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Wenn Holz zum Problem wird

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Von: Joachim Wille

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Der Öl-Gigant Total Energies stellt in Grand-Couronne im Westen Frankreichs jetzt auch Pellets her. Jean-François MONIER/AFP
Der Öl-Gigant Total Energies stellt in Grand-Couronne im Westen Frankreichs jetzt auch Pellets her. © Jean-François Monier/afp

Pelletsanlagen erlebten zuletzt einen Boom, nun wird darüber debattiert, ob das der Umwelt hilft.

Würden alle Häuser so aussehen, dann hätte Russlands Präsident Wladimir Putin nicht so ein leichtes Spiel mit seinem Energiekrieg gegen Deutschland und die EU. Das Einfamilienhaus von Gerhard Schuster und seiner Frau Thea, gebaut in den 1970er Jahren, ist klimafreundlich saniert. Wärmegedämmte Fassaden, Wärmeschutz-Fenster, eine Solaranalage fürs Warmwasser, eine weitere für Strom.

Seit neuestem fahren die beiden ein E-Auto, und die Elektrizität, die sie nicht selber herstellen, kommt von einem Ökostrom-Anbieter. Im Keller des Hauses steht eine Pelletsheizung, in der pro Jahr gut zwei Tonnen der kleinen Holzpresslinge verfeuert werden, die vor allem aus Reststoffen der Sägeindustrie hergestellt werden. Die beiden Senioren aus der Gemeinde Kriftel bei Frankfurt/Main wohnen praktisch klimaneutral.

Trotzdem lässt die Energiekrise die beiden Krifteler natürlich nicht kalt. „Der Energieverbrauch in Deutschland könnte heute schon viel niedriger liegen, wenn die Energiewende in den letzten 30 Jahren konsequent umgesetzt worden wäre“, sagt Schuster, ein pensionierter Physikingenieur. Die Abhängigkeit von Erdgas wäre viel geringer, meint er. Doch die Krise trifft das Ehepaar auch direkt.

Kürzlich hat Schuster sich Angebote für eine neue Lieferung Pellets kommen lassen. Die Preise sind gegenüber der letzten Beladung des Speichers im Keller förmlich explodiert. Damals, im März 2021, kostete die Tonne der kleinen Holz-Presslinge rund 200 Euro. Jetzt würden über 750 Euro dafür fällig. „Das ist der Hammer“, sagt Schuster.

Tatsächlich liegt der Preisanstieg über dem von Heizöl und ist vergleichbar mit den Erhöhungen der Abschlagszahlungen, die viele Erdgas-Kunden leisten müssen. Laut dem Deutschen Pelletsinstitut (DEPI) kostete eine Tonne im September durchschnittlich 763,76 Euro und damit 222 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Das Institut rechtfertigt die Preisexplosion mir drei Faktoren. Erstens seien die Energie zur Pelletsproduktion und der Diesel für die Auslieferung per Lkw teurer geworden, zudem hätten die Kundinnen und Kunden mehr bestellt als üblich, also offenbar aus Sorge, künftig werde alles noch teurer oder noch knapper als jetzt schon. „Viele Heizungsbetreiber bestellen Pellets auch ohne akuten Bedarf“, so das DEPI. Und dittens spielt der Boom beim Neubau von Pelletsheizungen eine Rolle: Im ersten Halbjahr 2022 wurden 43 500 neue Anlagen gebaut, das waren zehn Prozent aller neuen Heizungen. Ein Rekord, befeuert durch eine hohe staatliche Förderung von bis zu 45 Prozent – die inzwischen stark gekürzt wurde. Die Vorratslager dieser Anlagen mussten zusätzlich gefüllt werden.

Eine weitere Ursache für den Preisschub hat direkt mit dem Ukraine-Krieg zu tun. Die gesamte EU importierte zuletzt erhebliche Mengen Pellets aus Russland sowie Belaris und der Ukraine. Aus Russland kommt seit Mitte des Jahres wegen der Sanktionen nichts mehr. Das wirkt sich auf die Preise aus, und zwar auch in Deutschland, obwohl der Anteil der russischen Pellets hierzulande mit rund zwei Prozent am Verbrauch (erstes Halbjahr 2022) eher gering war. Die Knappheit im EU-Markt schlug aber auch hier durch. Eine weitere Quelle, die Bauindustrie, liefert derzeit auch weniger, weil der Bauboom abflacht. Es fallen also weniger Balken, Bretter und Platten an, die zu Sägespänen und dann Pellets verarbeitet werden.

Die Hoffnungen vieler Betreiber:innen von Pelletsheizungen gehen in der aktuellen Krise also nicht auf. Sie hatten mit der Nutzung des nachwachsenden Rohstoffs aus heimischer Produktion nicht nur etwas für den Klimaschutz tun wollen – beim Verbrennen wird ja nur das CO2 freigesetzt wird, das die Bäume beim Wachstum per Photosynthese eingelagert haben. Es ging ihnen auch um Versorgungssicherheit und dank bislang niedriger Brennstoffkosten um preiswertes Heizen. Putins Attacke auf die Energiesicherheit macht das zunichte.

