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Wenn gesunde Mahlzeiten unbezahlbar werden

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Von: Martin Rücker

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So ein gesunder Korb von einer Tafel bleibt für manche ein Traum.
So ein gesunder Korb von einer Tafel bleibt für manche ein Traum. © dpa

Die Inflation rückt ein fast vergessenes Problem ins Licht: Mangelernährung und Hunger in Deutschland. Von Armut Betroffene formieren sich zu einer Protestbewegung.

„War heute bei meiner Ärztin, unter anderem zur Blutwertkontrolle. Einige Werte sind schlechter geworden.“

„Haben Sie was an Ihrer Ernährung geändert?“

„Ich bekomme Grundsicherung und die Lebensmittelpreise sind gestiegen. Ich kann mir kein Obst oder Gemüse mehr leisten.“

Schweigen.

Seit Wochen machen Armutsbetroffene in den sozialen Medien auf sich aufmerksam, offenherzig wie selten. Der Nutzer mit den schlechten Blutwerten, der sich auf Twitter „Ilian Feuerbringer“ nennt, ist einer unter vielen.

Anhand der aktuellen Preise, so berichtet er im direkten Kontakt, hat er einmal ausgerechnet: Für eine gesunde Ernährung mit regelmäßig Obst und Gemüse bräuchte er 65 Euro pro Woche. Die hat er nicht. Feuerbringer, Mitte 20, aufgrund einer Behinderung arbeitsunfähig, lebt von Grundsicherung; das sind 449 Euro im Monat. Für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke sind davon etwas mehr als fünf Euro am Tag vorgesehen, rund 36 Euro die Woche – theoretisch. Tatsächlich bleibt Feuerbringer weniger, schon, weil eine chronische Erkrankung zusätzliche Kosten verursacht.

Seinen Wocheneinkauf, erzählt er, bestreitet er mit etwa 20 Euro. Die müssen reichen für alles, für Essen, Putzmittel, Klopapier. „In guten Monaten“ habe er etwas mehr. In Wochen, in denen er ein Geschenk für sein Patenkind besorgt, weniger. „Da greife ich dann auch mal auf Tricks zurück wie Cornflakes mit Wasser statt mit Milch zu essen.“

Feuerbringer bedient sich vor allem bei Lebensmitteln, die kurz vor dem Ablauf stehen und zum Sonderpreis verkauft werden. „In den Wochen, in denen Butter dabei ist, kaufe ich Kartoffeln dazu und habe drei bis vier Abende warme Mahlzeit damit abgedeckt.“ Muss er Waschmittel nachkaufen, reicht es nur für Nudeln. Und manchmal nimmt er eine Tüte Chips für unter einen Euro: „Die ersetzt mir zwei Mahlzeiten, wenn es sein muss.“

Gesund ist anders. Wie viele andere merkt Feuerbringer, dass sich die Lage verschärft. Immer wieder bleibe ihm nichts übrig, als Mahlzeiten einfach wegzulassen, berichtet er: „Und nicht wie früher erst am Ende des Monats, sondern schon in der zweiten oder dritten Monatswoche.“

Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine steigen die Lebenskosten in Deutschland schmerzhaft an, im Juli lagen sie 7,5 Prozent über denen des Vorjahresmonats. Besonders stark erhöhten sich die Energiepreise, doch auch Lebensmittel waren fast 15 Prozent teurer als noch vor einem Jahr.

Die Inflation treibt die Verzweiflung – und den Protest. Ein Tweet im Mai reichte schon als Auslöser: „Lasst uns zeigen, wer wir sind“, ... „dass wir KEINE Zahlen sind“, schrieb eine alleinerziehende Mutter – und setzte als Erste das Hashtag-Bekenntnis #IchBinArmutsbetroffen unter ihre Zeilen. Allein darunter sind seither mehr als eine Viertelmillion Tweets hinzugekommen.

Auch auf der Straße formiert sich eine Protestbewegung abseits etablierter Verbände, geeint durch die Erkenntnis: Wir sind armutsbetroffen. Von Kiel bis München entstehen Ortsgruppen, die Kundgebungen und Demos organisieren. In Berlin treffen sich Armutsbetroffene inzwischen alle zwei Wochen zu einem Flashmob. Sie fordern höhere Sozialleistungen, protestierten im Mai vorm Kanzleramt und im Juni vor dem Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium.

„Wir wollen, dass die Politiker uns zuhören“, sagt Maria. Bis sie arbeitsunfähig wurde, arbeitete sie viele Jahre als Köchin, gab auch in Schulen Kurse für gesundes Essen. Sie braucht keine Tipps für gute Ernährung mit wenig Geld. Sie möchte wissen, was sie tun soll, wenn sie feststellt, dass der Brokkoli im Discounter „über Nacht doppelt so teuer geworden ist“.

Und verfolgt Bundessozialminister Hubertus Heil, selbst auf Twitter aktiv, die Hilferufe? Sucht er das Gespräch mit jenen Menschen, die ihr Leben digital für alle Welt entblößen? Wirklich beantworten will das eine Sprecherin Heils auf Nachfrage der FR nicht. „Selbstverständlich“ verfolge er „die öffentliche Diskussion zu steigenden Preisen und den verschiedenen Facetten von Armut“, betont sie nur – und verweist auf den jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Der jedoch sieht die Verantwortung bei den Betroffenen selbst, denen er ein „ungünstiges Ernährungsverhalten“ bescheinigt. Dass es ihnen am Geld für besseres Essen fehlt, zieht der Bericht nicht in Betracht.

