+
Nicht nur Bienen, auch die Populationen der Monarchfalter in Mexiko werden immer geringer.

Insektenpopulationen

Wenn Insekten aussterben, ...

  • schließen

... brechen weltweit die Ökosysteme zusammen. Die Zeit drängt. Das Bienen-Volksbegehren kann hier nur ein Anfang sein.

Ältere Autofahrer kennen das noch: Nach einer Tour übers Land musste fast immer die Windschutzscheibe gereinigt werden. Unzählige plattgedrückte kleine Fliegen und andere Insekten klebten auf dem Glas und auch auf der Frontpartie des Wagens. Heute kommt das kaum noch vor, und wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen das Phänomen. Die Zahl und Masse der Insekten ist stark zurückgegangen.

Das Thema sorgt hierzulande für Schlagzeilen, seitdem eine Untersuchung ehrenamtlicher Insektenkundler vom Entomologischen Verein Krefeld publik wurde. Sie hatten 1989 bis 2014 Erhebungen in insgesamt 63 Gebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg gemacht. Die Vereinsmitglieder stellten zeltartige Netze auf, um Fluginsekten zu sammeln und deren Masse zu bestimmen. Ergebnis: Der Rückgang betrug bis zu 82 Prozent. Am stärksten war er in der Mitte des Sommers – dann, wenn die meisten Insekten umherfliegen.

Inzwischen haben weitere Studien den Rückgang für Deutschland insgesamt bestätigt. Die Gesamtmasse der Insekten hat seit 1990 um rund 76 Prozent abgenommen, wie ein Wissenschaftlerteam um Caspar Hallmann von der Radboud-Universität in niederländischen Nijmwegen ermittelte. Der Bestand an Großschmetterlingen sank beispielsweise um 56 Prozent. Die Publikation, veröffentlicht 2017 im Fachmagazin „PloSOne“, liefere den Beleg, dass der Insektenschwund nicht nur einzelne Standorte betreffe, sondern tatsächlich „ein größerflächiges Problem“ sei, schreiben die Autoren. Einen besonders dramatischen Bestandsrückgang zeigte eine weitere deutsche Studie, die die Situation am Beispiel eines Naturschutzgebietes im bergischen Wahnbachtal untersuchte; hier sank der Bestand an Schwebfliegen um 84 Prozent.

Natürlich ist das Insektensterben kein rein deutsches Phänomen, auch wenn es hier erstmals wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Fast die Hälfte aller Insektenarten weltweit geht laut einem Übersichtsartikel zurück, der demnächst in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ erscheint. Ein Drittel der Arten ist sogar vom Aussterben bedroht.

„Katastrophaler Einbruch der natürlichen Ökosysteme“

Der Rückgang geschieht offenbar in einem rasanten Tempo. Pro Jahr nehme die Biomasse der Insekten um 2,5 Prozent ab, schreiben die Studienautoren Francisco Sánchez-Bayo und Kris Wyckhuys von den australischen Universitäten Sydney und Queensland. Besonders dramatisch sei der Rückgang bei den Schmetterlingen, den Hautflüglern, zu denen Bienen und Wespen zählen, sowie bei den Dungkäfern.

Es drohe ein „katastrophaler Einbruch der natürlichen Ökosysteme“, warnen die Experten. Als Hauptursachen für den Artenschwund sehen die Forscher vor allem die Zerstörung von Lebensraum, etwa durch Siedlungs- und Straßenbau, und die seit Mitte des letzten Jahrhunderts in immer mehr Ländern praktizierte intensive Landwirtschaft. Besonders schädlich wirke hier der zunehmende Einsatz von Pestiziden wie den sogenannten Neonikotinoiden, die auf das Nervensystem der Insekten zielen, und die Überdüngung von Äckern und Wiesen. Hinzu kommen laut den Forschern biologische Faktoren – eingeschleppte Parasiten wie die Varroamilbe, die die Stöcke von Honigbienen befällt.

Ohne eine Kurskorrektur seien Insekten in 100 Jahren vermutlich ausgestorben, warnen die Experten. Dabei seien Insekten „von lebenswichtiger Bedeutung für die globalen Ökosysteme“.

Wie groß die Bedeutung der Insekten ist, kann man auch beim Bundesamt für Naturschutz (BfN) erfahren. „Es handelt sich um die artenreichste Gruppe aller Lebewesen, die über 70 Prozent der Tierarten weltweit stellt“, heißt es dort. Für den Erhalt der Biodiversität seien sie unersetzlich. Insekten bildeten die Grundlage eines komplexen Nahrungsnetzes, sie dienten Spinnen, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Säugetieren als Nahrungsquelle. Am und im Boden beförderten sie den Nährstoffkreislauf sowie die Humusbildung, im Wasser lebende Insektenlarven trügen zur Selbstreinigung von Gewässern bei.

Doch auch für den Menschen sind die Insekten wichtig. Die Leistungen gerade der blütenbestäubenden Arten seien für die Ernährung „von zentraler Bedeutung“, schreibt das Amt. Tatsächlich ist weltweit der Großteil nicht nur der wildwachsenden Blütenpflanzen, sondern auch der angebauten Nutzpflanzen – hier sind es rund 75 Prozent – auf Bestäubung angewiesen. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle hat 2016 errechnet, dass die wirtschaftlichen Verluste durch einen Zusammenbruch der Bestäubungsleistung weltweit 235 bis 577 Milliarden US-Dollar jährlich betragen würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare