+
Flüchtlingskinder brauchen vielseitige Betreuung.

Integration

Wenn Flüchtlingskinder träumen

Millionen von Menschen sind auf der Flucht und auf Hilfe angewiesen. In „Flüchtlingskinder – gestern und heute“ schreibt Hans Hopf über eine erfolgreiche Integration. Ein Buchauszug.

Von Hans Hopf

Mit 13 Jahren wurde Amal aus ihrer Familie herausgerissen. Seither war sie allein auf der Flucht. Nach beinahe fünf Jahren mit furchtbaren Erlebnissen kam sie in eine deutsche Großstadt, wo sie heute in einer Einrichtung betreut und in einer Psychotherapie behandelt wird. Amal leidet unter massiven Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung in allen Ausprägungen – um vieles schlimmer, als sie sich bei mir in Kindheit und Jugend manifestiert haben (Der Autor war selbst ein Flüchtlingskind, nachdem seine Familie aus dem Sudetenland vertrieben wurde, Anmerkung der Redaktion).

Trauma-Symptome wirken aus drei Bereichen heraus: Die Erregung ist angstbedingt erhöht; das Trauma wird wieder erlebt, und das Trauma wird vermieden. Die Verarbeitung geschieht mittels vielfältiger Mechanismen. Amal ist ständig übererregt, und sie wird ununterbrochen von Paniken überflutet. Unaufhörlich wird das Trauma über Nachhallerinnerungen und einschießende Bilder wiederbelebt. Verzweifelt sucht Amal die Vermeidung über Dissoziationen und Rückzug. Die junge Frau leidet auch an schweren Schlafstörungen. Maximal kann sie zwei Stunden in der Nacht schlafen. Dann überfallen sie schreckliche Albträume sowie Angst und Panikattacken. Tagsüber leidet sie an permanenter Schreckhaftigkeit. Innere Anspannungen und Unruhe verhindern, dass sie längere Zeit aufmerksam sein kann. Amal möchte so gerne lernen, aber sie schafft es einfach nicht, sich auf den Stoff zu konzentrieren. Bilder der Geschehnisse in Somalia drängen sich unkontrollierbar in den Schlaf oder in ihr Wachbewusstsein. Wegen ihrer schwerwiegenden Beeinträchtigungen kann sie morgens oft nicht aufstehen. Amal leidet zudem unter massiven diffusen Schmerzzuständen ohne organischen Hintergrund, die sie jederzeit überfallen können.

Die Folgen von Traumata können den Körper absolut schmerzlos werden lassen, sie können aber auch das Gegenteil bewirken. Der erfahrene seelische Schmerz hat sich bei Amal in einen körperlichen verwandelt. Der Traumaforscher Bessel van der Kolk hat sein Werk über das Trauma „Verkörperter Schrecken“ genannt, was das zentrale Geschehen auf den Punkt bringt. Die junge Frau verspürt außerdem ständig eine große innere Leere sowie eine graue Trostlosigkeit. Fast immer sind die Hauptfolgen von Traumata schwere Depressionen. Man könnte annehmen, dass kaum Steigerungen möglich seien. Für Amal ist jedoch das unerträglichste Symptom ihre Angst, wenn sie Polizisten sieht. Deren Anblick triggert sofort eine körpernahe Panik. Die junge Frau wird bewusstlos oder versucht, kopflos wegzurennen – Flucht oder Ohnmacht sind die einzigen ihr verbliebenen Möglichkeiten.