Dabei ist genau dies wissenschaftlich gut belegt. Sollen Menschen nicht nur satt werden, sondern auch die Möglichkeit haben, sich gesund zu ernähren, reicht Hartz IV nicht aus: Zu diesem Schluss kam der Wissenschaftliche Beirat des Bundesernährungsministeriums noch vor Krieg und Corona. Auch in Deutschland gebe es „armutsbedingte Mangelernährung und teils auch Hunger“, schrieb er 2020 in einem Gutachten.

Stimmt die Diagnose, tun die politisch Verantwortlichen wenig, um das zu beheben. Zum Jahreswechsel erhöhten sie die Hartz-IV-Sätze um 0,76 Prozent, nachdem die Lebensmittelpreise gerade binnen eines Jahres um rund fünf Prozent gestiegen waren. Mit Musterprozessen wollen der Sozialverband VdK und der Sozialverband Deutschland nun klären lassen, ob es überhaupt zulässig ist, dass die Sozialleistungen der Preisentwicklung so deutlich hinterherhinken.

Wie viel Geld für eine gesunde Ernährung eigentlich nötig ist, kann derzeit niemand beantworten. Als Gießener Ernährungswissenschaftler:innen dies vor Jahren einmal ausrechneten, kamen sie auf etwa 7,50 Euro am Tag für Erwachsene; das sind weit mehr als die heutigen Hartz-IV-Sätze. Zwar berücksichtigten sie dafür weder Sonderangebote noch Discounterpreise, andererseits machten sie ihre Untersuchung bereits im Jahr 2002. Es folgten 20 Jahre Preissteigerungen.

Belegt ist hingegen eine klaffende Schere zwischen Arm und Reich bei der Ernährung. Studien zeigen, dass sich Einkommensschwache schlechter ernähren – und dass es in Deutschland selten an Kalorien, häufiger jedoch an wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen mangelt. In der Medizin spricht man schon vom „verborgenen Hunger“ und warnt vor den Folgen einer kritischen Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen vor allem für Kinder. Die Rede ist von einem „Hungerkarussell“ (siehe nebenstehendes Interview): Fehlt Eltern das Geld für gesunde Ernährung, droht Kindern eine Unterversorgung mit wichtigen Nährstoffen und dadurch eine schlechtere körperliche und geistige Entwicklung. Das senkt ihre Chancen auf Bildungserfolge und, später, auf gute Jobs – was es wahrscheinlicher macht, dass sie auch als Erwachsene in Armut leben werden und ihre Kinder nicht ausgewogen ernähren können. Armut und Mangelernährung bedingen sich demnach wechselseitig.

Wie viele Menschen sich in Deutschland gesundes Essen nicht leisten können, erfasst keine Statistik. Mehr als vier Prozent, schätzte die Welternährungsorganisation 2014, wies aber auf eine unsichere Datenlage hin. In Umfragen 2016 gaben neun Prozent der Menschen an, aus Geldgründen beim Einkauf auf Obst und Gemüse zu verzichten, 2020 sagten fünf Prozent, sie könnten sich nicht wenigstens jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit leisten. Heute ist nur bekannt, dass rund sechs Millionen von Hartz IV, Sozialgeld oder Grundsicherung leben. 16 Prozent der Bevölkerung und 20 Prozent der Kinder gelten als armutsgefährdet.

Leben also fünf, acht, zehn Prozent der Menschen in Ernährungsarmut – oder gar mehr? Eine Antwort hat auch das Bundessozialministerium nicht. Es verweist darauf, dass die Sozialleistungen „das menschenwürdige Existenzminimum“ garantierten, darin werde „auch der Bedarf für Ernährung und nicht-alkoholische Getränke berücksichtigt“.

Was so nicht stimmt, denn um den „Bedarf“ geht es bei den Regelsätzen nicht. Als Budget für Essen wird berücksichtigt, was die 20 Prozent Einkommensschwächsten in der Vergangenheit tatsächlich für Essen ausgaben. Ob das für ein gesundes Leben reichte, überprüft niemand. Wie viel eine ausgewogene Ernährung kostet, lässt die Sozialpolitik gar nicht erst berechnen.

Minister Heil will an diesem Prinzip nichts ändern. Allerdings erkennt er an, dass die Regelsatzberechnung „der Preisentwicklung nicht mehr standhält“. Beim Vorhaben, die „Grundsicherung“ durch ein „Bürgergeld“ abzulösen, möchte er deshalb durchsetzen, dass anstelle der unteren 20 die unteren 30 Prozent der Einkommen als Grundlage herangezogen werden. „40 bis 50 Euro“ mehr im Monat mache das aus – insgesamt, nicht nur für Essen. Heils Sprecherin verweist zudem auf die Einmalzahlungen, die als Inflationsausgleich getätigt wurden: 200 Euro für Hartz-IV-Empfänger:innen und 100 Euro pro Kind, für die es zudem einen monatlichen „Sofortzuschlag“ von 20 Euro gibt. Für Betroffene wie Sozialverbände viel zu wenig. Der Paritätische Gesamtverband fordert eine Anhebung des Regelsatzes von 449 auf 679 Euro, um das Existenzminimum zu sichern.

Während der Sozialminister seinen Gesetzentwurf vorbereitet, stehen für „Ilian Feuerbringer“ schon bald die Weihnachtsvorbereitungen an. „Jedes Jahr im Dezember koche ich zum Beispiel einen großen Topf mit meiner Lieblingssuppe vor, mache einen großen Auflauf und friere mir davon acht bis zehn Portionen ein, die ich dann im Laufe des Monats esse. Das ist jedes Jahr mein Highlight und quasi mein Weihnachtsgeschenk für mich“, berichtet er. Die Kosten dafür habe er sich immer im November abgespart. „Dieses Jahr muss ich mit dem Sparen dafür vermutlich schon im Oktober anfangen.“

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