Holzverbrauch

Seit Beginn der 1990er Jahre hat sich der Verbrauch des Holzes mehr als verdoppelt. 2021 wurden laut dem Statistischen Bundesamt rund 83 Millionen Kubikmeter Holz eingeschlagen, ein absoluter Rekord, unter anderem wegen großer Mengen Schadholzes aufgrund der Dürrejahre 2018 bis 2020.

Etwa 81 Prozent davon wurden für Hausbau und Möbelindustrie genutzt, etwa 14 Prozent waren Energieholz und rund fünf Prozent nicht verwertetes „Derbholz“, das im Wald verbleibt, obwohl es bereits bearbeitet wurde.

Der Großteil des Energieholzes wird in Kaminöfen, Kachelöfen und Hackschnitzel-Heizungen verbrannt, nur rund zehn Prozent gehen in Pelletsheizungen und -öfen. Deren Zahl wird nach Schätzungen bis Ende des Jahres fast 650 000 erreichen, sie liegt damit mehr als doppelt so hoch wie 2012 (rund 279 000). Insgesamt gibt es in Deutschland rund 21,3 Millionen Zentralheizungen. jwpol

Für viel Verunsicherung unter den Pelletsfans sorgt neuerdings aber noch eine weitere Debatte – nämlich die darüber, ob die Holzverbrennung denn tatsächlich so klimafreundlich ist, wie es lange hieß.

Umweltverbände wie der Naturschutzbund (Nabu) kämpfen gegen die Holzverbrennung. Deutschland könne es sich nicht leisten, jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen Scheitholz und drei Millionen Tonnen Pellets zu verheizen, so Nabu-Geschäftsführer Leif Miller. Der Wald als CO2-Speicher und Lebensraum für Pflanzen und Tiere sei in Gefahr. Doch auch das Bundesumweltministerium ist, seit es von Steffi Lemke (Grüne) geleitet wird, auf Distanz zum Heizen mit Holz gegangen. Es favorisiert die Nutzung des Rohstoffs in langlebigen Produkten, etwa in Möbelstücken oder Holzhäusern, die das darin gespeicherte CO2 Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte aus der Atmosphäre fernhalten. Die Fachwelt spricht dabei von einer „Kaskadennutzung“: zuerst etwa den Bau von Holzgebäuden, nach deren Abriss in der fernen Zukunft eine Weiterverwertung der Balken und Bretter zu Sekundärprodukten wie Spanplatten und erst ganz am Ende das Verbrennen des Materials zur Wärmegewinnung.

Das Umweltministerium schreibt auf seiner Homepage: „Heizen mit Holz ist entgegen der weit verbreiteten Meinung nicht klimaneutral.“ Bei der Holzverbrennung entstünden neben Feinstaubemissionen auch CO2 und andere klimarelevante Emissionen wie Methan. Und: „Pro produzierter Wärmeeinheit sind die CO2-Emissionen sogar höher als bei fossilen Energieträgern wie Kohle oder Gas.“

Beheizungsstruktur.
Beheizungsstruktur. © FR

Die Lobby der Forst- und Holzwirtschaft brachte das in Harnisch. In einem Brief an Lemke wehrte sie sich gegen „eine einseitige Darstellung dieses Komplexes“. Die Verbände kritisieren unter anderem, dass das Heizen mit Holz in dem Ministeriumstext pauschal als „nicht klimaneutral diffamiert“ werde, es im weiteren Verlauf aber dann heiße, „dass Alt- und Resthölzer sowie Holzpellets durchaus anders bewertet werden können“.

Tatsächlich nimmt das Ministerium „Alt- und Resthölzer, sofern für diese keine weitere stoffliche Verwendung besteht, und Sägespäne, die bei der Verarbeitung von Holz für die stoffliche Nutzung anfallen und dann zu Holzpellets verarbeitet werden,“ von der Kritik aus. Diese könnten „anders bewertet werden“. Da Holzpellets laut Pellets-Institut hierzulande fast zu 100 Prozent aus den Reststoffen der Sägeindustrie sowie aus „nicht sägefähigen“ Restholz, zum Beispiel aus den Stammspitzen, hergestellt werden, dürfen die Betreiber dieser Anlagen sich dann also doch als Klimaschützer betrachten. Zumal, wenn sie darauf achten, dass sie die Ware bei Produzenten aus der Region bestellen, wodurch die Transportwege und damit der Diesel-Verbrauch der Lkw niedrig ist.

Umstritten ist allerdings, ob die Pelletsnutzung weiter gesteigert werden sollte. Umweltexpertinnen sehen das kritisch. Der Geschäftsführer des Instituts für Energie- und Umweltforschung (ifeu) in Heidelberg, Martin Pehnt, sagt dazu: „Wir sollten die Energieholznutzung aus dem deutschen Wald insgesamt nicht steigern, sondern zurückfahren. Bei vermehrter Nutzung von Pellets, die eine deutlich bessere Feinstaub-Bilanz haben als Scheitholz-Kaminöfen, müsste daher die Nutzung von Scheitholz und Hackschnitzeln zurückgefahren werden.“

Pehnt plädiert: Holzheizungen auf die Gebäude fokussieren, die sich – noch – nicht für den Anschluss von Wärmenetzen und für Wärmepumpen eignen (siehe Interview). Und ein Vorrang für die energetische Modernisierung der Gebäude, die dann dank geringen Verbrauchs vor ökologischen und wirtschaftlichen Überraschungen schützt, und zwar unabhängig vom Energieträger.

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