Ich habe Amals Lebensgeschichte erstmalig in einem Traumseminar gehört, in dem ihre Therapeutin den ersten Traum ihrer Behandlung vorstellte. Amal hat gewünscht, dass ihre Lebensgeschichte veröffentlicht wird. Nur so können wir begreifen, was wir Menschen wie Amal schuldig sind. Ich will dies mit einem Zitat des Schweizer Psychoanalytikers Mario Erdheim unterstreichen: „Traumatisierte Menschen sind aus der Welt gefallen und das ist auch der Grund, weshalb jede Kultur den Individuen Mittel zur Verfügung stellen muss, um sie wieder in ihre Welt zurückzuholen.“

Die Jugendliche kam 2014 zunächst in eine Einrichtung mit Ganztagsbetreuung. Mit der Betreuerin verstand sie sich von Anfang an sehr gut. Die Folgen der dramatischen Traumatisierungen auf ihrer Flucht wurden jedoch immer unerträglicher. Zunehmend wurde Amal von massiven Depersonalisationserscheinungen und dissoziativen Phänomenen überwältigt. Während solcher Zeiten versteckte sie sich hinter Schränken. Beim Anblick von Polizisten, die wegen anderer Personen in die Einrichtung kamen, wollte sie immer wieder aus dem Fenster springen oder rannte überstürzt weg. Manchmal wusste sie nicht mehr, dass sie sich derzeit in der Großstadt S. befand.

Amal hatte aber auch Probleme mit der Regulierung ihrer aggressiven Impulse. Ein Konflikt mit einem anderen Mädchen aus Sierra Leone eskalierte. Amal wurde daraufhin vorgeworfen, sie hätte im Streit mit einem Besenstiel auf das Mädchen eingeschlagen. Verzweifelt beteuerte sie, dass sie das nicht gemacht habe. Doch die Mitarbeiter der Einrichtung entschieden sich dafür, dass sie in eine Teilbetreuung gehen müsse. Dies hieß, dass sie dort einen Teil des Tages allein bewältigen musste. Das andere Mädchen durfte bleiben.

Amals Therapeutin berichtet: „Für Amal bedeutete diese Entscheidung eine immense Verletzung. Sie wurde vom Frauentherapiezentrum in meine Praxis verwiesen. Völlig aufgelöst und verstört kam sie bei mir an. Anfänglich war bei den Sitzungen eine Dolmetscherin dabei. Sehr schnell wurde deutlich, dass Amal auf ihrer Flucht schwere Gewalt von Männern erlebt hatte, und für mich erschien das gewalttätige Verhalten als Ausdruck ihrer Dissoziationen. Im weiteren Verlauf der Therapie konnte sie den Ablauf genau beschreiben. Sie spürt heftige Affekte, kann aber nicht ausreichend über sie sprechen. Schließlich kann sie sich nicht mehr beherrschen, Erregung und Wut brechen ungesteuert durch. Amal bedauert ihr Verhalten: ‚Ich kann nicht sprechen, aber dann schlage ich gleich los. Ich möchte das nicht mehr so!‘ Damit beschreibt sie ein Verhalten, das auch bei weiblichen traumatisierten Menschen vorkommen kann, nämlich das ‚Externalisieren‘; Gefühle werden in sofortiges und unkontrolliertes Handeln überführt. Diese Überlebensstrategien, Flucht, Aggression oder sich totstellen, hat Amal in ihrem Leben immer wieder einsetzen müssen, um zu überleben.

