihre Frau, größere Kredite heranzuschaffen. Sogar Fälle von Polygamie sind bekannt: denn zwei Frauen bringen mehr Kredite ins Haus als eine. Lokal begrenzte Studien zeigen auf, dass die Höhe der Mitgift-Forderungen mit Einführung der Kleinkredite anstieg. Die Veränderung kulturell und religiös verwurzelter Werte braucht mehr als Finanzdienstleistungen.

Mikrofinanz-Programme sind vergleichsweise einfach strukturiert. Sie bieten ein klares Anreizsystem für die Gruppen-Mitglieder wie für die Bank. Damit haben sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber vielen anderen, komplexen Entwicklungsprojekten: Sie fordern weniger Idealismus und Persönlichkeit, sondern setzen pragmatisch auf die Interessen der Beteiligten.

Wenn sie richtig organisiert sind, tragen sich Kredit-Programme selbst. Die Zinseinnahmen decken die Gehälter der Mitarbeiter. Deshalb ist eine Ausweitung der Spar- und Kreditdienstleistungen auf viele Menschen möglich, ohne dass von außen immer wieder frisches Geld zufließen muss. Die Projekte hängen nicht am Tropf der Geldgeber.

Doch der Erfolg hat seine Schattenseite. Kritik an der Grameen Bank ist die Folge. Viele Frauen profitieren von den Programmen. Andere verzeichnen kaum Einkommenssteigerungen. Kaum erwähnt werden jedoch die Verliererinnen. Was passiert, wenn die Milchkuh stirbt? Versichert ist sie nicht. Zurück bleibt eine verschuldete Familie, die immer höhere Kredite aufnehmen muss, um die vorherigen zurückzuzahlen. Das ist eigentlich gegen die Regeln der Bank. Doch nur so wird eine Rückzahlungsquote von 98 Prozent erreicht. Natürlich können nicht alle Investitionen erfolgreich sein.

Schäden und Risiken müssen jedoch begrenzt werden. Hier kann von anderen NGOs - zum Beispiel in Indien - viel gelernt werden. Dort gibt es Versicherungssysteme für Vieh. Zugleich müssen die Kreditnehmerinnen Zugang zu tiermedizinischer Versorgung erhalten.

Deutliche Kritik ruft die Tatsache hervor, dass gängige Kredit-Programme die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung kaum erreichen. Allein gelassene Frauen, Witwen und Bettlerinnen werden erst gar nicht in eine Gruppe aufgenommen. Sie sind sozial ausgegrenzt und wirtschaftlich zu schwach. Sie können nicht - wie im Grameen-Modell vorgesehen - wenige Wochen nach der Kreditvergabe mit der Rückzahlung beginnen. Zuerst muss die Investition Gewinn abwerfen. Auch das regelmäßige Sparen, das im Grameen-Modell verpflichtend ist, können sie nicht garantieren. In ihrem täglichen Überlebenskampf bleibt nicht mal die Zeit, regelmäßig an den Gruppentreffen teilzunehmen. Sie fristen mit einer, höchstens zwei Mahlzeiten am Tag ihr Dasein am untersten Existenzminimum.

Armut passt nicht in unsere zivilisierte Welt, sie gehört ins Museum

Die Grameen Bank und mehrere NGOs haben dieses Problem in den vergangenen Jahren erkannt. Die Grameen Bank hat flexible Kredite für Bettlerinnen eingerichtet. BRAC, die größte NGO des Landes, hat Startkapital ohne Rückzahlung an 70 000 Frauen ausgegeben. Das deutsche Bangladesch-Hilfswerk NETZ erreicht in Zusammenarbeit mit drei regional verwurzelten NGOs derzeit 7000 Frauen aus der ärmsten Bevölkerung. Unterstützt werden die Projekte von Spendern in Deutschland, dem Entwicklungsministerium und der hessischen Landesregierung. Ab Januar 2007 werden weitere 5000 Familien in der ärmsten, nördlichen Region des Landes in das NETZ-Programm aufgenommen.

Hierbei wird das Kleinkredit-Modell an die Situation der Ärmsten angepasst. Die Frauen sparen nur so viel, wie sie vermögen. Ihr erstes Startkapital erhalten sie zu niedrigen Zinssätzen. Die Rückzahlung des Kredits beginnt erst, wenn die Investition Einnahmen abwirft. Bewahrt bleiben die Stärken des Grameen-Modells: der wirtschaftliche Anreiz für die beteiligten Familien und die Nachhaltigkeit der Kredit-Fonds. Doch in Notzeiten wird die Rückzahlung ausgesetzt. Wenn die Kuh stirbt, erhält die Kreditnehmerin ihren Verlust aus einem Sicherungsfonds erstattet. Und alle Frauen nehmen an beruflichen Schulungen teil. Zudem lernen und planen sie, wie sie mit ihrer Selbsthilfe-Organisation im Dorf ihre Rechte einfordern. Konkret kann das der Zugang zu einer staatlichen Dienstleistung sein, etwa damit das Veterinäramt die Impfung der angeschafften Tiere gewährleistet. Doch die Frauen protestieren auch öffentlich gegen Kinder-Ehen, Mitgift-Forderungen und Gewalt.

Kreditprogramme sind ein wirksames Instrument gegen Armut. Eine Wunderwaffe, die alle Probleme löst, sind sie nicht. Die ungerechte Verteilung von Ressourcen können sie höchstenfalls lindern. Den weit verbreiteten Machtmissbrauch - vielfach Ursache für Verarmung in Bangladesch - dämmen sie nicht ein. Und der fortgesetzten Verletzung elementarer Menschenrechte schieben sie keinen Riegel vor. Dies leisten andere Akteure der Zivilgesellschaft Bangladeschs: Menschenrechtler, Journalisten, nicht-staatliche Organisationen, die für politische Mitbestimmung der Ärmsten eintreten. Gerade sie sind dringend auf Unterstützung aus dem Ausland angewiesen.

"Armut passt nicht in unsere zivilisierte Welt", ist Mohammed Junus überzeugt, "ihr Platz ist das Museum!" Durch Kleinkredite allein wird diese Vision nicht Wirklichkeit werden. Doch wenn die NGOs in Bangladesch die beschriebenen Probleme anpacken, können sie spürbar zur Erreichung eines konkreten Ziels beitragen: das Ziel der Vereinten Nationen und der Regierung Bangladeschs, die Armut bis 2015 zu halbieren.

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