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Naama Issachar, hier bei einer Anhörung im Dezember in Moskau, ist in Freiheit.

Russland

Wenn 9,6 Gramm zum Politikum werden

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Der russische Präsident Wladimir Putin hat mutmaßliche Drogenschmugglerin aus Israel begnadigt – jedoch nicht ohne Gegenleistung.

Am Ende strahlten alle vor Glück. Gestern umarmten der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu und seine Frau auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo die gerade freigelassene Naama Issachar. Am Vorabend hatte Russlands Präsident Wladimir Putin die junge Israelin mit amerikanischem Zweitpass begnadigt. Issachar war im Oktober von einem russischen Gericht zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis wegen Drogenschmuggels verurteilt worden. Der Richterspruch wurde nicht nur in Israel als Skandal aufgenommen.

„Natürlich freuen wir uns, dass sie ihre Freiheit wiederhat“, sagt Issachars russischer Verteidiger Vadim Kljuwgant der FR. „Aber Gerechtigkeit ist ihr nicht widerfahren.“ Der Makel eines Drogendeliktes hänge ihr weiter an, ohne dass sie ihn im Geringsten verdiene.

Die 27-jährige Yogatrainerin flog im April aus Indien zurück nach Israel, mit einer Zwischenlandung zum Umsteigen in Moskau. Auf dem Flughafen Scheremetjewo entdeckten Zollbeamte in einem Rucksack, den sie als Gepäck aufgegeben hatte, 9,6 Gramm Haschisch. Issachar wurde verhaftet und vor Gericht gestellt. Auf Grundlage eines russischsprachigen Protokolls, das die mutmaßliche Drogenschmugglerin nur mit dem Zusatz unterschrieben hatte, sie habe es nicht verstanden. Vor Gericht beteuerte sie, das Haschisch stamme nicht von ihr. Außerdem befand sie sich im Transitbereich, sie hatte offiziell kein russisches Staatsgebiet betreten und keinerlei Zugang zu ihrem Rucksack mit dem Haschisch. Deshalb bezeichnete die Verteidigung die Anklage wegen Drogenschmuggels als unsinnig.

Kirche gegen Freilassung?

In Israel und den USA forderten Demonstranten die Freilassung der jungen Frau. Israelische Medien aber zitierten Familienangehörige und Beamte, Moskau hätte vorgeschlagen, Issachar gegen den Russen Alexei Burkow auszutauschen. Der mutmaßliche Cyberkriminelle saß in Israel ein und wurde trotz russischen Protests im November an die USA ausgeliefert.

Aber auch danach bemühte sich die israelische Seite weiter um Issachars Freilassung. Ende Dezember sprach ein israelisches Gericht der russisch-orthodoxen Kirche das Besitzrecht am sogenannten Alexanderhof zu, einem historisches Architekturobjekt in der Altstadt von Jerusalem. Und Wladimir Putin wurde als Stargast empfangen, als er in der vergangenen Woche zum internationalen Holocaust-Forum nach Israel kam. Dort stellte ihm Netanjahu auch die Mutter der Verurteilten vor. Schon da lächelte Putin gnädig: „Alles wird gut werden.“ Rechtsanwalt Kljuwgant sagt, die Verteidigung und seine Mandantin würden nach ihrer Rückkehr nach Israel entscheiden, ob sie das Urteil weiter anfechten werden. Er schließt auch nicht aus, dass Issachar Entschädigung für die zehn Monate verlangt, die sie in Russland hinter Gittern saß.

Und in Moskau wird gemutmaßt, ob Netanjahu rein zufällig gerade gestern in Moskau landete, um mit Wladimir Putin den neuen Nahost-Plan Donald Trumps zu besprechen. Netanjahu befindet sich im Wahlkampf, muss sich gegen neue Korruptionsvorwürfe wehren. Es trifft sich also auch für ihn sehr gut, wenn er die befreite Issachar mit nach Hause bringt.

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