In der neuen Teilbetreuung wurden immer wieder Traumata getriggert. Auch vermisste Amal ihre bisherige Betreuerin, die mit ihr Stabilisierungsübungen gemacht hatte und die vor allem eine gute Beziehung zu ihr aufgebaut hatte. Amal quälten Schuldgefühle. Sie fragte mich, ob die Betreuerin noch böse auf sie sei. Ich veranlasste, dass Amal sie treffen konnte. Die Betreuerin versicherte ihr, dass sie keineswegs böse auf sie sei und hielt weiterhin mit ihr Kontakt. Daraufhin ging es Amal wieder sichtlich besser. An diesen Verläufen wird deutlich, wie sehr das Mädchen positive weibliche Beziehungen braucht und davon profitieren kann. Immer besser konnte sie während der Therapie Fehler oder Verständigungsschwierigkeiten zulassen, ohne wegrennen zu müssen. Einmal klappte der Anruf zur Tante in Äthiopien nicht, den wir gemeinsam tätigen wollten. In der nächsten Stunde zeigte sie ihren Ärger über mich, dass ich wohl nicht genügend Ausdauer bewiesen habe. Ich war erfreut darüber, dass sie jetzt auch negative Gefühle schuldfrei zeigen konnte. Amal hatte mittlerweile weibliche Beziehungen erfahren, die sie ernst nahmen und die ihr Hilfe anboten. Sie lernte dabei auch, Fremdheit immer besser auszuhalten. In diesem Zusammenhang kann von ersten korrigierenden Erfahrungen gesprochen werden, die Amal mit mir und ihrer Betreuerin machen konnte. Auch konnte sie nach langem Ringen dem männlichen Betreuer in ihrer Einrichtung etwas von ihren Ängsten mitteilen. Je mehr sie die Scham verlor, über ihre Traumatisierungen zu sprechen und sich in ihrer Angst und Unsicherheit zeigen konnte, desto mehr Fortschritte machte sie.

Den folgenden Traum hat Amal in ihrer fünften Therapiestunde erzählt: ‚Ich bin auf der Flucht. Ich fühle mich sehr traurig. Es herrscht Krieg, ich und andere Kinder sind geschlagen worden. Ich habe viel Blut am Körper. Zwei Kinder sitzen am Wegesrand, ich möchte Ihnen helfen. Ich frage die beiden: Wo ist denn eure Familie? Die Kinder antworten: Die sind tot. Ich denke: Ich bin nicht schuld. Ich frage mich: Wieso gibt es soviel Hunger? Ich frage andere Menschen: Bitte helft! Bitte helft!’“

Dieser Traum braucht nicht viele Erklärungen. Er ist ein beispielloser Appell an die Mitmenschen. Amals Traumerzählung ist ein Aufruf zum Mitfühlen, zur Hilfe und Wiedergutmachung, Beweggründe, die heutzutage leider oft verdrängt und vergessen werden. Zu oft stehen Neid, Hass und Angst um die eigene Existenz im Vordergrund.

Doch der Traum wirkt anders als die meisten unserer alltäglichen Träume, die während einer Therapie berichtet werden. In Träumen werden unsere geheimen Wünsche, unsere Absichten, auch Triebhaftes und „niedere“ Beweggründe verkleidet und unkenntlich gemacht. Dazu verfügt die ‚Traumarbeit‘ über bestimmte Mechanismen der Entstellung. Einer der wichtigsten ist die Symbolisierung. Auf diese Weise kann Eindeutiges vieldeutig werden. Aus gutem Grund sollen unsere unbewussten Wünsche bedeckt gehalten werden, denn unsere Träume sollten uns nicht allzu sehr beunruhigen, sondern vor allem den Schlaf hüten. Amals Traum setzt jedoch grausame Wirklichkeiten unverhüllt in Szene. Sie werden nicht mehr hinter Symbolisierungen verborgen. Solche Träume sind nach Traumatisierungen häufig, weil die symbolisierenden Fähigkeiten durch das Trauma oft zerstört, zumindest eingeschränkt worden sind. Es können Träume auftreten, welche die innere Gefährdung unmittelbar darstellen. Amals Traum schildert sicherlich die real erfahrenen furchtbaren Ereignisse und das dazugehörige Empfinden. Sie zeichnet den gesamten Schrecken nach, den sie erlebt hat, sie verleiht ihren Gefühlen eindringliche Bilder. Aber Träume sind immer auch eine Selbstdarstellung. Insofern ist auch zu erkennen, in welcher seelischen Verfassung Amal zum Zeitpunkt des Träumens lebt. Sie wird von Ängsten und Depressionen gequält, und es geht um Verletzung und Tod. Gleichzeitig zieht sich durch den gesamten Traum die Frage nach der Schuld. Angesichts dieser schwer zu kontrollierenden Affekte ist es verständlich, dass es immer wieder auch zum Durchbruch von Aggressionen kommen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion